Berliner helfen

Die Masche mit der Integration

Wie feine Häkelkragen türkische Frauen aus der Reserve locken

Ein verstecktes Ladenatelier in der Kienitzer Straße 101 in Neukölln. Auf den pastellfarbenen Chippendale-Sofas sitzen türkische Frauen mit Kopftuch. Sie reden angeregt miteinander und sind dabei doch konzentriert bei ihren Handarbeiten. Mit Häkel- und Nähnadeln fertigen sie modische Accessoires wie feinste Spitzenkragen, Tücher und filigrane Schmuckstücke. Der Designerin Ann Kathrin Carstensen ist etwas ganz Besonderes gelungen: Sie hat ein exklusives Modelabel und ein soziales Integrationsmodell miteinander verknüpft. Dafür wurde die 34-Jährige 2011 beim Wettbewerb „Start social“ von Bundeskanzlerin Angela Merkel ausgezeichnet. „Mein Fokus liegt auf interkulturellem Austausch, das Miteinander soll ins Blickfeld gerückt werden“, sagt die gebürtige Hamburgerin. Der Name ihrer Großmutter stand Pate für beides: Integrationsprojekt und Couture-Mode. Der Verein heißt „Ritas Häkelclub e.V.“, ihr Label firmiert unter „Rita in Palma“.

Als die junge Frau vor Jahren aus ihrer Heimatstadt Hamburg nach Berlin zog, wechselte sie nicht nur ihren Wohnort, sondern auch ihr Studium - von der Medizin zur Mode. Sie studierte an der Hochschule für Technik und Wirtschaft im Fachbereich Modedesign und machte dort ihren Abschluss. Danach beschloss Ann-Kathrin Carstensen, inzwischen Mutter eines kleinen Sohnes, sich selbständig zu machen. Modedesigner gibt es viele, etwas Spezielles sollte es sein. Während eines Studienprojekts hatte Ann-Kathrin feine Söckchen gehäkelt. Traditionelle Handarbeiten, bei uns weitgehend in Vergessenheit geraten, wollte sie nun wiederbeleben. „Im Orient sind Stricken, Häkeln und Spitzenarbeiten heute noch traditionelle Frauenarbeiten, die von Generation zu Generation weitergeben werden. Und in Berlin gibt es ja viele Türkinnen“, erzählt die Modemacherin. Also machte sie sich 2010 auf die Suche nach Migrantinnen, die sich auf ausgefallene Techniken wie kunstvolles „Occhi“ (Augenspitze) nach der alten Mekik-Technik verstehen sowie Ine Oxyasi, bei dem Nähgarn mit einer Nadel verarbeitet wird. Zunächst ließ sich Ann-Kathrin Carstensen von dem Besitzer einer Dönerbude einen Aufruf ins Türkische übersetzen. Doch niemand meldete sich. Dann versuchte sie ihr Glück in verschiedenen Kiez-Einrichtungen, in denen sich türkische und arabische Frauen treffen. Doch dort wurde sie nur misstrauisch beäugt. „Keine der Frauen wollte mit mir reden.“ so ihre Erfahrung. Erst als sie eines Tages mit ihrem kleinen Sohn an der Hand auftauchte, brach das Eis. „In dem Moment war ich keine komische Modetante mehr, sondern auch nur eine Frau und Mutter“, berichtet Ann-Kathrin Carstensen. Sie selber hat seit ihrer Kindheit in Hamburg-Ottensen, einem Stadtteil in dem traditionell viele Ausländer leben, enge Beziehungen zu türkischen Familien gehabt. Inzwischen hat Ann-Kathrin Türkisch gelernt, „damit ich mich mit meinen Häkelköniginnen in ihrer Sprache unterhalten kann.“

Ann-Kathrin Carstensen ist die kreative Seite genau so wichtig wie die soziale. Nachdem die Frauen zunächst zu Hause gearbeitet haben und sie dort die Spitzenerzeugnisse abgeholt hat, hat sie mit der Anmietung eines Ladenateliers ein finanzielles Risiko auf sich genommen. Doch das ist es ihr wert. „Wir wollen nicht nur produzieren, sondern auch kommunizieren und integrieren.“ Und sie sagt weiter: „Rita in Palma ist kein gewinnbringendes Modell, das auf einen kurzfristigen wirtschaftlichen Erfolg abzielt. In ökonomisch schwierigen Zeiten sehnen sich die Menschen nach Manufakturprodukten als Ausdruck von reinem Handwerk. Nach Unikaten, die eine Geschichte erzählen.“ Gearbeitet wird mit Baumwolle, Seide, Angorawolle, aber auch Leder. Gefertigt werden Tücher, Schals, Kragen, Gürtel und ausgefallene Taschen. An manchen Tagen treffen sich rund ein Dutzend Frauen in dem großen Raum, reden, lachen, tauschen sich aus, während die Nadeln klappern. „Es ist wundervoll, wie die Frauen aufblühen, weil sie zum ersten Mal in ihrem Leben große Anerkennung erfahren für etwas, was zu Hause selbstverständlich ist“, sagt die engagierte Designerin. Ihre Mitarbeiterinnen haben inzwischen auch viel Neues kennengelernt. Zum Beispiel als „Rita in Palma“ sich auf der Premium-Messe im Rahmen der Berliner Fashion Week präsentierte. Kürzlich gab es eine Ausstellung im KaDeWe, die Vogue hat Kreationen für Modeproduktionen ausgeliehen und Meret Becker ließ sich ein Bühnenbild häkeln. Noch reichen die Einnahmen nicht aus, um die laufenden Kosten zu decken. Zum Glück sind jetzt drei der Häkeldamen für ein Jahr über das Jobcenter finanziert. Ann-Kathrin Carstensen hat weitere Pläne, für die sie auf Spenden angewiesen ist: sie möchte ihr Atelier zu einer internationalen Begegnungsstätte machen, in der es verschiedene Angebote, Deutsch- und Türkisch-, vielleicht auch Kochkurse gibt. Ihre Devise: Wir können alle voneinander lernen. www.ritainpalma.com