Interview

„Beim ersten Treff soll es funken“

Sexualpädagogin Matina Sasse bringt geistig behinderte Menschen zueinander

Matina Sasse, 59, ist Mitbegründerin der Partnervermittlung „Traumpaar“. Sie ist Sexualpädagogin und berät bei der Lebenshilfe Menschen mit geistiger Behinderung zu Sexualität und Partnerschaft. Mit ihr sprach Uta Keseling.

Berliner Morgenpost:

Frau Sasse, was ist bei Ihnen anders als bei anderen Kontaktbörsen?

Matina Sasse:

Die Kunden werden in der Regel in Einrichtungen betreut. Menschen mit geistiger Behinderung brauchen eine Beratung in leichter Sprache, so dass sie auch mit abstrakten Begriffen etwas anfangen können.

Wen vermitteln Sie?

Ausschließlich Menschen mit geistiger oder psychischer Behinderung oder beidem. Manche haben auch körperliche Handicaps.

Entwickelt sich die Sexualität bei Menschen mit Behinderung anders?

Nein. Sie kommen im selben Alter in die Pubertät wie andere Menschen auch. Allerdings klappt die Verbindung vom Kopf zum Bauch nicht so gut. Die psychosexuelle Entwicklung ist in der Regel verlangsamt.

Mit welchen Problemen kommen die Menschen zur Beratung bei „Liebe, Lust und Frust“?

Oft mit Fragen der Partnersuche. Thema ist auch nicht angemessenes Verhalten. Wir beraten ja auch Eltern, Betreuer und andere Interessierte. Ansonsten geht es um dieselben Dinge wie bei anderen Menschen: Eifersucht, Trennung, Verliebtsein, Aufklärung.

Wie läuft das, wenn Eltern oder Betreuer ein Aufklärungsgespräch mit dem Kind wollen?

Das Erstgespräch führe ich gemeinsam mit Eltern bzw. Betreuer und dem Klienten. Das eigentliche Gespräch führe ich mit ihm oder ihr alleine. Wer möchte schon gern vor den Eltern über seine Sexualität sprechen?

Wie sprechen Sie über die Liebe?

Man muss sich auf jeden Klienten persönlich einstellen. Welche Begriffe versteht er, welche nicht? Es ist so ähnlich, wie wenn wir als Laien mit Experten sprechen. Da bittet man ja auch darum, das Fachwissen verständlich zu erklären. Ich sage zum Beispiel „Kopf“ und „Bauch“ statt „Intellekt“ und „Gefühl“.

Wer sind Ihre Kunden? Und wie viele?

Wir haben etwa 500 Kunden in unserer Kartei. Sie sind zwischen 18 und 78 Jahren alt. Etwa 80 Prozent sind männlich. Die Männer wünschen sich mehrheitlich eine Partnerin. Bei den Frauen ist etwa die Hälfte nur an einer Freizeit-Freundschaft interessiert. Das vermitteln wir auch. Ich fülle mit jedem Kunden einen Fragebogen aus und mache ein Foto für die Kartei. Natürlich hoffen viele, dass ich drei Tage später anrufe: Die Traumfrau ist da! Aber ganz so läuft nicht.

Wie stellen sich Ihre Kunden denn den Traumpartner vor?

Wenig anders als andere Menschen. Die Männer hätten am liebsten eine Frau mit langen Beinen und langen Haaren, ein Model wie Claudia Schiffer. Und sie soll nicht behindert aussehen. Frauen sind realistischer.

Claudia Schiffer steht ja nicht in Ihrer Kartei. Was machen Sie da?

Bei einem zweiten Gespräch werden die Vorstellungen realistischer. Es finden sich dann ja auch tatsächlich Paare.

Haben Sie schon viele „Traumpaare“ vermittelt?

Nein, und manchmal bin ich auch ein bisschen frustriert. Es entstehen selten lange Beziehungen. Die Frustrationstoleranz unserer Kunden ist sehr gering. Wenn es beim ersten Treffen nicht gleich „funkt“, wenn es zum Beispiel ein Missverständnis gibt, ist das Interesse sofort wieder weg.

Woran liegt das?

Menschen ohne Behinderung können das Verhalten eines anderen hinterfragen. Hat er sich geärgert und worüber? Bei unseren Kunden führen unklare Situationen schnell zu Verunsicherung. Dann heißt es: Dann will ich eben nicht.

Was bedeutet Partnerschaft für Menschen mit geistiger Behinderung?

Es gibt viele Menschen mit geistiger Behinderung, die keine Genital-Sexualität ausleben. Aber es gibt auch viele Menschen ohne Behinderung, die so leben. Ich glaube, der größte Unterschied ist eben der, dass Dinge nicht so reflektiert werden können. Dafür sind sie oft direkter. Sie sagen klar, wenn sie jemanden lieben, oder drücken ihn einfach.

