Dinge des Lebens

Omas alte Schachtel

Marlies Löber, Jahrgang 1949, Ingenieurin aus Frohnau

Kein Blatt Papier war mehr sicher, als Marlies Löber ihre Bleistifte bekam. Ihre Großmutter hatte schon im ersten Weltkrieg damit Kochrezepte in Sütterlin-Schrift aufgezeichnet und nun schenkte sie ihrer Enkelin die Stifte. Als Erinnerung an ihre Großmutter sowie als Begleiter ihres beruflichen und privaten Lebens ist ihr die unauffällige, schmale Schachtel mit den drei Bleistiften, die sie damals als kleines Mädchen bekam, bis heute wichtig.

Zur Einschulung 1956 begleiteten die Stifte das Mädchen und auch beim Lesen und Schreiben lernen wurden sie gebraucht. Wenn sie von der Schule nach Hause kam, wartete die Großmutter auf sie. Zusammen mit Marlies Löbers Eltern wohnten sie in einem Haus. Für die berufstätigen Eltern war das eine enorme Erleichterung. Gemeinsam mit ihrer Großmutter und den Bleistiften zeichnete und malte Marlies Löber. „Meine Leidenschaft habe ich bestimmt von ihr übernommen“, sagt sie heute. Ein wenig wehmütig klingt sie, wenn sie über ihre Großmutter spricht. Eine enge Beziehung scheint das gewesen zu sein zwischen Großmutter und Enkelin.

Die Mitschüler bewunderten sie

Doch nicht nur mit der Großmutter, sondern auch in der Schule habe sie gemalt. „Ich entdeckte meine Freude am Malen von Micky-Mäusen und tat in der Schule nichts anderes“, erinnert sich Marlies Löber. Von ihren Mitschülern wurde sie schon damals für ihre Kunstfertigkeit mit Stift und Papier umzugehen bewundert. Einmal habe sie ein Micky-Maus-Bild sogar gegen die Streuselschnecke eines Mitschülers eintauschen können.

So verging die Grundschulzeit und auch ihre Zeit an einer technischen Schule in Neukölln. Die Bleistifte waren so abgenutzt, dass sie nachgekauft werden mussten. Die neuen Stifte kamen in dieselbe, etwa zwanzig Zentimeter lange Schachtel von ihrer Großmutter, in der auch schon die alten aufbewahrt worden waren. Für Marlies Löber war eins klar: Auch in Zukunft wollte sie zeichnen. Ihr Berufswunsch Grafikerin wurde in der Berufsberatung als brotlose Kunst abgetan. Als Alternative fand sich schließlich die Ausbildung zur technischen Zeichnerin – immerhin hatte der Beruf auch etwas mit Zeichnen zu tun und die Bleistifte kamen wieder zum Einsatz.

In ihrer Freizeit nahm Marlies Löber Malunterricht, um das Aquarellieren zu lernen. 1971 machte sie ihr Fachabitur nach und begann ein Ingenieur-Studium. Eine handwerkliche Ausbildung war dafür Voraussetzung, die sie als technische Zeichnerin aber erfüllte. 1974 war sie eine der ersten Frauen in der Männer-Domäne des Ingenieurswesens. „In langweiligen Besprechungen fertigte ich immer Skizzen an. Als mich einmal ein Bauleiter vor versammelter Mannschaft abkanzelte, karikierte ich ihn. Alle wollten die Zeichnung haben. Nur in meinem Bauleiter hatte ich einen Feind mehr gefunden.“ Marlies Löber lacht bei der Erinnerung.

„Wo andere sich mit Händen und Füßen verständigten, war meine Sprache eben die Zeichnung“, erklärt sie und man glaubt ihr. So setzte sie sich als Frau in einem Beruf durch, in dem Männer üblicherweise die Oberhand hatten. Einfach war es allerdings nicht. „Technische Berufe waren für Frauen unüblich. So war es damals zum Beispiel nicht üblich, mit den männlichen Kollegen Freundschaften zu schließen. Das hätte sich negativ auf den Ruf einer Frau ausgewirkt. Heute hat man es da bestimmt leichter“, sagt Marlies Löber. Trotzdem kämpfte sie sich durch: Erst arbeitete sie in einer Firma, die technische Anlagen herstellte. „Schade, dass es die irgendwann nicht mehr gab. Wer weiß, vielleicht wäre ich sonst dort geblieben“, sagt sie ein wenig nostalgisch. An den Steglitzer Kreisel, ihre erste Baustelle, erinnert sie sich jedenfalls nach wie vor gut: „Bis heute habe ich den Bauplan detailliert vor Augen.“

Später arbeitete sie als Ingenieurin für das Land, dann für den Bund. „Als die Alliierten nach der Wiedervereinigung abrückten und die Bundeswehr nach Berlin kam, habe ich dort an dem Bau technischer Anlagen mitgewirkt. Ich war die erste Frau in der Bundeswehr. Das war natürlich eine Katastrophe“, sagt Marlies Löber und lacht. „Ich würde meine Karriere insgesamt als erfolgreich einschätzen.“ Stolz klingt sie, wenn sie das sagt.

Ihre Art, sich auszudrücken

Zufrieden wirkt sie auch, wenn sie über ihr Privatleben redet. 1992 lernte sie ihren Mann Peter Löber auf der Geburtstagparty von Freunden kennen und zog mit ihm 1995 nach Frohnau. Fast zwanzig Jahre wohnen sie jetzt in dem Haus mit dem großen Garten im Westen von Berlin. „Wir haben zwar keine Kinder, dafür aber unser ewiges Kleinkind“, sagt sie lächelnd und deutet auf ihren Hund Decus. „Purzel oder rote Rübe nenne ich ihn manchmal, weil er so frech ist.“

Seit Marlies Löber und ihr Mann das Pensionsalter erreicht haben, verbringen sie mehr Zeit mit ihren Hobbys. „Es ist wichtig, dass man etwas hat, was einem Spaß macht. Und es ist gut, dass wir beide unsere Leidenschaft haben“, sagt sie. Während Marlies Löber weiterhin malt, schnitzt ihr Mann in seiner Werkstatt. Das Malen ist ihre Art geblieben, sich auszudrücken und die freie Zeit sinnvoll zu nutzen. „Ich male gerne lustige Bilder. Man möchte sich ja abheben von all den anderen Künstlern“, sagt sie und blickt dabei auf ein Bild mit einem Pferd, das wild in Richtung der Betrachterin wiehert. Gern malt sie Tiermotive. Einige ihrer Bilder bietet sie sogar zum Verkauf. Einmal in der Woche nimmt sie Mal- und Zeichenunterricht. Es gäbe ja immer noch etwas dazu zu lernen.

„Die Malerei hat mich mein ganzes Leben begleitet, ebenso wie meine Bleistifte. Überall waren sie dabei. Ich werde sie so lange erhalten wie es nur geht“, sagt sie und fährt nachdenklich mit der Hand über die Schachtel mit den Stiften.

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