Mamas & Papas

Was hat denn Klavier mit „vier“ zu tun?

Hajo Schumacher über die Rechtschreibreform seines Sohnes

Wir sind eine kreative Familie. Dauernd erfinden wir revolutionäre Dinge, den geruchlosen Furz zum Beispiel. Das Ergebnis ist überwältigend, finden jedenfalls die Jungs im Haushalt. Die Chefin allerdings ist nicht restlos überzeugt. Neulich hat Hans die deutsche Rechtschreibung neu erfunden, eine wissenschaftliche Großtat. Höchste Zeit für die nächste Rechtschreibreform, die letzte ist ja ewig her. Und ausgerechnet unser Sohn gibt wesentliche Impulse. Vielleicht haben wir ja doch ein Wunderkind? Nein, lieber nicht. Es gilt schließlich: Um normal talentierten Nachwuchs für hochbegabt zu halten, müssen die Eltern einfach nur dämlich genug sein.

Hansens Reform zielt auf das Groß- und Kleingeschreibe, das Hans „groß- Und kleingeschreibe“ geschrieben hätte. Denn „Groß“ ist ein Adjektiv, das kleingeschrieben wird. Und „das Und“ hat einen Artikel, weshalb es großgeschrieben wird. Eine Weile habe ich es mit Argumenten versucht. „Großgeschreibe“ sei kein Adjektiv, sondern ein Substantiv, weil immer das entscheidet, was hinten im Wort steht, so wie bei „Klassenarbeit“, „Zimmeraufräumen“ oder „Kleinvieh“. Und „Geschreibe“ sei ein Substantiv, wenn auch in seiner Spezialform als substantiviertes Verb, weshalb man ein „das“ davorsetzen könne. Hans nickte. Neulich schrieb unser Groß-und Kleinreformator: „Der Lehrer Spielt am klawir.“ Der Satz hat viel Schönes, zum Beispiel eine betörende Portion Logik und immerhin drei von fünf Worten korrekt geschrieben, wenn auch mit „Lausiger“ (kommt von „die Laus“, also groß) „klaue“ („klauen“ ist ein Verb, also klein). „Der Lehrer“ ist zu recht groß geschrieben, weil erstens Satzanfang und zweiten Artikel; darauf immerhin haben wir uns inzwischen verständigen können. Aber warum „Spielt“? Hans guckte mich an wie einen Lernverweigerer. „Ist doch wohl klar, Paps“, sagte mein Achtjähriger, „es heißt doch ‚das Spielen‘. Also groß. Und ,klawir’ hat keinen Artikel, also klein.“ Matt merkte ich an, das man ja auch „das Klavier“ sagen könne, der Artikel mithin nicht immer zwingend vor dem Substantiv stehe. Die Korrektscheibung des Tasteninstruments schenkte ich ihm, weil ich die Begründung schon kannte: Es ist ja kein „Klaffier“, weshalb sich das von der Vier bekannte „V“ verbietet, sondern macht Musik, der „wir“ alle zuhören. Praktischerweise wird der Vokal in „wir“ lang gesprochen trotz fehlendem Dehnungs-e, weshalb ein formal falsch geschriebenes Wort auf einmal die überwältigende Anmut der vollständigen Richtigkeit ausstrahlt.

Kinder schreiben nicht falsch, weil sie dumm sind, im Gegenteil: Aus einem Haufen wirrer Anweisungen picken sie jene heraus, an die sie sich erinnern. Zur Zeit entwickeln wir ein verlässliches Regelwerk für die tückischen Doppel-Konsonanten. Dann ist das Dehnungs-h an der Reihe („Reie“?). Zunächst werden wir die Lehrerin vom „klawir“ überzeugen.

Kommende Woche schreibt an dieser Stelle wieder Sandra Garbers.