Literatur

Nachrichten von der Front

Eine 19-Jährige liest die Erinnerungen ihres Urgroßvaters an den Ersten Weltkrieg. Und plötzlich, 100 Jahre später, geht ihr das Ferne ganz nah. Eine Collage

Vier Jahre sind in dem bordeauxroten Einband gebündelt. Vier Jahre voll Furcht und Schrecken im Leben eines jungen Erwachsenen, der vor hundert Jahren fast so alt war wie ich heute. Auf 97 Seiten hat mein Urgroßvater Hermann Hülsmann seine Erinnerungen an den Ersten Weltkrieg für die Nachwelt festgehalten.

Mit 18 Jahren wurde er als Soldat einberufen, mit 22 Jahren kehrte er zurück in seine Heimat. Zwei Jahre an der Front und zwei in französischer Kriegsgefangenschaft erlebte und notierte mein Urgroßvater. In feiner Sütterlinschrift brachte er die Notizen aus dem Krieg nach seiner Heimkehr in Reinform. Dieses Manuskript übertrug seine Schwiegertochter Jahre nach dem Tod meines Urgroßvaters in die lateinische Schrift. Sie vervielfältigte die Abschrift und verteilte sie an die Kinder und Enkelkinder.

Mein Vater, ein Enkel von Hermann Hülsmann, überließ mir sein Exemplar, um mich an den Erinnerungen teilhaben zu lassen – hundert Jahre nach Kriegsbeginn. Kennengelernt habe ich meinen Urgroßvater nie, doch durch seine Erinnerungen wird meine Vorstellung von ihm und der Zeit, in der er gelebt hat, greifbarer. Im Geschichtsunterricht hatte ich zwar von der anfänglichen Kriegsbegeisterung gehört, von den 15 Millionen Toten und dem Frieden von Versailles. Aber wirklich vorstellen kann ich mir die damaligen Umstände erst, seitdem ich die Erinnerungen gelesen habe.

Angst, Leid, Hunger, Durst und der ständige Kampf mit den Witterungen beschäftigten ihn fast noch mehr als das Kriegsgeschehen. In der Schule lernt man viel über die politischen Machenschaften und erörtert die Frage nach der Kriegsschuld. Über die Bedeutung dieser großen Themen für einzelne vom Krieg betroffene Menschen erfährt man jedoch wenig. 41 Jahre nach dem Tod meines Urgroßvaters erzählen er und ich gemeinsam eine sehr persönliche Geschichte, die hundert Jahre alt ist und dennoch bis heute nicht an Aktualität verloren hat.

Eine Fassade, die Gefühle verbirgt

„Am 2. August 1914 erfolgte die Kriegserklärung. Zu dieser Zeit verbrachte ich mein letztes Lehrjahr (Anm.: der Ausbildung zum Bäcker) in Ahlen in Westfalen. Unaufhörlich sah ich die Transportzüge mit Soldaten und allerhand Kriegsmaterial an unserem Betrieb vorbeirollen, nach dem Westen des Reiches. Mit Begeisterung fuhren die Soldaten zur Front. Überall wurde ihnen Verpflegung und alle nur möglichen guten Sachen gereicht. Eine Begeisterung hatte das Volk ergriffen, eine Einigkeit herrschte wie nie zuvor. (...) Die erste belgische Festung Lüttich fiel am 8. August. Überall läuteten die Glocken, und es herrschte Freude über diesen großen Sieg. Die deutschen Truppen waren überall, an allen Fronten am siegreichen Vordringen und trieben die Feinde aus dem Land heraus.

Auch mein Chef und der Gehilfe mußten schon in den ersten Tagen der Mobilmachung in das Heer eintreten, und so blieb der Betrieb einstweilen in meiner Obhut. Um die Versorgung der Bevölkerung mit Brot sicher zu stellen, wurden seitens der Regierung diesbezüglich Vorschriften erlassen. Im Februar 1915 erging die Verordnung, Brot zukünftig nur in Verbindung mit Streckmitteln, Kartoffelmehl oder Kartoffelflocken herzustellen. Außerdem durfte dieses Brot nur gegen Brotkarte abgegeben werden, pro Tag und pro Person gab es 1/2 Pfund. Dieses sogenannte Kriegsbrot wurde von der Bevölkerung nicht gern gegessen. (...) Es erfolgte dann im November des Jahres 1915 die Aushebung meines Jahrganges zum Kriegsdienst. Ich war damals 18 Jahre alt. Am 13. März 1916 wurde ich vom Bezirkskommando Lingen einberufen, außer mir noch 5 Kameraden aus dem Heimatort.“

