Interview

„Das Verliebtsein ist häufig eine – wenn auch sehr schöne – Falle“

Anthropologe Christoph Wulf über Visionen und wahre Liebe

Vernunftehe oder Liebesehe: Was ist zeitgemäß? Und was von Dauer? Darüber sprach Beatrix Fricke mit Christoph Wulf, Professor für Anthropologie und Erziehung an der Freien Universität Berlin. Er behauptet: „Leidenschaftliche Liebe ist ein Produkt der Fantasie“.

Berliner Morgenpost:

Ein Paar, das sich zusammentut, ohne auch nur einen Funken ineinander verliebt zu sein: Kann das gut gehen?

Christoph Wulf:

Es klingt für unsere Ohren zunächst sehr fremd. In unserer heutigen westlichen Gesellschaft erwarten wir von einer Beziehung in erster Linie Liebe und Leidenschaft. Tatsächlich ist die zitierte Geschichte aber gar nicht so ungewöhnlich, sondern Realität fast überall auf der Welt. Denken Sie an Indien oder China: Dort sind arrangierte Ehen die Regel, nicht die Ausnahme. Nur in wenigen Gesellschaften auf der Welt und auch bei uns erst seit einer vergleichsweise kurzen Zeit gibt es die Idee, dass eine Beziehung auf Leidenschaft fußen soll.

Woher kommt dieses Liebeskonzept?

Es entstand wahrscheinlich im 12. Jahrhundert, zur Zeit der Troubadoure in Frankreich. Sie besangen die Liebe, eine Liebe, die erhebt und veredelt. Über die Mystik des Mittelalters, die eine starke Gottesliebe betonte, setzte sich die Idee fort bis in die Klassik und Romantik, eine Zeit, aus der ganz wunderbare Liebesgedichte überliefert sind. In dieser Liebe spielte die Sehnsucht eine große Rolle, also die Unerfüllbarkeit der Liebe und der Schmerz darüber. Diese Liebe ist ein Produkt der Fantasie. Eigentlich liegt es auf der Hand, dass eine solche Liebe nicht von Dauer ist und eine langfristige Beziehung nur schwer tragen kann.

Wie meinen Sie das?

Das Verliebtsein ist häufig eine – wenn auch sehr schöne – Falle, denn dieses Gefühl kommt durch Projektion zustande. Wir verlieben uns in das, was uns fehlt und wonach wir uns sehnen. Wir wollen einen Zustand der Erregung. Dieser Zustand, der Wunsch nach den „Hummeln im Bauch“, ist aber an den Moment gebunden. Die dauerhafte Liebe und innere Verbindung eines Paares, sei es heterosexuell oder homosexuell, kommt dagegen beim Zusammenleben: durch den Alltag, das gemeinsame Lösen von Problemen, das Verfolgen gleicher Ziele, und durch das sexuelle Zusammensein.

Also brauchen wir mehr Bodenständigkeit und Realismus bei der Partnersuche? So, wie es der Psychotherapeut Arnold Retzer 2009 in seinem Buch „Lob der Vernunftehe“ anmahnte?

Ich denke zumindest, sie kann nicht schaden. Ich war gerade im Iran. Dort braucht eine Frau die Erlaubnis ihres Vaters, um heiraten zu können. Ich erfuhr, dass der Vater der Hochzeit seiner Tochter nicht zugestimmt hatte, weil der Auserwählte aus erster Ehe ein Kind hatte, dessen Mutter an Krebs gestorben war. Der Vater wollte nicht, dass seine Tochter gleich als Stiefmutter zu agieren hätte. Das ist für uns fremd, genauso, wie arrangierte Ehen für uns kaum vorstellbar sind. Doch ist es ja nicht so, dass sich die Eltern keine Gedanken machen. Sie überlegen, wer passt zu meinem Kind, wer bringt die gleichen ökonomischen und kulturellen Voraussetzungen mit.

Aber solche Beziehungen machen doch nicht unbedingt glücklich...da gibt es viele negative Beispiele.

Ich spreche nicht von Zwangsheiraten. Die sind zweifellos sehr schlimm und verstoßen gegen die Menschenrechte. Aber ich finde, es wird bei uns häufig zu negativ dargestellt, wenn Eltern sich bei der Eheschließung ihrer Kinder einmischen und sie dabei beraten. Da heißt es dann gleich abschätzig: „Die sind verkuppelt worden“. Das hängt mit der starken Individualisierung in unserer Gesellschaft zusammen, infolge derer jeder für sein Leben die volle Verantwortung trägt. Dabei spielt in einer Ehe die Kultur der beiden Herkunftsfamilien in jeder Hinsicht eine wichtige Rolle, denn jeder Partner bringt viele frühe Sozialisierungserfahrungen mit in die Beziehung. Da ist es dann schon gut, wenn es passt.

Bei Online-Partneragenturen wie Parship sucht der Computer den passenden Partner, beim dänischen Fernsehformat „Hochzeit auf den ersten Blick“ heiraten von Experten ausgesuchte Menschen, die sich noch nie zuvor gesehen haben und erstmals auf dem Standesamt treffen. Ist das ein Erfolgsmodell?

Das ähnelt ein wenig den Praktiken in den angesprochenen Kulturen, in denen die Eltern einen Partner vorschlagen. Zumindest lässt sich sagen, dass eine solche Partnersuche dadurch gekennzeichnet ist, dass man seine Wünsche und Erwartungen klar formulieren muss. Man sucht sich eine Lebensgemeinschaft, die auf gemeinsamen Zielen, Werten und Möglichkeiten beruht wie zum Beispiel einem guten finanziellen Auskommen und vielleicht dem Wunsch nach einer Familiengründung mit Kindern. Die Erwartungen an Liebe und Leidenschaft sind dann dagegen häufig nicht so hoch. Das kann entlastend wirken. Wir haben heute so viel zu entscheiden: welchen Beruf wir wählen, welchen Partner wir aussuchen... Wenig ist vorstrukturiert und vorgegeben. Wir haben sehr große menschliche und soziale Aufgaben zu bewältigen. Kein Wunder, dass es oft schief geht und jede dritte Ehe geschieden wird.

Aber eine Partnerschaft so ganz ohne Anziehung: Ist das überhaupt eine Beziehung oder nicht vielmehr ein Leben im Team?

Ich stelle eine Gegenfrage: Kommt es in einer auf Dauer angelegten Partnerschaft wirklich in erster Linie auf die Leidenschaft an? Die verschwindet doch oft nach kurzer Zeit. Eine Partnerschaft ist nicht das Paradies, auch wenn wir das häufig von ihr erwarten. Ich komme zurück auf meine These, dass die leidenschaftliche Liebe wesentlich ein Produkt der Fantasie ist. Doch auch in einer auf Dauer angelegten Partnerschaft ist Fantasie wichtig. Sie bricht Gewohnheiten auf und führt dazu, einander zu überraschen und einander Freude zu machen.

Glauben Sie, dass die auf Vernunft und Pragmatismus gegründete Partnerschaft ein Comeback feiern wird?

Da wäre ich vorsichtig. Es gibt viele Tendenzen, die zur Vernunftehe genauso wie andere, gegenläufige. Im Internet kann man Angebote für den schnellen Sex finden, aber auch die Suche nach einer dauerhaften Partnerschaft. Es gibt so viele Formen der Liebe: die sexuelle Liebe, die eheliche Liebe, darüber hinaus die Liebe zu den eigenen Kindern und die Nächstenliebe. Und das wird auch so bleiben.