Wollen und können sie heiraten?

Ja, auf dem Standesamt ist das möglich. Ich war einmal sogar bei einer Hochzeit dabei. Der Standesbeamte muss entscheiden, ob das Paar begreift, was die Ehe bedeutet.

Es heißt, geistig behinderte Menschen zu verheiraten sei schwierig, weil sie zum Beispiel den Fürsorge-Auftrag der Ehe nicht verstehen oder auch nicht wahrnehmen können.

Das halte ich für Unsinn. Ich kenne zum Beispiel ein Paar, dessen Liebe seit mehr als 13 Jahren hält. Sie leben im betreuten Paar-Wohnen. Sie sitzt inzwischen im Rollstuhl, und er kümmert sich rührend um sie.

Können geistig behinderte Paare Kinder haben?

Natürlich. Bei der Berliner Lebenshilfe gibt es die „begleitete Elternschaft“. Dort werden Eltern mit Behinderung gemeinsam mit ihren Kindern betreut.

Ist das ein Thema bei der Partnervermittlung?

Es ist eine Frage im Fragenbogen. Die Mehrheit wünscht sich Kinder, aber wenige haben welche. Ich thematisiere das nicht weiter.

Warum sind so wenige Menschen mit geistiger Behinderung Eltern?

Viele sagen, dass sie sich die Betreuung eines Kindes nicht zutrauen würden. Andere übernehmen das Urteil ihrer Eltern: Ich bin behindert und kann kein Kind bekommen oder aufziehen. Noch andere wünschen sich keine Kinder oder finden, Kinder kosten zu viel Zeit und Geld.

Viele Paare mit geistiger Behinderung leben nicht zusammen. Warum?

Wenn sie in betreuten Einrichtungen leben, kann es sein, dass sie als Paar weniger Betreuungsstunden bekommen. Oder sie brauchen unterschiedlich viel Betreuung. Ein Grund ist sicher auch die Schwierigkeit im Umgang mit Nähe und Distanz. Dem Partner zu sagen, dass man mal allein sein möchte, fällt auch Menschen ohne Behinderung schwer. Für Menschen mit geistiger Behinderung ist es einfacher zu sagen: Du, ich muss jetzt nach Hause gehen. Das haben meine Betreuer gesagt.

Wird bei Ihnen auch über Sexualassistentinnen gesprochen, die Menschen sexuell unterstützen?

Ja. Ich kann eine Verbindung zu Sexualassistentinnen herstellen, die ich kenne.

Ist das Prostitution?

Im Prinzip ja. Aber ich denke, die Arbeit der Frauen – ich kenne leider keine Männer, die das anbieten - hat auch etwas Pädagogisches. Sie haben sich darauf eingestellt, mit Menschen mit Behinderung zu arbeiten und sind entsprechend empathisch.

Gibt es bei „Traumpaar“ auch homosexuelle Suchende?

Ja, gleichgeschlechtliche Kontakte habe ich auch schon vermittelt und kenne auch Paare.

Gibt es auch Paare zwischen behinderten und nicht behinderten Menschen?

Ja, aber wir vermitteln das nicht. Eine solche Konstellation ist schwierig. Das Machtgefälle in der Beziehung ist sehr stark. Ich will keinem Menschen unterstellen, dass er seinen Partner oder Partnerin ausnutzen oder gar ausbeuten will. Aber gerade Frauen mit geistiger Behinderung kann das passieren.

Gibt es bei Eltern Probleme mit dem Loslassen, wenn das Kind einen Partner sucht oder hat?

Heute eigentlich nicht mehr. Viele Eltern fördern das sogar. Es gibt allerdings immer noch Mütter, die ihre geistig behinderten Töchter sehr behüten, auch wenn die über 20 sind. Da sagt die Mutter: Mein Kind möchte einen Freizeit-Kumpel, und die Tochter sagt: Nein! Ich möchte einen zum Schmusen!

Wie sprechen ihre Kunden über die Liebe?

Eine Frau hat mal gesagt: Liebe ist wie die Kekse meiner Mama. Das fand ich schön.

Ist manches in der Liebe für geistig Behinderte einfacher?

Gerade die Frauen sind oft sehr selbstbewusst, wenn sie jemanden suchen. Dialoge laufen dann auch schon mal so: „Hast du eine Freundin?“ – „Nein.“ –„Suchst du eine?“ – „Ja.“ – „Willst du ficken?“ – „Gut, dann bist du jetzt mein Freund.“ Anfangs hat mich das verunsichert. Ich habe mich gefragt, ist das anstößig? Unangemessen? Aber ich finde, wenn das Gespräch nicht gerade lautstark in der U-Bahn stattfindet, ist es in Ordnung. Im Grunde machen wir es ja auch nicht anders, nur mit ein bisschen mehr drumherum.