Mamas & Papas

Rambo darf man nicht aus den Augen lassen

Sandra Garbers über gutes und schlechtes Benehmen

Es ist gerade mal ein knappes Jahr her, da war ich noch naiv. Oder hochmütig. Oder beides. Die Verwandtschaft von der Nordsee war mit sämtlichen Kindern angereist. Angeblich waren es nur drei, gefühlt aber waren es viel mehr. Sie zerlegten unsere Wohnung in ihre Einzelteile. Und nach kürzester Zeit stellte ich mir folgende Fragen: Warum sind der Kaufmannsladen angemalt und sämtliche Papp-Spinat- und-Papp-Zwieback-Verpackungen zerdrückt? Warum hat das Bobbycar plötzlich keine Aufkleber mehr, wie schafft es ein Dreijähriger, Kleiderhaken aus der Wand zu reißen? Und warum eigentlich haben so angenehme und vernünftige Menschen wie unsere Verwandten so unerzogene Kinder? Heute stelle ich mir diese Fragen nicht mehr und möchte Abbitte leisten. Gene sind offenbar alles, Erziehung fast nichts.

Meine Tochter hat in ihrem bald vierjährigem Leben eine Tasse und eine Schneekugel kaputt gemacht. Aus Versehen. Das war’s. Sie hat kein einziges Buch zerrissen und räumt alles an ihren Platz zurück. Sie beißt nicht, sie haut nicht, sie malt keine Wände an. Ich hatte lange gedacht, all das sei mein Verdienst, ich hätte sie so mustergültig erzogen. Und ich fragte mich, warum die anderen Kinder nicht genauso sind. Ich habe mir sagen lassen, das denken viele beim ersten Kind.

Seit kurzem ist Kind Nummer zwei mobil. In seinem ersten Lebensjahr hat es mehrere Bücher zerrissen, mehrfach unser Internet lahm gelegt, es versucht, Dinge in Steckdosen zu stecken, und seine Lieblingsbeschäftigung ist es, kleine Dinge in große Löcher zu werfen. So landen Zitronenpressen und Zahnbürsten in Mülleimern, Kuscheltiere, CDs und teure Parfums in der Badewanne. Und dann schaut er den Dingen glücklich nach, wie sie verschwinden. Am liebsten mit einem lauten Rrrums. Vor ein paar Tagen hat er entdeckt, wie sich Klodeckel öffnen lassen, seitdem fische ich Löffel, Gabeln, Spielzeugautos aus dem Klo. Und vor einigen Tagen auch mein iphone. Das Kind braucht jederzeit volle Manndeckung. Lässt man ihn nur ein paar Sekunden aus den Augen, kann das in einer Katastrophe für ihn, die Wohnungseinrichtung oder Außenstehende enden. Wohlmeinende Menschen nennen ihn „kleiner Entdecker“, ehrliche sagen „Rambo“ oder „Terminator“ zu ihm. Ich glaube, die Natur hat es nur deshalb so eingerichtet, dass die ersten Kinder sich mustergültig benehmen, damit man den Mut hat, weiter zu machen und es nicht nur Einzelkinder gibt.

Immerhin weiß ich jetzt, dass es sinnvoll sein kann, seinen Müll zu kontrollieren, bevor man ihn endgültig entsorgt, und dass es für fast alles einen Doktor gibt. Sogar einen Handy-Doktor, der es schafft, in innerlich völlig aufgeweichten Geräten noch Daten zu sichern, und der für einen Knopf, der nicht mehr funktioniert, einfach eine Software auf das Gerät spielen kann. So gesehen bleibt man mit den kleinen Rambos immerhin auf dem neusten Stand der Technik. Auch nicht schlecht.

Kommende Woche schreibt an dieser Stelle wieder Hajo Schumacher.