Mit 18 Jahren habe ich etwa hundert Jahre später in Berlin mein Abitur geschrieben. Geschichte gehörte zu meinen Leistungsfächern und der Erste Weltkrieg sowie die Weimarer Republik waren Thema meiner Prüfungsklausur. 1914 und 1918 waren für mich lediglich Zahlen, die ich als Daten für Kriegsbeginn und –ende auswendig lernte.

Eigentlich beschäftigten mich banalere Dinge. Die Frage, was ich nach dem Abitur mit meinem Leben anfangen könnte, konkurrierte mit Überlegungen wie der Kleiderwahl für den Abiball. Hätte ich gewusst, dass ich ein Jahr später durch das Kriegstagebuch meines Urgroßvaters blättern würde, hätte ich mich dafür vielleicht mehr begeistern können. Für ihn bedeuteten Zahlen wie 1914 und 1918 die Welt. Es waren Jahre, die ihn prägten und sein Leben veränderten.

Mit 18 musste mein Urgroßvater jeden Tag um sein Leben bangen, während ich mit Luxusproblemen beschäftigt war, die im 21. Jahrhundert ganz normal scheinen. Zwölf Seiten nach seinen Erinnerungen an den Kriegsbeginn berichtet er von einer Situation, die ihn um ein Haar das Leben gekostet hätte:

„Am Abend des 23. Aug. 1917 erhielt ich Befehl, die Nacht mit einem Kameraden den am weitesten vorgeschobenen Horchposten B (um) 11 Uhr abzulösen. Wir sollten wiederum um 2 Uhr abgelöst werden. Also machen wir uns gegen 11 Uhr mit Gewehr und Handgranaten bewaffnet auf den Weg.

Wir klettern aus dem Graben durch das Drahtverhau, vorsichtig, kein Geräusch machend, kriechend und spähend im Niemandsland. Durch einige abgeschossene Leuchtraketen, welche die Gegend fast taghell erleuchten, finden wir nach langem Suchen endlich die beiden Kameraden auf ihrem Posten. Leise, damit der Feind ja nichts merkt, teilen sie uns ihre Beobachtungen mit, und dann verschwinden sie ebenso leise, um möglichst schnell den schützenden Graben zu erreichen.

Wir spähen aus unserem Granatloch, den Kopf nur eben über den Rand hinausgesteckt, nach allen Seiten aus. Mitternacht geht so vorüber. Außer dem Wagengerassel und sonstigem Getöse, welches sich hinter der engl. Front abspielt, das auf Munitions- und Proviantnachschub schließen läßt, konnten wir bis dahin nichts feststellen.

Meine Kriegsstahluhr mit Leuchtzifferblatt zeigte schon 1/2 2 Uhr; bald mußte auch unsere Ablösung kommen. Es wurde 2 Uhr, es wurde 1/2 3 Uhr, von Ablösung nichts zu merken. Vielleicht hatten sich die Kameraden verirrt. Da, mit einem Male ein Krach und gleich darauf ein Höllenspektakel, ringsherum schlugen schwere engl. Minen ein, ohrenbetäubendes Krachen, jeden Augenblick denkend, die Mine ist für uns, und unsere letzte Stunde habe geschlagen. Der Feind hat es tatsächlich auf uns abgesehen. Eine ganze Stunde hat dieses zum blödsinnig werdende Feuer gedauert. Todesangst hatten wir ausgestanden.

Es war gegen 1/2 4 Uhr, der Morgen fing an zu grauen, als wir jetzt eine stärkere engl. Patrouille an uns heranarbeiten sahen, kriechend von Granattrichter zu Granattrichter. Wir nahmen sie unter Gewehrfeuer, auch der Feind erwiderte das Feuer. Als es einige Tommys (Engländer) wagen, noch näher zu kommen, gebrauchen wir unsere Handgranaten und werfen ihm einige vor die Nase. Mit einem Male hören wir auch rechts und links von uns Gewehrfeuer. Die Kameraden, die uns ablösen sollten, kamen uns zu Hilfe. Einige Engländer sahen wir nach rückwärts verschwinden, anscheinend Verwundete, schließlich verstummte das feindliche Feuer ganz. Man hatte es vorgezogen, ganz zu verschwinden.

