Dinge des Lebens

Tausend Küsse, Dein Icky

Barbara Böhnke, 59 Jahre, Beamtin i.R. aus Weißensee

„Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“, schrieb Hermann Hesse. Manchmal ist der Anfang ganz banal, und doch entfaltet sich daraus ein Zauber, der ein ganzes Leben umfasst. So ging es Barbara von Bonin, als sie Erich Böhnke kennenlernte. 33 Jahre lang waren die beiden verheiratet, und während all den Jahren schrieb er ihr Briefe voller Liebeserklärungen.

„Wenn er zu Hause war, hat er ihr auch Zettel hingelegt. Manchmal zehn Mal am Tag. ‚Ich liebe Dich‘ stand darauf“, erinnert sich Tochter Barbara Böhnke. Sie fand nach dem Tod der Mutter, die wie sie selbst Barbara hieß, einen Koffer in einem Wandschrank. Darin lagen die Briefe des Vaters. „Das Lesen hat mir meinen Vater so nahe gebracht wie selten zuvor“, erzählt die 59-Jährige. Immer wenn sie in den Briefen stöbert, versinkt sie in einer ungewöhnlich romantischen Liebesgeschichte.

Begonnen hat diese Geschichte ganz unromantisch mit einer Zeitungsannonce. Der 35-jährige Witwer Erich Böhnke suchte eine Mutter für seine zwölfjährige Tochter Edit. Für eine neue Beziehung war er eigentlich noch gar nicht bereit und schrieb das auch offen an die Kandidatin: „Ach Mädchen! Ja, Du hast Recht. Zum Verlieben muss bei mir noch viel Eis gebrochen werden.“ Zudem schienen beide auch gar nicht zueinander zu passen. „Ich weiß nicht, was meine Mutter in meinem Vater gesehen hatte“, wundert sich Barbara Böhnke. „Ihr hat wohl gefallen, dass er ein Kind hatte, sie wollte eine Aufgabe.“ Also antwortete die gelernte Säuglingsschwester, die einem der ältesten Adelsgeschlechter Hinterpommerns entstammte, 1952 auf das Inserat des Arbeitersohnes.

Erich Böhnke wurde 1916 als fünftes Kind in einem Hinterhof in Wedding geboren. Sein Vater, ein Droschkenfahrer, war mit dem Aufkommen des Automobils arbeitslos geworden. Der Sohn musste Geld verdienen, mit dem Austragen von Zeitungen, dem Sammeln von Altpapier oder bei der Kartoffelernte. „Dauernd Hunger, keine Schuhe, kein Mantel. Er wollte raus aus diesem Elend“, sagt Barbara Böhnke. In der Schule war der kleine Erich so fleißig, dass der Direktor den Eltern monatlich zehn Mark zahlte, damit sie ihn weiter lernen ließen. Er schaffte die Mittlere Reife und begann eine Lehre als Flugzeugmechaniker. Aber sein Traum war die Seefahrt. Also lief Erich mit 16 Jahren davon und heuerte in Hamburg als Schiffsjunge an. Er brachte es vom Wäschejungen zum Messe-Steward, später im Krieg zum Funkoffizier. Seine Zukünftige wuchs derweil auf einem großen Gut in Hinterpommern mit allen Privilegien einer adligen Tochter auf.

Unter Annoncennummer „69325 an 71030“ schrieb Erich Böhnke 1952: „Sehr geehrtes Fräulein! Ja, ich bin ohne Reitpferd usw. aufgewachsen und habe mich so recht und schlecht durchschlagen müssen. Für eine Frau, die sich uns anschließen möchte, wäre es leicht, Fuß zu fassen, wenn sie uns gefällt. Zum Gefallen müssten auch die inneren Werte, Verträglichkeit, Opferbereitschaft ohne Pathos und unbedingte Treue gehören, sowie Gesundheit und eine einwandfreie Vergangenheit.“ Barbara Böhnke lacht, als sie das zitiert: „Die hatte der Knabe selber nicht!“

Drei Monate nach dem ersten Briefwechsel heirateten der Arbeiterjunge und die aus Hinterpommern vertriebene Adlige. „Verbunden hat sie die Sehnsucht nach einer heilen Familie“, sagt die Tochter. Barbara von Bonin hatte drei Brüder und zwei Schwestern. Im Krieg wurden der Vater und die beiden ältesten Brüder eingezogen. Die damals 16-jährige Barbara von Bonin wollte nicht untätig sein und wurde Lazarettschwester. Heiratsanträge bekam das beliebte Mädchen genug, aber sie lehnte alle ab. „Sie wollte nicht Witwe werden“, erzählt ihre Tochter. 1942 fiel der älteste Bruder, 1944 der jüngere. Im gleichen Jahr galt ihr Vater als in Polen vermisst, 1950 wurde er für tot erklärt. „Meine Mutter war durch den Verlust traumatisiert“, sagt Barbara Böhnke. Dazu kamen die Schrecken der Flucht vor der Sowjetischen Armee. „Meine Mutter hatte sich für einen Mann aufgespart, und dann war ihre erste sexuelle Erfahrung die Vergewaltigung durch die Russen.“

Die junge Frau wünschte sich nach dem Krieg eine liebevolle Ehe mit vielen Kinder und stabile Verhältnisse. Ob adlig oder nicht, Erich war dafür genau der Richtige. „Meine allerliebste Bärbi, geliebte Frau, Mutti, hingebungsvollstes Mütterlein unserer 5 Kinder, Geliebte!“ So schreibt er zehn Jahre, nachdem sie sich kennengelernt hatten. „Dachte an unser deutsches Schicksal, mir kamen die Tränen, so schaltete ich das Licht an, mich mit Dir zu unterhalten, Du, die Du immer bei mir bist, deren Seele, deren Herz ein Teil von mir wurde, um ein Ganzes zu werden.“ Es sind liebevolle Zeilen, die auch die Trennung überbrücken, denn jahrelang führten beide eine Wochenend-Ehe. „Mein Vater hatte eine irre Sehnsucht nach Geborgenheit, wollte aber gleichzeitig raus. Meine Mutter hat ihm das ermöglicht. Sie war die Liebe seines Lebens.“

Während die Mutter in Darmstadt die Kinder aufzog, ging der Gatte 1959 nach Saarbrücken und arbeitete dort als Chefingenieur und später Technischer Direktor beim Saarländischen Rundfunk. Die Familie folgte erst 1966. Doch schon 1969 zogen alle nach Berlin, weil Vater Erich zum SFB wechselte. „Diese Ehe war auch schwierig“, erzählt Barbara Böhnke. Für den Arbeiterjungen war es nicht leicht, von den von Bonins anerkannt zu werden. Aber auch seine Schwestern waren skeptisch, ob die Braut „ihrem Erich“ den Haushalt führen könnte. „Sie haben Mutter getestet“, sagt Barbara Böhnke. „Sie haben geschaut, ob sie Vaters Leibspeise, Rouladen, richtig wickelt, ob Gurken und Speck darin waren.“ Erich Böhnke aber focht das nicht an. Ende der 1960er-Jahre schrieb er: „Die Träume begleiten uns unser Leben lang, doch an Deiner Seite ist es wirklich schön, sogar im Wachsein! Ich bin glücklich, weil mich Barbara von Bonin liebt!!!!!!! Ich liebe Barbara! Tausend Küsse und Grüße, Dein Icky.“

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