Familie

Der pubertierende Sohn - das unbekannte Wesen

Protokoll einer Mutter über den Alltag mit einem 15-Jährigen

Gut. Mit diesen drei Buchstaben lässt sich jede Frage beantworten. Zumindest für meinen Sohn. Wie war’s in der Schule? Gut. Wie lief die Mathearbeit? Gut. Was machst du heute Abend? Gut. Gut? Das passt jetzt nicht. Aber meinem Sohn geht es offenbar auch gar nicht darum, eine Frage zu beantworten, sondern seine Mutter ruhigzustellen. Gut im Sinne von: keine weiteren Fragen! Dabei ist „Gut“ ja immerhin etwas. Oft genug gibt es überhaupt keine Reaktion. Mein Sohn ist ein Meister darin, Fragen aktiv zu überhören oder sich erst gar nicht in Reichweite des Fragenden zu begeben.

Wenigstens beruhigend: Ich bin nicht die einzige Mutter mit wortkargem Sohn. Aber wieso reden Jungs eigentlich so ungern? Die Antwort „Gut“ passt ja auch hier nicht. Spätestens mit Einsetzen der Vorpubertät kann ich mir über das Sprachvermögen meines Sohnes kaum noch ein Urteil erlauben. Das lebt er nämlich höchstens in sozialen Netzwerken oder per SMS aus. Selbst wenn er andere 15-jährige zu Besuch hat, scheint die Hauptbeschäftigung der Jungen darin zu bestehen, sich anzuschweigen – Hauptsache Computer und Smartphone sind in greifbarer Nähe. Dabei lasse ich natürlich nichts unversucht, um seine sprachliche Praxis im Elternhaus anzuregen. Ein Dialog sieht dann etwa so aus:

Er: kommt nach Hause, geht wortlos in sein Zimmer.

Ich: lasse ihn erst einmal.

Er: hat irgendwann Hunger, kommt in die Küche. Kühlschrank auf, Wurst raus.

Ich: „Na, wie war`s heute in der Schule?“

Er: schaut genervt, beißt in seine Wurststulle, sagt emotionslos: „Gut.“

Ich: stelle noch ein, zwei Fragen, so um ins Gespräch zu kommen und vielleicht ein paar anstehende Termine zu klären.

Er, recht ungehalten: „Was willst du eigentlich von mir?“

Ich: zwinge mich ruhig bleiben, und erkläre gepresst freundlich, was ich klären will.

Er: kaut auf seinem Brot herum, schaut mit starrem Blick durch mich hindurch, keine Antwort.

Ich: wiederhole mein Anliegen in etwas schärferem Ton.

Er: „Du musst immer gleich ausrasten.“

Ich: raste aus.

Da hätte ich mir auch gleich das ganze freundliche Geplänkel sparen können und statt Diskussionsgrundlagen einfach nur eine Anweisung im Dreiwortsatz aussprechen können. Aber Feldwebel ist eigentlich nicht meine Vorstellung von Muttersein. Und theoretisch klar: Schimpfen ist sowieso nicht der richtige Weg. Für die Praxis habe ich da allerdings noch keine effektive Alternative gefunden. Noch hat mir kein Erziehungsratgeber verraten, wie das gehen soll, mit pubertierenden Söhnen in ein lockeres Gespräch zu kommen.

Über manch andere Details schweigen sich Erziehungsratgeber übrigens ebenfalls aus. Zum Beispiel zum Thema Socken und Unterhosen. So eine Kapitelüberschrift habe ich bislang nirgendwo gelesen, dabei sind Socken und Unterhosen ein zentrales Thema im Familienalltag. Nämlich die, die etwa genau dort herumliegen, wo sie meinem Sohn abends vom Körper fallen. Mit der Zeit entsteht dabei eine Art Textilstraße zwischen Bad und Kinderzimmer. Ihn stört das frühestens dann, wenn er keine frischen Unterhosen oder Socken mehr im Schrank findet, mich schon deutlich früher. Und der Hinweis „Chill mal“ wirkt auf mich nicht wirklich beruhigend.

Übrigens bekomme ich diesen Hinweis gern mal vom Bett aus zugerufen. Dort liegt mein Sohn nämlich auch gern tagsüber, um sich auszuruhen. Klar, mit G 8 ist die Schulzeit viel anstrengender geworden und Pubertierende brauchen ja auch eine Menge Zeit, um all die Veränderungen, die mit ihnen passieren, zu verarbeiten. Aber irgendwie muss der Mittlere Schulabschluss doch absolviert und die Socken müssen irgendwann gewaschen werden. So leicht ist die Pubertät meines Sohnes für mich schließlich auch nicht, aber lege ich mich deshalb immer gleich hin?

Auf der anderen Seite bin ich auch schon ganz froh, dass er da herumliegt, so weiß ich jedenfalls, wo er ist. Er könnte ja ganz woanders herumliegen. Heute ist es gar nicht so leicht für Eltern, einen Überblick über den Freundeskreis der Kinder zu halten. Früher war das meist überschaubar: Da waren es vielleicht fünf aus der Klasse und noch mal fünf vom Sport. Gesehen hatte man die auch alle mal. Aber wenn mein Sohn heute sagt, er geht zu einem Freund, dann kommen da ja mindestens 500 in Frage, zumindest nach der Menge seiner Facebook-Bekanntschaften zu urteilen. So jedenfalls der Stand im letzten Jahr, bevor er mich aus dem Kreis seiner engen Freunde (etwa 499) verstoßen hat.

Auf die Frage: „Wo bist du heute Abend?“ kommt dann zum Beispiel – wenn nicht „Gut“ – die Antwort: „In Steglitz.“ Klar, dann weiß ich ja genau Bescheid. Wenn irgendetwas sein sollte, ruf ich einfach in Steglitz an, da werde ich bestimmt zu ihm durchgestellt. Aber muss ich tatsächlich immer wissen, wo er ist und was er macht? In Erziehungsratgebern wird ja gepredigt, man solle Pubertierenden vertrauen. Das schreibt sich so leicht. Merkt er wirklich immer, welcher Freund ihm guttut? Aber klar, seine Erfahrungen muss er ja irgendwie auch machen. Meine eigenen Erfahrungen und Meinungen interessieren ihn jedenfalls herzlich wenig.

Neulich hat er mich aber doch überrascht. Mein Sohn und ich standen nebeneinander in der Küche, ich wollte mit ihm mal wieder ins Gespräch kommen. Er, mit mittlerweile fast zwei Metern Körpergröße schaute auf einmal erstaunt auf mich herunter, wirkte ernsthaft interessiert. „Mama, schrumpfst du schon?“ Ich schaute zu ihm auf, er weiter herunter, fester Blick. Wir mussten beide lachen. Danach haben wir dann länger miteinander geredet, über dies und das. Manchmal hilft es, die Dinge einfach mit Humor zu nehmen.