Da es heller wurde, mußten auch wir uns kriechend von Granatloch zu Granatloch zurückziehen, vereinzelt hier und da noch Schüsse abgebend. Doch endlich hatten wir unseren Graben erreicht, alle waren auf den Posten - man glaubte uns schon verloren. So war man dann froh, als man uns wiedersah.“

So verbrachte mein Urgroßvater die Nacht zu seinem Geburtstag: Am 24. August 1917 wurde er 20 Jahre alt. An keiner Stelle in seinem Tagebuch findet der Geburtstag je Erwähnung. Bedeutungslos erschien ihm ein solcher Tag wohl im Vergleich zu den Ereignissen des Krieges.

Den Geburtstag unerwähnt zu lassen, wäre heute undenkbar. Im Kinder- und Jugendalter ist er der Höhepunkt des Jahres und später wird man zwar nicht mehr gerne älter, aber auch da wäre ein Geburtstag ohne Glückwünsche und Feier kaum vorstellbar. So möchte auch ich es haben, wenn ich im nächsten Jahr 20 werde.

Zu Lebzeiten meines Urgroßvaters hatte der Geburtstag aber auch einen anderen Stellenwert als heute. Weihnachten war damals wichtiger. Über die Weihnachtstage an der Front schreibt mein Urgroßvater:

„Es herrscht eine sehr niedergedrückte Stimmung. Die meisten Kameraden weilen mit ihren Gedanken zu Hause, erinnern sich des Heiligen Abends bei Mutter oder Frau und Kind.“

Beschwert hat er sich aber nicht. Für ihn zählten der Zusammenhalt mit seinen Kameraden und der Wunsch nach Pflichterfüllung, das lese ich deutlich aus seinen Zeilen heraus. Er schreibt:

„Als Soldat habe ich es nie anders gekannt, stets meine Pflicht zu tun und glaube, es auch getan zu haben.“

Für ihn war das höchste Motiv für den Kriegsdienst die Pflichterfüllung. Dieses Gefühl entstand sicherlich durch die Obrigkeitshörigkeit und das Nationalbewusstsein, die die autoritäre Erziehung im Kaiserreich vermittelte. Ich kann mir nicht vorstellen, dass junge Erwachsene, die in demokratischen Verhältnissen aufgewachsen sind, heute noch das Wort „Pflichterfüllung“ als Motiv für die Erledigung unliebsamer Aufgaben oder die Bewältigung belastender Situationen angeben würden. Kaum nachvollziehbar ist für mich auch, dass die konservativen Werte, die meinem Urgroßvater seit früher Kindheit vermittelt wurden, ihm in schwierigen Momenten zu mehr Durchhaltevermögen verhalfen:

„Die Heranschaffung der Verpflegung macht besonders große Schwierigkeiten. Mancher Essenträger blieb mit seinem Essenkübel im Dreck stecken, und um sich selber zu retten, mußte er den Kübel dem Schlamm opfern.

Als ich an einem der Abende mit dem Essenträgertrupp als letzter vom Küchenhalteplatz gehe, beladen mit einem 30 Ltr. Essenkübel und einem Brotsack mit 8 Broten, war es mir fast unmöglich, diese schwere Last fortzuschaffen. Denn noch immer regnete es, und Wege, Feld und Graben waren nur noch ein Schlamm.

Die anderen Kameraden waren mir schon vorausgeeilt. Ein Unteroffizier als Truppführer fand es nicht für nötig, sich selbst mit einem Gegenstand zu belasten, noch die Zeit abzuwarten, bis alles richtig und ordnungsgemäß verteilt war. Und so schleppe ich mit dem schweren Gepäck hinterher. In der Dunkelheit habe ich zu allem Überfluß den Weg verfehlt und stolpere plötzlich über irgendein Hindernis und schieße fast kopfüber in ein Granatloch hinein. Bei dieser Gelegenheit öffnet sich der Deckel des Essenkübels und ein Teil der Suppe läuft mir in den Nacken.

