Dinge des Lebens

Mein allererstes Kunstwerk

Irmgard Ihle, 82 Jahre, Erzieherin i.R. aus Wilmersdorf

Farben und Leinwände, Wimperntusche, Puder und Haarlack, Zeitungsschnipsel und andere Kleinigkeiten: Das sind Irmgard Ihles Hilfsmittel gegen Einsamkeit und Langeweile. Aus diesen Zutaten erstellt sie Gemälde und Collagen. Sie deutet auf ein großformatiges Bild. „Damit fing eigentlich alles an“, sagt sie. Das Bild erinnert ein wenig an einen Adventskalender mit vielen Türchen. Tatsächlich zeigt es eine Hauswand mit rund 30 kunterbunten Fensteröffnungen: kleinen, großen, hohen, niedrigen; über einigen befinden sich aufgeklebte Köpfe von Loriot-Figuren. Der Betrachter fragt sich, welche Geschichten sich wohl hinter der Fassade des Hauses verbergen – und hinter der der Künstlerin. Die 82-Jährige lächelt. Gern gibt sie ein wenig davon preis.

Ihr Leben lang war Irmgard Ihle wenig allein, bunt wie ihr Bild und voller Menschen sei es gewesen, sagt sie – bis zu der Scheidung und dem Ausstieg aus dem Berufsleben. „Das Malen und Anfertigen von Collagen gab mir damals neue Hoffnung. Es war etwas, das ich gut konnte und das anderen gefiel.“

Geboren wurde sie 1932. Die ersten sechs Monate ihres Lebens verbrachte sie in einem Charlottenburger Kinderheim. „Meine leibliche Mutter stammte aus dem polnischen Korridor. Sie zog nach Berlin und verliebte sich in meinen Vater. Mit 19 Jahren brachte sie mich zur Welt und gab mich weg. Das ist alles, was ich über sie weiß, über meinen Vater weiß ich gar nichts. Ich habe also keine Wurzeln, ich bin vom Himmel gefallen“, sagt sie heute.

Adoptiert wurde das Mädchen mit einem halben Jahr von einem Ehepaar, das selbst keine Kinder bekommen konnte. Kurz vorher war der Hund des Paares gestorben und Irmgard Ihles zukünftige Mutter depressiv geworden. Ihr Mann soll gesagt haben: „So kann es nicht weitergehen. Wir brauchen ein Kind.“ So kam das Mädchen in die Familie. „Meine Mutter musste erst mal lernen, wie man mit Kindern umgeht. Schließlich hatte sie vorher nur einen Hund und ich war eine ganz Wilde“, erinnert sich Irmgard Ihle. Aber es sei ihr gut gegangen bei ihren Eltern. Vor dem Krieg habe es auch immer besonders leckeres Essen bei ihnen zu Hause gegeben, denn die Mutter war gelernte Köchin, der Vater Konditor. Während des Krieges wurden aber auch bei ihnen die Mahlzeiten karger: „Ich bin mit meiner Mutter Brennnesseln sammeln gegangen. Sie machte daraus Brennnesselspinat. Als Bratfett benutzte sie Pomade.“

Der Krieg veränderte nicht nur den Speiseplan, sondern auch die Lebenssituation. Der Vater arbeitete fortan bei der Straßenbahn und sie selbst wurde nach ihrer Grundschulzeit in Charlottenburg auf Dorfschulen in Pommern geschickt. „Meine Eltern wollten nicht, dass mir etwas passiert“, sagt sie. Als der Krieg sich dem Ende näherte, setzte die Frau, bei deren Familie sie in der letzten Zeit untergekommen war, sie in den letzten Zug, der zurück nach Berlin fuhr. „Die Russen kommen, du musst nach Hause“, soll sie zu ihr gesagt haben. Voller Soldaten sei der Zug gewesen, doch die passten auf das 13-jährige Mädchen auf, bis es in Berlin war. Nach ihrer Ankunft klopfte Irmgard Ihle an der Tür ihres Elternhauses. Ihre Mutter hatte geglaubt, die Tochter nie wieder zu sehen, und war erleichtert über die unerwartete Rückkehr – genauso wie Irmgard selbst.

So ging der Krieg vorbei und Deutschland wurde zweigeteilt. Irmgard Ihle heiratete. „Als junge Ehefrau wohnte ich am Boxhagener Platz im Ostteil der Stadt. In der Nacht des Mauerbaus war ich mit meinem Mann bei meinen Eltern im Westen zu Besuch. Als wir aufwachten, erfuhren wir aus den Nachrichten von den Ereignissen und gingen nicht zurück. Papiere und andere Habseligkeiten schickten uns Freunde nach, sonst hatten wir nichts.“ Das Paar baute sich ein neues Leben in Wilmersdorf auf, bekam vier Söhne. 1988 ließen sich Irmgard Ihle und ihr Mann scheiden. Für die Frau brach eine Welt zusammen. Ein halbes Jahr Aufenthalt in einer Klinik und ihr Talent fürs Malen brachten sie zurück ins Leben.

„Ich fing an, mit einer Spritzpistole zu arbeiten. Mich hatte ein Zeitungsartikel über eine Künstlerin inspiriert, die das machte. Ich wusste, dass ich das auch kann“, sagt sie. Bei der Spritzpistole ist es aber nicht geblieben. Heute malt und klebt Irmgard Ihle ihre Collagen. „Ich habe eine leere, weiße Leinwand vor mir und daraus mache ich etwas Verrücktes mit meinen 100 bis 200 Farbtöpfen und allem, was ich sonst schön finde“, erklärt sie. Wenn sie nachts nicht schlafen könne, male sie – oder anstatt Radio zu hören, fernzusehen oder zu lesen. Die Wände in ihrer Wohnung nahe des Ku’damms sind mittlerweile reich geschmückt mit eigenen Kunstwerken, auch die Söhne haben viele Bilder bekommen. Häufig verschenkt sie ihre Werke oder bietet sie den umliegenden Geschäften für eine Ausstellung an. So schafft sie Platz für weitere kreative Schaffensphasen.

Doch nicht nur das Malen füllt ihre Zeit. Zwanzig Jahre lang hatte Irmgard Ihle als Erzieherin gearbeitet. Später passte sie privat auf Kinder auf. Mit 60 Jahren nahm sie Kontakt zu einem Künstlerbüro auf, das ihr zu Komparsenrollen verhalf. An der Schaubühne habe sie bei Theaterstücken mitgespielt, mit Harald Juhnke zusammengearbeitet, neben Roman Polanski gestanden und in dem Film über die RAF-Entführung des Flugzeuges Landshut eine Passagierin gemimt. Erst vor etwa einem Jahr gab sie ihr Komparsen-Dasein auf.

„Ich bin jetzt 82 und merke das erste Mal in meinem Leben, was es heißt, allein zu sein. Ich bemühe mich darum, dass mir nie langweilig wird, sonst kommt auch die Einsamkeit. Das Malen hilft mir ein wenig dabei“, sagt Irmgard Ihle und betrachtet ihre erste Collage. „Irgendwie habe ich mich gerade neu in dieses Bild verliebt“, sagt sie und streicht fast zärtlich über den Rahmen. Vielleicht ist es kein Zufall, dass das Haus auf dem Bild keinen Ausgang hat. Vielleicht braucht es den gar nicht. Die Kunst, sie ist Irmgard Ihles Heimat.

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