Sprechstunde

Kann unser Sohn den finanziellen Schaden begrenzen?

Dr. Max Braeuer über eine Scheidung und die Regelung der Vermögensfragen nach englischem und deutschem Recht

Mein Mann und ich sind wegen der Ehe unseres Sohnes Alexander in großer Sorge. Er ist seit sechs Jahren mit einer Engländerin verheiratet. Wir hatten schon immer die Befürchtung, dass sie es in erster Linie auf Alexanders Geld abgesehen hat. Er hat in Oxford Betriebswirtschaft studiert. Um die teure Ausbildung bezahlen zu können, haben mein Mann und ich uns fast ein Bein ausgerissen. Wir kommen beide aus einfachen Verhältnissen. Deshalb haben wir uns sehr gefreut, als das Studium Früchte getragen hat. Unser Sohn ist als junger Unternehmer in Deutschland ausgesprochen erfolgreich geworden. So ist seine Frau wahrscheinlich auf ihn gekommen. Die Ehe der beiden steckt inzwischen tief in der Krise und ist wohl nicht mehr zu retten. Die Frau ist verschwendungs- und sehr streitsüchtig. Sie verlangt von unserem Sohn immer mehr Geld, obwohl die beiden, so wollte es unsere Schwiegertochter, ohnehin schon auf großem Fuße lebten. Vor einigen Monaten ist die Frau bei Alexander ausgezogen und zurück zu ihren Eltern nach England gegangen. Seitdem ist eine eigentümliche Stille eingekehrt. Wir haben aber erfahren, dass unsere Schwiegertochter in London Gespräche mit einem Familienrechtsanwalt führt. Wir haben die Sorge, dass sie irgend etwas plant. Ist das berechtigt?

(Mandana und Hektor B., Berlin-Steglitz)

Ich fürchte, Ihre Sorge ist nicht ganz unbegründet und wahrscheinlich ist nun große Eile geboten.

Dass Ihre Schwiegertochter in London Gespräche mit einem Rechtsanwalt führt, ist ein deutliches Anzeichen dafür, dass sie dort ein Scheidungsverfahren einleiten will. Das könnte für Ihren Sohn, wenn seine Frau es, wie Sie sagen, in erster Linie aufs Geld abgesehen hat, katastrophale Folgen haben. Das liegt am unterschiedlichen Güterrecht in den beiden Ländern, also dem Recht, das das Vermögen der Eheleute betrifft.

Ein englisches Gericht würde, wenn es dort zum Scheidungsverfahren käme, alle Vermögensfragen nach englischem Recht beurteilen, während bei einem Scheidungsverfahren in Deutschland deutsches Güterrecht zur Anwendung käme.

Die Unterschiede sind gravierend. Nach deutschem Recht würde Ihre Schwiegertochter im Rahmen der Scheidung nur an dem beteiligt werden, was Ihr Sohn während der sechsjährigen Ehe an Vermögen hinzugewonnen hat. Es wird also verglichen, was Ihr Sohn zu Beginn der Ehe hatte und was am Ende. Von der Differenz dieser beiden Beträge, dem sogenannten Zugewinn, muss er wertmäßig die Hälfte an die Frau abgeben.

Da Ihrem Sohn das Unternehmen schon zu Beginn der Ehe gehörte, kann die Schwiegertochter keineswegs die Hälfte des Unternehmenswertes verlangen, sondern allenfalls die Hälfte einer während der Ehe entstandenen Wertsteigerung des Unternehmens.

Anders ist die Lage in England. Dort wird weniger darauf geachtet, inwieweit das Vermögen in der Ehe angewachsen ist, inwiefern die Ehegatten also zusammen einen Wertzuwachs erwirtschaftet haben. Vielmehr steht dort die Frage im Vordergrund, wie viel die Ehefrau benötigt, um den ehelichen Lebensstil dauerhaft fortführen zu können.

Sie schreiben, dass die beiden während der Ehe hohe, geradezu verschwenderische Ausgaben hatten. Im schlimmsten Fall kann das dazu führen, dass Ihr Sohn die Hälfte seines gesamten Vermögens an die Frau abgeben muss, damit sie so weitermachen kann.

Um das zahlen zu können, müsste er womöglich sein Unternehmen verkaufen oder zerschlagen. Die Sache kann zwar auch glimpflicher verlaufen. Aufgrund der sehr großen Entscheidungsspielräume, die englische Richter haben, lässt sich das Ergebnis des möglichen Verfahrens aber kaum vorhersagen, und es besteht die Gefahr, dass es so kommt wie geschildert.

Abwenden lässt sich das nur, wenn das Scheidungsverfahren statt in England in Deutschland geführt wird. Das kann Ihr Sohn erreichen, indem er als erster tätig wird und beim zuständigen deutschen Gericht die Scheidung beantragt.

Wo das Scheidungsverfahren letztlich geführt wird, hängt nach EU-Recht davon ab, in welchem Land der Scheidungsantrag zuerst gestellt wurde. Man spricht von einem „Wettlauf“ zum Gericht. Deswegen muss sich Ihr Sohn beeilen. Wenn Ihr Sohn die Ehe tatsächlich für gescheitert hält und ernsthaft befürchtet, dass seine Frau die Scheidung einreichen will, rate ich deshalb dringend, dass er so schnell wie möglich zu einem deutschen Rechtsanwalt für Familienrecht geht und zusammen mit ihm einen Scheidungsantrag stellt.

Haben auch Sie eine Frage zum Scheidungs- oder Erbschaftsrecht? Dann schreiben Sie an familie@morgenpost.de oder Berliner Morgenpost, Redaktion Leben, Kurfürstendamm 21-22, 10874 Berlin. Dr. Max Braeuer ist Rechtsanwalt bei Raue LLP und Lehrbeauftragter für Familienrecht. Er beantwortet Leserfragen gern in seiner Kolumne an dieser Stelle.