Berliner helfen

Einmal Porsche fahren

Der 18-jährige Kevin ist behindert. Sein sehnlichster Wunsch konnte ihm jetzt erfüllt werden

Kevin Schneider mochte schon immer schnelle Autos. „Mit acht Jahren fing er an, die Anzahl der Porsches zu zählen, die er in Steglitz auf dem Weg zur Schule gesehen hat“, erzählt Kevins Vater Detlev Schneider. Über die Jahre wuchs die Faszination zum Motorsport und bald war es Kevins sehnlichster Wunsch, einmal selbst in einem Porsche zu fahren. Aufgrund einer leichten geistigen Behinderung, die im Alter von zwölf Jahren festgestellt wurde, kann Kevin selbst kein Fahrzeug lenken. Jahre später wird dieser Traum in der Brandenburgischen Uckermark endlich Wirklichkeit. „Boxster, Carrera, Spyder, Panamera, Turbo, GT3 RS“, zählt Kevin auf. Der 18-Jährige steht an der Strecke und schaut mit Begeisterung den vorbei rasenden Porschemodellen zu. In Groß Dölln, einem Ortsteil der Stadt Templin, veranstaltet das Porsche Zentrum Berlin einmal im Monat den „Track Day“. Im Driving Center, einem ehemaligen Militärflughafen, wurden die Landebahnen in eine Rennstrecke umgewandelt, so dass Autofahrer hier ihre Fahrsicherheit trainieren können.

Neben den rund 35 Porschebesitzern sind heute auch mehrere Instrukteure und Profi-Rennfahrer am Start. Diese geben sowohl Geschwindigkeit als auch die Ideallinie vor, das heißt konkrete Fahranweisungen wie man etwa am besten in eine Kurve ein- und ausfährt. Einer davon ist Rallye-Fahrer Björn Leiß, der Kevin in einem Porsche 911 mitnehmen wird. Kurz vor dem Einsteigen ist Kevin etwas wortkarg. „Er hat ein bisschen weiche Knie“, sagt Vater Detlev. Nachdem Björn Sitzposition und Sicherheitsgurt bei Kevin einstellt und ihm letzte Instruktionen gibt, startet er den Wagen und braust los. „Er zeigt seine Gefühle häufig nicht so offen, aber davon wird Kevin noch in 20 Jahren erzählen“, sagt sein Vater. Fünf Runden später steigt Kevin mit einem breiten Grinsen aus dem Auto. „Geil war das! Genauso wie ich es mir immer vorgestellt habe“, sagt er. Bislang kannte er so ein Fahrgefühl und solche Motorengeräusche nur aus seinen Lieblingsfilmen „Need for Speed“ oder „The Fast and the Furious“. Auf die Frage, wie schnell er war, gibt Kevin stolz 210 km/h als Spitzengeschwindigkeit an. „Ich hatte schon Angst, dass das noch zu langsam für dich war“, sagt Björn zu Kevin.

Obwohl Marcel Ehrlich nicht mitfahren konnte, freut er sich fast genauso wie Kevin. „Solche Aktionen sind eine Kraftquelle für den Alltag“, sagt Ehrlich, der Vorsitzender des Vereins „Kontakte schaffen Leben e.V.“ ist und selbst im Rollstuhl sitzt. Der 2011 gegründete Verein will die soziale Integration von Menschen mit einer Behinderung, Senioren und Alleinerziehenden verbessern. Neben der täglichen Arbeit im Begegnungszentrum des gemeinnützigen Vereins in Charlottenburg ist es Ehrlich ein großes Anliegen, Menschen mit körperlichen oder psychischen Einschränkungen Wünsche zu erfüllen. „Das können große Wünsche wie ein Ausflug zum Hamburger Fischmarkt oder kleinere wie ein Theaterbesuch sein“, sagt Ehrlich. Dabei ist er offen für Ideen und Vorschläge, da Betroffene oft zu schüchtern seien, ihre Wünsche zu äußern. Für die Umsetzung dieser „Wunschengel“-Aktionen ist Ehrlich häufig auf finanzielle Unterstützung angewiesen, da sein Verein sich vor allem um diejenigen kümmere, „die wenig haben“. So hat sich für die Erfüllung von Kevins lang gehegtem Traum durch Vermittlung von Berliner helfen das Porsche Zentrum Berlin al „unschengel“ gefunden. „Porsche ist ein Stück schöne Lebenswelt, die jedoch nicht jedem zugänglich ist“, sagt Stephan Blässing, Geschäftsführer des Porsche Zentrums Berlin. Als er von Kevins Wunsch hörte, war er sofort begeistert. „Das war genau das, was wir suchen. Mit unserem sozialen Engagement wollen wir Menschen in unserer unmittelbaren Nachbarschaft helfen, am besten mit etwas konkretem und persönlichem", so Blässing. Das Porsche Zentrum Berlin übernahm zudem die Fahrtkosten für den Transport von Berlin nach Groß Dölln und sorgte für die Verpflegung der Vereinsmitglieder neben der Rennstrecke. „Als wir von der Porsche-Idee hörten, Kevins Wunsch zu erfüllen, haben wir gar nicht damit gerechnet, dass das gleich für sieben von uns ein toller Erlebnistag wird, ich danke Porsche für dieses Komplettpaket“, so der Vereinsvorsitzende Marcel Ehrlich.

Neben Kevin konnten auch zwei weitere Mitglieder von „Kontakte schaffen Leben“ ihre Runden mit einem Instrukteur drehen. Sascha Barth sitzt im Rollstuhl und fährt normalerweise einen umgebauten Opel Astra. Heute setzt er sich in einen Porsche GT3-Rennwagen, der mit Überrollkäfig, Fünf-Punkt-Gurt, Schalensitzen und Heckflügel ausgestattet ist. Nach der Fahrt ist Sascha geschafft, aber glücklich: „Ich dachte bei der ersten Kurve, dass wir raus fliegen. Das war der Hammer, wie Achterbahnfahren!“ Julia Eckart saß zwar schon einmal in einem Porsche, das sei jedoch ein älteres Modell gewesen und liege bereits viele Jahre zurück. Die 27-Jährige ist seit ihrer Geburt blind und interessiert sich sonst eher für Fußball. Die Chance, mit über 200 km/h über die Piste zu brettern, wollte sie sich aber nicht entgehen lassen. „Kann ich mit dem Porsche nicht gleich noch nach Berlin fahren?“, fragt sie Fahrer Björn beim Aussteigen mit strahlendem Lächeln.

Nach solchen besonderen „Wunschengel“-Aktionen steht für Marcel Ehrlich und seine Vereinsmitglieder wieder der Alltag an. Um diesen zu erleichtern, benötigt der Verein am dringendsten ein rollstuhlgerechtes Auto. „Mobilität schafft Lebensqualität – mit einem eigenen Auto könnten wir unsere Mitglieder relativ unkompliziert von A nach B bringen und leichter kleinere Ausflüge organisieren“, sagt Ehrlich. Bislang müsse der Verein für jede Fahrt extra ein Auto mieten, was auf Dauer sehr teuer sei. Wer also Kevin, Sascha, Julia und die anderen Mitgliedern mobiler machen möchte, kann sich an den Verein „Kontakte schaffen Leben“ wenden, der auch mit Spenden von Berliner helfen unterstützt wird.

www.kontakte-schaffen-leben.de