Trotz des Regens und der Kälte triefe ich vor Schweiß. Ich krabbele wieder aus dem Loch heraus und verschnaufe mal einen Augenblick. Da ich auch hungrig bin, greife ich zu meinem kleinen Schanzzeug und löffele einen kräftigen Hieb aus dem Kübel. – Neugestärkt lade ich mir den Kübel wieder auf und komme endlich – nach vielem Rufen und Suchen - in unsere Stellung.“

30 Liter Suppe und 8 Brote sind schon schwer zu tragen, wenn man nicht Gefahr läuft, im Schlamm stecken zu bleiben oder erschossen zu werden. Ich könnte mir nicht vorstellen, eine solche Menge vom Supermarkt bis nach Hause zu schleppen. Vielleicht entwickelt man in der Not, wenn es schlicht ums Überleben geht, einen stoischen Willen. Bei meinem Urgroßvater könnte es so gewesen sein. Doch auch er ist nicht immer glimpflich davon gekommen:

„Ein Kamerad rechts von mir wird von einer Gewehrgranate direkt auf den Kopf getroffen. Ich sehe noch heute, wie ihm der Kopf berstet, er fällt nach hinten, ein grausiges Bild. Einen Augenblick später schlägt so ein Ding einen Schritt links von mir ein. Dieses Mal hat es mich selbst und meinen Kameraden zur Linken getroffen. Das Blut schießt mir im Strahl von der linken Kopfseite. Etwas benommen taumele ich die Böschung hinab. Ein Kamerad legt mir einen Verband an, Schmerzen habe ich kaum. Ich gehe zum Unterstand (...) und ruhe mich aus. Das linke Auge ist verbunden, aber anscheinend nicht verletzt. (...) Mit einem Kameraden mache ich mich auf den Weg (...). Der Krieg ist für uns zunächst aus.“

Von Situationen wie dieser hätte mein Urgroßvater seinen drei Kindern gerne erzählt. Doch sie wollten nichts hören.

„Ich erinnere mich daran, dass mein Vater in der Nacht häufig schreiend wach wurde“, erzählt Rolf Hülsmann, der jüngste Sohn meines Urgroßvaters. Verarbeitet habe dieser die Geschehnisse nie. „Vieles, was unseren Vater betraf, ist uns Kindern erst klar geworden, nachdem wir das Kriegstagebuch in seinem Nachlass gefunden hatten. Vielleicht waren wir ihm gegenüber nicht immer gerecht. Wir wussten ja nicht, was er erlebt hatte“, sagt Karl-Hermann Hülsmann, der ältere Sohn. Er verwahrt die Erinnerungsstücke wie Kriegsabzeichen. Rolf und seine große Schwester Hildegard, meine Großmutter, waren daran weniger interessiert.

Bis heute ist die Auseinandersetzung mit dem Vermächtnis des Vaters nicht einfach. Meine Großmutter Hildegard spricht nach wie vor nicht gerne über die Kriegszeit oder ihren Vater. Zu schrecklich und belastend sind die Erinnerungen. Einfach wird es mit meinem Urgroßvater zu seinen Lebzeiten nicht gewesen sein. Bis auf seine Aufzeichnungen hat er nie ein Ventil für seine Gefühle aus dem Krieg finden können. Darüber geredet wurde nicht. „Mein Großvater war ein autoritärer Mensch. Als Kind konnte ich damit nie umgehen“, erinnert sich mein Vater.

Die Erfahrungen an der Front waren nicht die einzigen Erinnerungen, die meinen Urgroßvater verfolgten. Auch seine Zeit in französischer Kriegsgefangenschaft schrieb er nieder. Zwei Jahre lang musste er Arbeiten in Steinbrüchen, in Wäldern oder auf Friedhöfen erledigen. Die Kämpfe in ständiger Lebensgefahr waren zwar vorbei. Jedoch waren die neuen Aufgaben wohl kaum weniger belastend:

