Religion

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Lukas, 1, hat seit seiner Taufe gleich vier Menschen, auf die er sich verlassen kann: seine Eltern und zwei Paten. Was ihnen und anderen Patinnen und Paten ihr Amt bedeutet, erzählen sie hier

Erste Sonnenstrahlen lugen durch das bunte Fensterglas und Lukas schaut erstaunt, als seine Mutter ihn an ihren Bruder Patrick Dietz übergibt. „Segen kann gedeihen, wo wir alles teilen, schlimmen Schaden heilen, lieben und verzeihen“: Feierlich klingt der Gesang in der Dahlemer St. Annen-Kirche an einem Sonntag Morgen im April. Während die Gemeinde verstummt, treten Christina und Florian Kittelmann zu Pfarrer Helmut Ruppel ans Taufbecken.

Dort stehen schon Patrick Dietz mit dem kleinen Lukas und Stephan Kittelmann, der Bruder von Lukas’ Vater Florian. Vier Familienmitglieder sind zusammen gekommen, um den Einjährigen zu taufen: die Eltern und die Paten. Die Stimmung ist festlich. Die Mutter erscheint im schwarz-weißen Kleid, die Herren in Anzug und Krawatte, und selbst Lukas trägt eine kleine Anzug-Kombination. Doch was bedeutet es heute noch, Pate zu sein? In einer Zeit, in der es Patenschaften für Tiere und Tunnel, für Schulen, Stühle im Konzerthaus oder Autobahnabschnitte gibt? Was bleibt vom Amt außer Geschenken und Anrufen zum Geburtstag?

„Das Patenamt bedeutet mir sehr viel“, sagt Patrick Dietz. „Als Pate bin ich neben den Eltern auch Bezugsperson für Lukas. Das ist eine wichtige Aufgabe.“ Für die kommenden Jahre hat er sich vorgenommen, seinem Neffen und Patenkind mit „Liebe, Offenheit und Vertrauen“ zu begegnen. Beide Patenonkel gehören zur Familie, da ist das Risiko, sich im Leben nicht mehr zu begegnen, gleich geringer als bei Freundschaften, die oft schneller zerbrechen als Familienbande. Denn schließlich soll eine Patenschaft lange halten, mindestens bis zur Konfirmation, gerne auch darüber hinaus.

Immer weniger Menschen lassen ihre Kinder überhaupt taufen. In der evangelischen Kirche ist die Zahl der Taufen in den vergangenen zwanzig Jahren von 300.000 auf 175.000 pro Jahr gesunken, in der katholischen Kirche von 300.000 auf 170.000. Der religiöse Ritus ist nicht mehr gefragt wie damals, als die heutige Elterngeneration getauft wurde, weil es so üblich war. Für einige Berufstätige ist das Bekenntnis zur Kirche auch eine finanzielle Frage: Die Kirchensteuer kann eine Belastung von mehreren hundert Euro pro Jahr ausmachen. Da fällt der Austritt aus der Kirche beim Blick auf den Lohnsteuerbescheid manchem nicht schwer.

Doch wer Pate werden will, muss getauft und Mitglied der christlichen Kirche sein. Und so gestaltet sich die Suche nach einem Paten immer schwieriger, wenn immer mehr Menschen die Kirchengemeinschaft verlassen. Dabei geht es den Eltern meist nicht nur um den Glauben. Viele Eltern fragen sich, auf welchen Menschen sie sich verlassen möchten, wenn es um ihr Kind geht. Oder, wie Christina Kittelmann es formuliert: „Im schlimmsten Fall würden wir uns von den Paten erhoffen, dass sie auch die Erziehung unseres Sohnes übernehmen.“

Welche Aufgaben Paten aus kirchlicher Sicht übernehmen sollen, erklärt Pfarrer Oliver Dekara. „Die Paten sollen die Eltern in der christlichen Erziehung des Kindes unterstützen und auch darüber hinaus Ansprechpartner sein“, sagt er (siehe Interview). Mit der Konfirmation oder Firmung endet die Patenschaft formell.

Das Amt hat eine lange Tradition. Taufpaten werden in kirchengeschichtlichen Dokumenten etwa seit dem 2. Jahrhundert n. Chr. erwähnt. Damals hatten Paten vor allem die Aufgabe, die Ernsthaftigkeit des Taufbegehrens vor der Gemeinde zu bezeugen. Ab dem 6. Jahrhundert gab es eigene Patenexamina, um die Paten auf ihre Eignung hin zu prüfen. Im 18. und 19. Jahrhundert traten die religiösen Gesichtspunkte in den Hintergrund und weltliche Aspekt wurden wichtiger. Vor allem das Bürgertum und der Adel wählten die Taufpaten nach strategischen Gesichtspunkten: Der Pate sollte möglichst wohlhabend und bedeutend sein. Über die Verleihung von Patenämtern wurden soziale Netzwerke für Eltern und Täufling geknüpft. Und nur der Adel durfte damals mehr als zwei Taufpaten für ein Kind bestimmen.

Heute können Eltern so viele Paten für ihr Kind benennen, wie sie möchten. Doch es ist keine leichte Aufgabe, den richtigen Menschen für das jeweilige Kind zu finden. Ein ruhiges Kind findet bei einer Patentante, die viel und gern auf Partys geht, vielleicht nicht genug Verständnis, ein lebendiger Fußball-Fan ist mit einer Leseratte als Patenonkel schlecht bedient. In jedem Fall sollte eine Patenschaft gut überlegt sein – von Seiten der Eltern wie der Paten. Denn genauso wenig, wie die Eltern die Paten ihres Kindes etwa nach einem Streit nachträglich ihres Amtes entheben können, können sich die Paten ihrer Aufgabe einfach entledigen. Schließlich haben sie sich zur Fürsorge verpflichtet.

Wer dazu bereit ist, wird vielleicht lebenslang von einer wichtigen Bindung in seinem Leben zehren können. So geht es der Kinderpsychotherapeutin Irina Czertok. Sie hat eine Patenschaft aus persönlichen Gründen schon einmal abgelehnt. Umso glücklicher ist sie mit ihrem Patensohn Jordan Uecker, heute 18, mit dem sie sich regelmäßig zum Austausch trifft. Auch bei Star-Coiffeur Shan Rahimkahn und seinem Patenkind Victoria Borrmann ist die Wahl gelungen, beide verbindet ihre Kreativität. Und wer sich direkt vor der Konfirmation taufen lässt wie die Zwillinge Luisa und Lioba von Magnus, kann seine Paten sogar selbst auswählen – eine gute Basis für eine funktionierende Beziehung.

Was sich die Mädchen von ihren zukünftigen Patentanten erhoffen und was andere Paten und Patenkinder denken, lesen Sie hier: