Berliner helfen

Mit Kunst das Leben meistern

Spandauer Roller feiern ihr 40-jähriges Jubiläum und suchen Unterstützer

Als Maskottchen haben sie den Elefanten gewählt. Seine Größe und Kraft soll den „Spandauer Rollern“ Mut machen. Denn alle Mitglieder der Gruppe sind auf die eine oder andere Art körperlich behindert, viele sind auf den Rollstuhl angewiesen - daher der Name „Spandauer Roller“. Einmal die Woche trifft sich die Gruppe im Seniorenclub Lindenufer in Spandau, um unter Anleitung der Kunsttherapeutin Dorothea Nerlich zu malen, zu zeichnen oder Keramiken aus Kunst anzufertigen. „Und das schon seit 40 Jahren“, erzählt die Vorsitzende des Clubs, Bettina Loewenthal, stolz. Gegründet wurden die Roller 1974 vom damaligen Spandauer Stadtrat Hans Hill, der behinderte Menschen aus ihrer Isolation holen wollte, um ihnen neuen Lebensmut zu geben. „Das ist bis heute so geblieben“, bestätigt Bettina Loewenthal, die seit fünf Jahren bei den Rollern ist und durch eine Krankenpflegerin auf den Club aufmerksam wurde. Die 50-jährige leidet seit 20 Jahren unter Multipler Sklerose, die ersten zehn Jahre konnte sie noch laufen, bis vor fünf Jahren noch Auto fahren, inzwischen sitzt sie im Rollstuhl. „Und ich habe noch Glück, denn ich habe einen Mann, der sich um mich kümmert“, sagt sie. Die meisten Mitglieder sind allein. Die wöchentlichen Treffen und die kreative Beschäftigung geben ihnen Kraft, ihr Leben trotz körperlicher Einschränkungen zu meistern.

„Wir sind alle irgendwie behindert, aber nicht im Kopf“, betont Sigrid Rademacher, die seit 30 Jahren Mitglied bei den Rollern ist. Nach einer Gehirnblutung leidet sie unter Lähmungen. „Aber ich wollte nicht immer nur Zuhause sitzen, eine Freundin hat mir damals die Gruppe empfohlen“, erzählt die 69-jährige. Nach einem Vierteljahr Probezeit ist sie den Rollern und der Malerei treu geblieben. „Sie hat sich wirklich weiterentwickelt“, lobt Kunsttherapeutin Dorothea Nerlich, die seit 20 Jahren mit der Gruppe arbeitet. Ihr Ziel: Aus jedem das Beste herausholen. „Wer behindert ist, dem fehlen oft die beruflichen Kontakte und die Anerkennung von anderen. Die bekommen sie aber hier“, sagt sie ausgebildete Künstlerin. Ihre Stelle als Kunsttherapeutin bei den Rollern wird zur Hälfte vom Bezirksamt und zur anderen Hälfte aus Spenden finanziert.

Der Mitgliedsbeitrag bei den Rollern beträgt 3 Euro im Monat und wird für das Material ausgegeben. Wer es sich leisten kann, gibt mehr. Zur Zeit hat die Künstlergruppe elf Mitglieder, weitere Interessenten sind herzlich willkommen. „Das Schöne bei unseren Treffen ist: über die Krankheiten wird kaum gesprochen, dafür wird viel gelacht“, erzählt Margard Saalfeld. Sie sitzt seit 37 Jahren im Rollstuhl, ein Tumor hat ihren Rückennerv durchtrennt. Seit 1990 gehört sie zu den Rollern, fertigt Keramiken aus Ton an und hat in der Gruppe das Malen gelernt. Oft bringt sie selbst gebackenen Kuchen für alle mit. Begleitet wird sie zu den Treffen von Ehemann Günter. Das Gemeinschaftsgefühl ist allen wichtig, wenn sie am großen langen Tisch im Seniorenclub über ihren Arbeiten sitzen. Stolz zeigt Dorothea Nerlich eine große Mappe mit farbenfrohen Landschaftsbildern und detailreichen Tierzeichnungen.

Tiere aus Ton sind die Spezialität von Herta Steingroever. Natürlich modelliert sie auch Elefanten, die Freunde und Sponsoren der Roller als Geschenk erhalten. Die Arbeiten der Gruppe wurden auch schon im Kulturhaus Spandau ausgestellt. „Wir sind dem Bezirksamt sehr dankbar, dass wir einmal in der Woche die Räume hier nutzen können“, sagt Bettina Loewenthal. Wenn es die Finanzen zulassen, versuchen die Roller auch, Transporte zu organisieren und sich in die Öffentlichkeit zu begeben – zu Ausstellungen oder in Museen. „Es wäre so schön, wenn wir wieder mal einen Ausflug machen könnten. Oder vielleicht eine Fahrt mit dem Schiff“, wünscht sich Sigrid Rademacher. Sie schwärmt von früheren Ausflügen innerhalb Berlins und sogar Reisen nach Südtirol und Wien in den 80-er Jahren, damals auf Einladung des österreichischen Bundespräsidenten und organisiert vom Bezirksamt. „Noch heute lebt unser Club von Reserven aus der Anfangszeit, aber die sind bald aufgebraucht.“, sorgt sich Bettina Loewenthal. „Wir versuchen, mit Ausstellungen und dem Verkauf unserer Arbeiten Geld aufzutreiben, aber das ist nicht einfach.“

Nun wird aber erst einmal das 40-jährige Bestehen der Künstlertruppe gefeiert - mit einem Sommerfest im Seniorenclub Lindenufer am 13. August. Und damit den Rollern die Leinwände und Farben nicht ausgehen und sie einen Ausflug machen können gibt es zum Jubiläum eine Spende von Berliner helfen e.V.

Spandauer Roller im Seniorenclub Lindenufer,Mauerstraße 10 a, 13597 Berlin. Tel. 030-336 076 14 (Dienstags 9-13 Uhr)