Interview

„Durch den Baumarkt kann sich der Mensch verwirklichen“

Kunstexpertin Amely Deiss übers Selber machen, Möbel für alle und Zollstöcke und Schleifpapier als Kunstobjekte

Als sie Kunstwerke im Museum für Konkrete Kunst in Ingolstadt katalogisiert, kommt der dort arbeitenden Kuratorin Amely Deiss eine Idee. Sie will eine Ausstellung zeigen, in der nur Kunstwerke sind, die einen Bezug zum Baumarkt haben. „Raw Materials“ heißt die Wanderausstellung, die derzeit in Bietigheim-Bissingen zu sehen ist. Unter anderem vertreten sind Werke von Tony Cragg, Alicja Kwade, Timm Ulrichs oder Anselm Reyle. Mit Amely Deiss sprach Frédéric Schwilden über den Baumarkt als Kunstort und ihre Lieblingsfarbe.

Berliner Morgenpost:

Was ist denn Konkrete Kunst, Frau Deiss?

Amely Deiss:

Konkrete Kunst geht einen Schritt weiter als die abstrakte Kunst. Abstrakte Kunst bezieht sich immer noch auf den Gegenstand, der dadurch abstrahiert wird. Der Gegenstand ist in der abstrakten Kunst noch vorhanden. In der Konkreten Kunst geht es nur noch um die kunsteigenen Mittel, Farbe, Form, Material, Raum. Es ist Kunst aus Kunst.

Und was machen Sie als Kuratorin?

Ich mache Ausstellungen. Ich habe das große Glück, zu einem von mir überlegten Thema Werke zusammenstellen zu können und diese dem Museumsbesucher auf besondere Art zu vermitteln.

Echt wahr, dass Ihnen der Gedanke zur Baumarkt-Ausstellung „Raw Materials“ kam, als sie mit einer Ikea-Wasserwaage die Lotrechtigkeit eines Bildes kontrollierten?

Nein, das stimmt nicht. Wir haben die Kunstwerke für unseren Bestandskatalog durchfotografiert. Da kamen in die Leinwand gehauene Nägel vor, Arbeiten, die aus Schleifpapier bestanden. Das waren ja Materialien aus Baumärkten, und ich habe dann unsere Sammlung nach ähnlichen Arbeiten durchsucht. Ich fand Kunst aus Spanplatten, aus Rohren, Strahlreglern von Schläuchen, und so kam ich auf die Idee.

Sie zeigen unter anderem eine Arbeit von Andreas Slominski. Das Werk heißt „Zollstock“ und ist einfach nur ein Zollstock. Solche Kunstwerke nennt man Ready-made, weil bereits existierende Gegenstände zum Kunstwerk erhoben werden. Wieso handelt es sich dabei um Kunst?

Letztendlich ist es nur die Auswahl des Künstlers, die einen Gegenstand zum Kunstwerk erhebt. Einige Künstler empfinden den ganzen Baumarkt als ein großes Ready-made. Der ganze Baumarkt ist für sie also ein Kunstwerk. Theoretisch kann man alles im Baumarkt oder auch auf der ganzen Welt auswählen und anschließend ausstellen. Aber es muss eben jemand auswählen und aufgrund besonderer Qualitäten auswählenswert finden. Sobald der Gegenstand nicht mehr in seinem ursprünglichen funktionalen Zusammenhang existiert, sondern nur noch Teil einer ästhetischen Betrachtung ist, dann ist es Kunst.

Ist der Baumarkt für den Mann der Moderne das, was die Wunderkammer für den Mann des Barock war? Also eine Art Kuriositätenkabinett mit Dingen wie Korallen, Perlen, Schrumpfschädeln, ausgestopften Tieren? Ein Vorläufer des modernen Museums?

Das ist schwierig.

Ist der Baumarkt per se eine Ausstellung?

Für Künstler auf jeden Fall. Ob das jetzt nur für den Mann gilt, kann ich nicht sagen. Viele Frauen, die Künstler sind, schätzen den Baumarkt auch sehr. Natürlich sehen die wenigsten Menschen den Gang in den Baumarkt als ästhetisches Erlebnis, so wie die Künstler es tun. Aber der Baumarkt ist ein Reservoir an schier unendlichen Möglichkeiten. Als Mensch kann man sich besonders gut durch den Baumarkt verwirklichen.

In Ihrer Ausstellung versammeln Sie deutlich mehr Männer als Frauen. Gibt es Geschlechtsunterschiede?

Ich würde behaupten ja. Ich wurde natürlich darauf angesprochen. Wahrscheinlich hätte man auch mehr Frauen mit in die Ausstellung nehmen können. Aber als Ausstellungsmacher wollen wir uns keiner Quote unterwerfen, sondern Arbeiten auswählen, die gut sind, die konzeptionell in die Ausstellung passen.

Der erste in Deutschland gegründete Baumarkt trägt den Markennamen Bauhaus. Gropius begründete mit einer Universität in Weimar den deutschen Stil Bauhaus. Ist der Baumarkt also schon immer als Kunstraum gedacht oder wenigstens eine Hommage an die Kunst?

Das kann ich mir nicht vorstellen. Es gibt aber einen Zusammenhang mit dem Bauhaus. Der Bauhaus-Schule liegt ja ein demokratischer Gedanke zugrunde. Einfache Möbel, einfache Architektur für alle, erschwinglich und mit klaren Formen. Die Verbreitung von Baumärkten ist eine Demokratisierung. Jeder kann alles selber machen und lernen.

Haben Sie eine Lieblingsabteilung im Baumarkt?

Wahrscheinlich die Farbenabteilung. Wände müssen starke Farben haben. Auch wenn ich keine Farbe brauche, schaue ich mir das sehr gerne an. Meine Lieblingsfarbe ist übrigens Orange.

Es gibt da ja ganz verschiedene Schattierungen. Welche Schattierung von Orange gefällt Ihnen denn am besten?

Oh, das ist schwierig. Aber gerade diese Farbunterschiede finde ich spannend. Farben werden so absurd benannt. Wenn man bei den Farben steht und zum Beispiel Hunger hat, wird man noch viel hungriger, weil diese Farben nach Essen benannt sind oder nach blühenden Landschaften. Schokoladenbraun, Noisettebraun, Trüffelbraun, Champagnerbeige...

Das sind ja richtig luxuriöse Rauschorte in der Farbenabteilung, Champagner und Trüffel und Schokolade....

Ja. Was mir aber auch aufgefallen ist: In der Farbenabteilung sind solche Benennungen noch nachvollziehbar, man kauft ja viel lieber ein Trüffelbraun als ein Obibraun, aber Klobrillen sind zum Beispiel immer nach Orten benannt. Diesen Zusammenhang verstehe ich nun überhaupt nicht. Klobrille „Nizza“ und Klobrille „Wanne-Eickel“, wer denkt sich denn so was aus?