Sprechstunde

Sind die Stiefgeschwister des Sohnes erbberechtigt?

Dr. Max Braeuer über die gesetzliche Erbfolge in einer Patchwork-Familie und die Vorteile eines Testaments

Meine Frau hat einen unehelichen Sohn von einem inzwischen verstorbenen Mann. Dieser Vater hat aus zwei Ehen je ein Kind. Nach seinem Tod hatte mein Sohn ein anteiliges Erbe erhalten. Ich selbst habe den Sohn meiner Frau nicht adoptiert. Frage: Sollte der ledige und kinderlose Sohn vor meiner Frau sterben, würden dann die vorerwähnten sogenannten Stiefgeschwister mit erbberechtigt sein? Und wenn ja, in welchem Umfang?

(Jürgen S., per E-Mail)

Wovon Sie erzählen, wird heute als Patchwork-Familie bezeichnet. Die gesetzliche Erbfolge kann in einer solchen Familie sehr kompliziert sein. Die gesetzliche Erbfolge ist deshalb auch nur der Notfall. Ihrem Stiefsohn ist dringend anzuraten, ein Testament zu machen und damit seine Erbfolge zu regeln. Dann stellen sich die Fragen nicht, die Sie aufgeworfen haben.

Wenn Ihr Stiefsohn bei seinem Tod kein Testament hinterlässt, dann wird er von seinen Verwandten beerbt. Sie als sein Stiefvater, Ehemann seiner Mutter, sind mit dem Stiefsohn nicht verwandt und kommen deshalb in der gesetzlichen Erbfolge auch nicht vor. Von welchen seiner Verwandten er beerbt wird, kann kompliziert zu ermitteln sein. Das gilt nicht nur, wenn er früher als seine Mutter stirbt, sondern erst recht, wenn er sie zunächst überlebt hat. Wer konkret der Erbe sein wird, lässt sich allerdings heute noch nicht sagen, weil bis zum Tode Ihres Stiefsohnes ja noch Personen geboren werden oder sterben können.

Sollte Ihr Stiefsohn bei seinem Tode mindestens ein eigenes Kind hinterlassen haben, ist die Erbfolge einfach: Seine Kinder erben alles. Ist er bei seinem Tode kinderlos, dann wird es schwieriger. Erben sind seine beiden Eltern, jeweils zu gleichen Teilen. Da einer von beiden, der Vater, nicht mehr lebt, treten an dessen Stelle seine Kinder, also die beiden Halbgeschwister Ihres Stiefsohnes. Es kann natürlich sein, dass eines dieser beiden Halbgeschwister auch nicht mehr lebt. Dann erbt nicht etwa der andere allein, sondern anstelle des Verstorbenen dessen gesetzliche Erben. Die andere Hälfte des Nachlasses steht der Mutter des Stiefsohnes zu, also Ihrer Frau. Sollte sie den Erbfall nicht erleben, dann erben nicht etwa Sie als ihr Witwer, sondern die Eltern oder die Geschwister ihrer Frau.

Diese komplizierte Erbfolge ist aber keineswegs zwingend. Sie tritt nur im Notfall ein, wenn keine Vorsorge durch ein Testament getroffen worden ist. Jeder Mensch kann ein Testament machen und damit die gesetzliche Erbfolge außer Kraft setzen. Ein Testament geht der gesetzlichen Regelung immer vor. So hat Ihr Stiefsohn etwa die Möglichkeit, seine Mutter zur Alleinerbin zu bestimmen, er kann natürlich auch Sie, seinen Stiefvater, einsetzen. Mit einem solchen Testament würden Sie beide erben, als wären Sie die leiblichen Eltern des Sohnes.

Oft wird die Befürchtung geäußert, es gebe gar keine echte Testierfreiheit, weil doch Pflichtteilsrechte beachtet werden müssten. Das wird bei Ihrem Stiefsohn jedoch kein Problem sein. Außer seiner eigenen Mutter hat bei seinem Tod niemand einen Pflichtteilsanspruch. Ein Testament ist in jedem Falle wirksam, auch wenn dadurch Verwandte enterbt werden, die ohne Testament ein Erbrecht gehabt hätten. Nur sehr nahe Verwandte können als Ausgleich dafür, dass sie enterbt worden sind, einen Geldbetrag als Ausgleich verlangen, den Pflichtteil. Dieses Recht haben nur die Kinder, die Eltern und Ehegatten. Ihr Stiefsohn kann also durch Testament seine Geschwister oder die Verwandten seiner Mutter vollständig enterben und statt dessen beliebige andere Personen einsetzen. Nur seine Mutter hätte einen Pflichtteilsanspruch, wenn sie enterbt würde. Das wird der Sohn vermutlich aber ohnehin nicht beabsichtigen.

Haben auch Sie eine Frage zum Familien- oder Erbrecht? Dann schreiben Sie an familie@morgenpost.de. Dr. Max Braeuer ist Rechtsanwalt bei Raue LLP und Lehrbeauftragter für Familienrecht. Er beantwortet Leserfragen gern in seiner Kolumne an dieser Stelle. Ein Anspruch auf Beantwortung besteht nicht.