Dinge des Lebens

Das Werkzeug meines Lebens

Peter Löber, Jahrgang 1944, Bergmann in Rente aus Frohnau

Ein detailgetreues Wikingerschiff steht auf einem Holzsims. Tabakpfeifen in unterschiedlichsten Formen reihen sich in einer kleinen Vitrine. Ein Familienwappen hängt an der Wand, und überall stehen Figuren. Viel Platz scheint es für weitere Kostbarkeiten, die in der kleinen Werkstatt unter dem Haus entstehen, nicht zu geben. Peter Löber schnitzt dort aus jedem denkbaren Holz die verschiedensten Formen. „Ich habe mittlerweile drei verschiedene Sets an Schnitzwerkzeugen: kleine, mittlere und große. Aber meine ersten vier Werkzeuge sind mir immer noch die liebsten“, sagt er.

Alles begann mit einem Sturm in Berlin, der Anfang der 50er-Jahre einen Baum auf dem Grundstück von Familie Löber in Heiligensee umriss. Überall im Garten lag plötzlich Holz. „Das war in der Nachkriegszeit und die Wohnverhältnisse waren so, dass man froh war, im Sommer draußen im Grünen sein zu können“, erinnert sich Löber, der damals noch keine zehn Jahre alt war. Eines Tages schnappte er sich im Garten also ein Stück Holz und begann mit einem Taschenmesser, das er immer bei sich trug, daran herumzuschnitzen. Irgendwann sah ihm jemand über die Schulter und bemerkte, dass sein Schnitzwerk aussähe wie der Kopf von Adenauer.

„Bis heute trage ich ständig ein Taschenmesser mit mir herum. Man weiß ja nie, wofür es gut sein kann“, sagt er. Doch kurz nach dem Schnitzerlebnis im Garten bekam er auch seine ersten vier professionellen Schnitzwerkzeuge zum Geburtstag geschenkt. Etwa 20 bis 25 Zentimeter waren sie groß und lagen dem Jungen gut in der Hand. „Heute sind sie abgegriffen und durch die häufige Benutzung ein gutes Stück kürzer geworden, aber ich arbeite immer noch gerne mit ihnen. Sie erinnern mich an alles Erlebte und sind meine Wegbegleiter“, sagt Löber.

Beruflich trieb es ihn allerdings erst einmal in eine andere Richtung. Er machte seinen Schulabschluss in Wedding. 13 Jahre Schule, das Abitur, ein Studium oder gar eine künstlerische Ausbildung passten nicht zu den familiären Verhältnissen, in denen Löber aufwuchs, und so begann er mit 15 Jahren in Essen eine Ausbildung zum Bergmann. „Ich arbeitete in der Zeche Zollverein – dem modernsten Schacht Europas. Erst mit 16 Jahren durfte man hinunter in die Gruben, also arbeitete ich vorher am Fließband der Zeche“, erzählt Peter Löber stolz. Als Bergmann habe er in den Gruben auch viel mit Holz zu tun gehabt. „Anfang der 60er-Jahre ging die Zeit des Bergbaus dann zu Ende. Für diejenigen, die nicht aus dem Ruhrgebiet stammten, gab es keinen Grund zu bleiben. Und so ging ich zurück nach Heiligensee, setzte mich in den Garten und schnitzte wieder Holzmännchen“, erzählt Löber.

Um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, arbeitete er ab 1963 für den Zoll – ein anstrengender Job. Zuerst war er Zollbeamter an der Berliner Mauer. Bei Wind und Wetter hielt er dort die Stellung, auch in der Nacht. Später wurde er zum Nachverzollen an Intershop-Läden an der Grenze eingesetzt. West-Berlinern war es nur erlaubt, in dieser Einzelhandelskette steuerfrei einzukaufen, wenn sie dafür in die DDR einreisten. Für den Einkauf war es in einigen Filialen, zum Beispiel am U-Bahnhof Friedrichstraße, aber nicht notwendig, sich in Ost-Berlin aufzuhalten. Um die so hinterzogene Mehrwertsteuer einzutreiben, wurden Westberliner Zollbeamte eingesetzt. „Diese Aufgabe forderte von mir Kraft und Konzentration“, sagt er. Ende der 70er-Jahre wurde ihm eine Stelle bei der Zollfahndung angeboten, die er nach einigen Abwägungen annahm. „Einige Ermittlungsfälle gingen mir richtig an die Nieren, da war es gut, ein wenig Ablenkung nach der Arbeit zu haben. Ich war immer glücklich, nach Hause zu kommen und machen zu können, was mir Spaß macht: mit Holz arbeiten.“

Zu Hause – das war ab 1995 das kleine gelbe Haus mit dem großen Garten und der Holzwerkstatt in Frohnau, in dem er bis heute mit seiner Frau Marlies und seinem Hund Decus wohnt. „Kinder haben wir keine. Als wir uns 1992 kennen lernten, war es dafür schon ein wenig spät“, sagt er und ergänzt: „Dass unsere Beziehung schon so lange hält, macht mich glücklich. Vor nicht allzu langer Zeit hatten wir unseren zwanzigsten Hochzeitstag.“

Marlies Löber unterstützt ihren Mann bei seinem Hobby. „Aus dem Kopf ins Holz – so arbeitet mein Mann. Das finde ich toll.“ Besonders gefällt ihr die Krippe, die er geschnitzt hat und die auch schon bei einer Krippenausstellung gezeigt wurde. Ihr Mann wiegelt ab: „Ich kann Krippenfiguren nicht so gut schnitzen. Sie haben immer einen humorvollen Gesichtsausdruck – keinen andächtigen.“ Er denkt wohl an den zwanzig Zentimeter großen, schelmisch lächelnden Josef und seine Frau Maria, die in der Werkstatt darauf warten, zu einer kompletten Krippen-Gemeinde vervollständigt zu werden.

Peter Löber lächelt. „Jetzt, da ich Pensionär bin, füllt mir das Schnitzen meine Zeit. Ohne mein Hobby wäre ich wohl ungenießbar“, sagt er. Seine Frau nickt zustimmend und fügt hinzu: „Wir haben beide unser Hobby: Ich male gerne. Und so haben wir jeder Zeit, das zu machen, was uns Freude bereitet.“ Auch für Freunde und Verwandte übernimmt Peter Löber mittlerweile Schnitz- und Bildhauerarbeiten. Mit einigen Bekannten trifft er sich ab und an in seiner Werkstatt und schnitzt mit ihnen gemeinsam. Richtig gut seien sie mittlerweile geworden.

Und obwohl Peter Löber mit Holz und Werkzeugen heute wesentlich geschickter umgeht als noch zu der Zeit, in der er als Kind nach dem Unwetter mit seinem Taschenmesser an Holzresten herumschnitzte, hat sich eins in all den Jahrzehnten nicht verändert: Noch immer geht er nach jedem Sturm los und sammelt Holz. „Manche Nachbarn sagen, dass mit so großen Stämmen oder Holzstücken doch gar nichts anzufangen sei“, sagt Peter Löber. „Aber hinterher staunen alle darüber, was ein Bergmann so alles kann.“

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