Mamas & Papas

Für unser Team geben wir einfach alles

Hajo Schumacher über die abenteuerliche Jagd auf WM-Sammelbildchen

Wir sind eine konsumkritische Familie. Auf Werbeversprechen fallen wir nicht herein, es sei denn, es handelt sich um technologisch völlig neuartige Laufschuhe oder Bier mit Vitaminen. Da muss man natürlich zugreifen. In Zeiten von internationalen Fußballturnieren wird unser Konsumverhalten allerdings auf irrationale Bahnen gezwungen, Autobahnen zum Beispiel.

Es begann damit, dass Hans in der Schule ein Album geschenkt bekam, leider ein leeres. Auf der Deckpappe waren Mario Gomez und Marco Reus abgebildet. „EM 2012“ erklärte ich fachmännisch, doch Hans zeigte mir eine große „2014“. Offenbar erfolgte der Druck des Albums weit vor der Nominierung. Ich errechnete, dass der Erwerb von etwa 3000 Bildertütchen im Späti unseres Vertrauens den Sommerurlaub von Vier-Sterne-Status auf Radtouren durchs Berliner Umland reduzieren würde.

„Die Bilder gibt’s kostenlos“, erklärte unser Sparfuchs, „wir müssen nur in einem anderen Supermarkt einkaufen.“ Dummerweise liegt das nächste Lebensmittelgeschäft mit Gratisbildchen eine gute halbe Autostunde entfernt. Wir sagten alle Wochenendverabredungen ab, um uns auf das WM-Projekt konzentrieren zu können. Wenn es um Deutschland geht, kennen wir keine Sonderangebote, sondern nur noch unser Team.

Eigentlich brauchten wir nur Milch, Joghurt und Gemüse. „Pro zehn Euro gibt es ein Bild“, erklärte Hans. 30 Bilder bedeuten 300 Euro Einkauf, sofern keine doppelten dabei sind. Na gut, Kaffee kann man immer gebrauchen, ein neuer Grill wäre auch schön und obendrauf ein Sixpack Champagner. Wer ein volles Album will, darf nicht knausern. An der Kasse erfuhren wir, dass die Bilder ausgegangen seien. Aus Gründen des Sozialprestiges verzichtete ich darauf, Grill und Champagner zurück ins Regal zu schleppen. In Spandau gebe es einen Laden, der eventuell noch Bilder habe, wisperte die Kassiererin. Allerdings seien schon andere Kunden auf dem Weg. Auf der vollen Stadtautobahn schlichen ausschließlich Fahrzeuge, in denen Kinder von der Rückbank mit leeren Alben wedelten. Ich wechselte auf den Standstreifen. Notfall, klare Sache.

In der Spandauer Filiale lauerten mindestens zwei Kader Knirpse an der Kasse, um jedem Kunden seine Bilder abzuschwatzen. Ich versuchte Hans dazwischen zu schieben, doch eine übermotivierte Mutter setzte zur Blutgrätsche an. Als wir mit dem neuen Staubsauger, einem Werkzeugset und 14 Kilogramm exquisiten Badesalzes für die Chefin zur Kasse kamen, war die Bettlerschar verschwunden - Bilder alle. Hans weinte. „Wir fahren nach Nauen, da soll es noch welche geben“, sagte ich, während im Radio gebeten wurde, Nauen großräumig zu umfahren. Ich werde Urlaub nehmen, um vor einem Lebensmittelmarkt im südlichen Sachsen-Anhalt zu kampieren, dessen genaue Lage ich natürlich nicht verrate. Wir werden dieses verdammte Album bis zum Finale vollbekommen, sogar mit Gündogan.

Kommende Woche schreibt an dieser Stelle wieder Sandra Garbers.