Mamas & Papas

Unerträglicher Dichtestress im Park

Hajo Schumacher leidet unter Slacklines und Container-Fahrrädern

Wir sind eine aktive Familie. Kaum sind alle statischen Tätigkeiten erledigt, drängen wir an die frische Luft, mehrmals im Monat. Wir fahnden nach einer Rasenfläche im Park, die frei ist von Menschen und Hunden und beider Hinterlassenschaften. Ich würde jetzt gern über der Zeitung einnicken. Leider wedelt Hans mit dem Frisbee vor meiner Nase herum, nachdem er den Ball in das Stiefmütterchenbeet geschossen hat. Diese Schneise durch die Blüten, die war aber schon vorher.

„Spiel doch mal mit deinem Sohn“, befiehlt die Chefin. Dämonische Müdigkeit würgt mich. Ist dieser Schwindel beim Aufstehen Vorbote einer tödlichen Krankheit? Würde ich jetzt Frisbee-Spielen, wenn ich wüsste, dass ich nur noch sechs Wochen zu leben habe? Oder eher einen Park-Besucher erwürgen, der uns den Rasenplatz wegnimmt? Ich gebe der Plastikscheibe einen eleganten Spin. Nun fang schon, dummer Junge. Stattdessen lässt Hans den Frisbee eine Schneise ewiger Freundschaft durch den Park ziehen. Mit meinem eleganten Wurf hätte ich fast ein Baby geköpft, einen Balancierer von seiner Leine befördert und einen glänzenden Container verbeult, der auf ein Rad geschraubt ist. Höchste Zeit, die Schuldfrage zu stellen: Sind wir Hyperaktiven das Ärgernis, die wir uns gern ein wenig im öffentlichen Raum bewegen würden? Oder nerven vielmehr jene Zeitgenossen, die mit zahllosen Freizeitgerätschaften in jedem Park unerträglichen Dichtestress erzeugen?

Gäbe es zum Beispiel ein Grundrecht auf Slackline, dann müsste der Senat Millionen Zusatzbäume pflanzen, statt Randbebauung in Tempelhof vielleicht. Der Slackliner zerrt seinen Spanngurt, mit dem wir früher Omas Anrichte auf dem Dachgepäckträger zum Sperrmüll gefahren haben, um einen Baumstamm und acht Meter weiter um den nächsten. Um unseren Freund, den Baum, nicht zu verletzen, wird eine kuschelige Rindenschutzmatte angebracht. So wird jeder Park durchschnitten von Balancierleinen, die nur einem Spaß machen, nämlich dem, der sie mitgebracht hat, um der Welt zu zeigen, was er kann. Alle anderen fallen dumpf vom Seil, weshalb das Sportgerät nach zehn Minuten ungenutzt herumhängt, bis der kleine Pontius mit dem Roller drunter durchzurasen versucht, was ihm die berüchtigte Slackline-Bremsung per Hals einbringt. Ist es Zufall, dass in nächster Umgebung von Leinen-Spannern fast immer auch Container-Fahrräder zu finden sind? Früher, als alles besser war, reichten Kindersitz und Satteltasche für eine Woche Zelturlaub. Heute braucht die moderne Mutter ein Transportrad samt Monsterkiste, um ihren Liter milchfreier Laktose einzukaufen. Vorwurfsvoll steht auf der Kiste: „Ich ersetze ein Auto“.

Hans und ich haben genug vom achtsamen Leben im Park. Wir werden uns jetzt ins Auto setzen, die Fenster runterkurbeln und bei „Smoke on the water“ über den Kudamm brausen. Feiertage wollen sinnvoll gestaltet sein.

Kommende Woche schreibt an dieser Stelle wieder Sandra Garbers.