Sprechstunde

Wer ist nach dem Tod meiner Mutter erbberechtigt?

Dr. Max Braeuer über die Erbfolge bei der Existenz eines Testamentsentwurfs und dem Vorliegen einer Demenzerkrankung

Meine Mutter ist 88 Jahre alt. Sie befindet sich aufgrund einer Demenzerkrankung im Pflegeheim. Mein Vater ist verstorben. Ein Testament gibt es nur als Entwurf ohne Unterschrift und ohne Datum. Meine Mutter hat einen Sohn (geboren 1947) und eine Tochter (geboren 1953). Der Sohn hat zwei Kinder und zwei Enkelkinder. Die Tochter hat keine Kinder. Wer ist erbberechtigt: Sohn und Tochter, Enkelkinder und Urenkelkinder?

(Günther H., per E-Mail)

Ihre Mutter ist noch nicht gestorben. Deshalb stellt sich die Frage heute eigentlich noch nicht, wer sie beerbt. Bis zu ihrem Tode können sich die Verhältnisse ja durchaus noch ändern, und erst nach ihrem Tode wird endgültig feststehen, wer Erbe Ihrer Mutter ist.

Sollte Ihre Mutter ohne ein Testament verstorben sein, dann wird die Erbfolge durch das Gesetz geregelt. Zu Erben sind diejenigen Personen bestimmt, die von der Verstorbenen im direkten Wege abstammen. Das sind deren Kinder und die Nachkommen ebendieser Kinder.

Sohn und Tochter Ihrer Mutter erben gleich viel, jeder von Ihnen also die Hälfte. An dieser Verteilung ändert sich auch nichts, wenn der Sohn nicht mehr selbst erben kann, sondern nur noch dessen Abkömmlinge. Der halbe Erbteil würde sich dann auf dessen Abkömmlinge verteilen.

Allerdings erben die Enkel oder Urenkel Ihrer Mutter nur dann, wenn der Sohn selbst nicht mehr Erbe werden kann. Es erben immer nur die nächsten Verwandten. Fernere Verwandte, also Kinder oder Urenkel, erben nur dann, wenn deren Eltern, von denen sie abstammen, nicht mehr leben.

Sollte die Tochter schon vor der Mutter verstorben sein, dann fällt sie bei der Aufteilung des Erbes weg. Sie hat keine Kinder, die an ihrer Stelle erben könnten. Der Sohn erbt in diesem Falle alles alleine.

Diese Erbfolge gilt aber nur dann, wenn es kein Testament gibt. Möglicherweise hat der Entwurf des Testamentes ja eine andere Nachlassregelung als die gesetzliche Erbfolge vorgesehen. Vielleicht wollte Ihre Mutter ihre Kinder nicht gleichmäßig bedenken oder zusätzlich auch noch andere Personen zu Erben einsetzen. Auf diesen Willen kommt es an, wenn Ihre Mutter ein Testament hinterlässt.

Das ist in dem von Ihnen geschilderten Fall nicht völlig ausgeschlossen. In manchen Fällen ist es möglich, einen Text, der zunächst nur ein Testamentsentwurf sein sollte, doch als gültiges Testament zu behandeln.

In der Erbrechtspraxis gibt es den Grundsatz, dass der Wille des Erblassers nach Möglichkeit beachtet werden soll. Es wird deshalb auf jeden Fall versucht, ein Testament zu „retten“, das in der äußeren Form nicht ganz in Ordnung ist, bei dem sich aber eindeutig ergibt, was der Verstorbene gewollt hat.

Wenn Ihre Mutter den Testamentsentwurf mit der Hand geschrieben hat, ist er vielleicht auch ohne Unterschrift als Testament wirksam. Manchmal ist in einem solchen Entwurf der Name mit der Hand geschrieben, und das kann dann als Unterschrift gelten. Das Datum anzugeben ist für ein gültiges Testament nicht unbedingt notwendig.

Wenn es sich bei dem Dokument tatsächlich nur um einen Testamentsentwurf handelt, dann sollte überlegt werden, ob nicht Ihre Mutter doch noch ein formgültiges Testament errichten kann.

Dass sie dement ist, muss dem nicht unbedingt im Wege stehen. Sie ist dadurch nämlich nicht automatisch testierunfähig. Auch wenn Ihre Mutter geistig schon stark eingeschränkt sein sollte, hat sie möglicherweise doch noch eine klare Vorstellung davon, wer sie beerben soll. Das kann für ein formgültiges Testament ausreichen.

Natürlich birgt das die Gefahr, dass übergangene Erben nach dem Tode Ihrer Mutter das Testament anzweifeln. Deshalb wäre es dringend zu empfehlen, für das Testament einen Notar hinzuzuziehen.

Der Notar würde sich ein sehr genaues Bild von dem Zustand Ihrer Mutter machen. Eventuell würde er einen Arzt zu Rate ziehen. Das Ergebnis der Begutachtung und die Umstände der Testamentserrichtung würde der Notar genau protokollieren, so dass später keine Zweifel daran aufteilen können, ob das Testament Ihrer Mutter wirksam ist.

Haben auch Sie eine Frage zum Familien- oder Erbrecht? Dann schreiben Sie per E-Mail an familie@morgenpost.de oder per Post an Berliner Morgenpost, Redaktion Leben, Kurfürstendamm 21-22, 10874 Berlin. Dr. Max Braeuer ist Rechtsanwalt bei Raue LLP und Lehrbeauftragter für Familienrecht. Er beantwortet Leserfragen gern in seiner Kolumne an dieser Stelle. Ein Anspruch auf Beantwortung besteht nicht.