„Aber noch während der heißen Sommermonate wurde eine Abteilung von etwa 150 Gefangenen nach Champenoux geschickt, um dort bei der Herstellung der Sammelfriedhöfe für gefallene deutsche und französische Soldaten mitzuarbeiten. (...) Dort angekommen geht’s an die Ausgrabung der Heldengräber. (...) Wir beginnen zu schaufeln. (...) Schon nach etwa 1 m Tiefe stoßen wir auf die erste Leiche. (...) Ein weißes Leinentuch wird uns gereicht, und wir legen es neben den Toten. Dann nehmen wir die Kreuzhacke und ziehen die Leiche vorsichtig auf das Leinentuch. Immer darauf achtend, daß möglichst alle Glieder zusammenhängend auf das Tuch kommen. Da aber die Leichen infolge der Verwesung schon sehr zermürbt und zerfallen sind, ist es meistenteils nicht möglich, sie ganz erhalten herauszuschaffen. Einzelne Teile gehen schon beim Schaufeln verloren. Nachdem nun der Tote auf dem Tuch liegt, faßt an jedem Ende des Tuches einer an, und wir schwingen ihn dann auf den Rand des Grabes. Dort wird er dann von den Franzosen auf Erkennungszeichen und evtl. Wertgegenstände visitiert. (...) Ein rohgezimmerter Sarg steht bereit von etwa 1 1/4 m Länge, in den die Leiche gelegt wird. Ein einfaches rohes Brett als Deckel darauf genagelt, und dann wird der Sarg in ein Auto verladen.“

Diese Ausgrabungen gehören für mich zu den anschaulichsten und erschreckendsten Erinnerungen, die mein Urgroßvater zu Papier brachte. Die Sachlichkeit, in der er erzählt, scheint mir wie eine Fassade, die seine Gefühle verbirgt. Aus heutiger Perspektive kann ich mir seinen nüchternen Schreibstil nur als eine Art des Selbstschutzes und der Verdrängung erklären.

Für mich wirken die furchtbaren Erlebnisse, von denen mein Urgroßvater berichtet, sehr fern und fremd. Er jedoch hat sie tatsächlich erlebt und ich kann mir nicht vorstellen, dass es möglich ist, so etwas zu verarbeiten. Auch nach seiner Heimkehr werden die Erinnerungen wohl immer präsent gewesen sein:

„Man merkte an dem Benehmen der Franzosen, daß bald die Auslieferung beginnen würde. (...) Und so kam dann auch endlich der Tag, an dem zunächst die Arbeit eingestellt wurde; es war der 22. Februar 1920. Es wurden Appelle abgehalten in Kleidung und Schuhzeug. Zerrissene Kleidungsstücke wurden durch bessere ersetzt. Dasselbe galt auch für Schuhe. Bislang hatten wir nur mangelhafte Kleidung und Schuhe getragen, jetzt stand mit einem Male alles zur Verfügung. Der Franzmann wollte sich in Deutschland nicht beschämen lassen. Am 5. März 1920 fuhr ich dann (schließlich nach langer Reise) zur Heimat. Eltern, Geschwister, Verwandte und Bekannte hatten sich am Bahnhof eingefunden. Es war ein frohes Wiedersehen. Kehrte man doch gottlob mit gesunden Gliedern heim. So manchem mag die Heimkehr recht schwer geworden sein. Fand er doch das, was er suchte, nicht mehr vor. Andere warteten und hofften vergeblich auf die Rückkehr ihres Gatten oder Sohnes. Sie ruhten längst in fremder Erde.“

Mein Urgroßvater hatte das Pech, zu einer Generation zu gehören, die an den beiden Weltkriegen aktiv teilnehmen mussten. Nach dem Ersten Weltkrieg hat mein Urgroßvater geheiratet und eine Familie gegründet. „Als mein Vater für den Zweiten Weltkrieg einberufen werden sollte, fanden meine Mutter und ich den Bescheid dafür im Briefkasten. Ich sollte ihn sofort in das Büro meines Vaters bringen. Bis heute erinnere ich mich daran, wie blass er geworden ist, als er den Umschlag sah“, sagt Karl-Hermann Hülsmann. Der zweite Krieg sei für ihn aber wohl nicht so schlimm gewesen wie der erste, da er nie an vorderster Front kämpfen musste. Wie eine Warnung trägt das Kriegstagebuch meines Urgroßvaters die Schrecken des Krieges in die nachfolgenden Generationen, so dass ich heute sagen kann: So weit dürfen wir es niemals wieder kommen lassen.