Dinge des Lebens

Eine Sonne als Ikone

Stephan Schmidt, Jahrgang 1962, Autor aus Lichterfelde

Es war irgendwann in St. Moritz, so zwischen 1968 und 1971. Stephan Schmidt kann sich nicht mehr genau daran erinnern. Ein Schleier der Zeit hat sich darüber gelegt. Er war ja noch ein Kind.

Stephan Schmidt wurde 1962 geboren. West-Berlin, bis heute ist er dort geblieben, wenn er nicht gerade in China war, da, wo er sich so lange von Kohl ernährte, in Frankreich, Australien, wo auch immer. Stephan Schmidt schreibt Reiseliteratur.

Sein Vater spielte 38 Jahre die zweite Geige bei den Philharmonikern. Und in St. Moritz fanden damals Sommerfestspiele statt. St. Moritz muss damals der schönste Ort der Welt gewesen sein, als Stephan Schmidt mit seinem Vater dort war. „Diese vielen Holzbauten, die noch existierten, die Wohnungen, die Häuser, das war alles so klein“, schildert er die Eindrücke. Das muss wie ein großes Spielzeugdorf ausgesehen haben. Das Rätoromanisch, das weiß Schmidt noch genau, diese geheimnisvolle Sprache, die klang für ihn gar nicht so fremd. „Jeu carezel tei“ – „Ich liebe Dich“. „Schweinehund“ heißt „liufer“ und „vor Hunger sterben“ schreibt man „mirir dalal fom“. Als Musikerkind hörte er so viele Sprachen und Dialekte. Bayerisch, Wienerisch. Das Italienisch von Karajan. Schmidt erinnert sich noch genau an Karajan. „Das war ein so junger, intelligenter und attraktiver Mann.“ In den Orchestern kommen alle zusammen. Viele auch aus Siebenbürgen.

Sie ist aus Kupfer, ganz rund

Bei diesen Festspielen ging sein Vater durch St. Moritz. Und da war so ein Handwerker, der Kupferpfannen und Töpfe herstellte. Die Luft war klar. In St. Moritz scheint 332 Tage im Jahr die Sonne. Ein guter Tag. Stephan Schmidts Vater kauft diese Sonne also. Sie ist aus aus Kupfer, ganz rund. Ein bisschen sieht sie aus wie das Bamberger Apfelweibla. Das war ein Türknauf, der das Gesicht einer alten Frau hatte. Der ist deshalb so berühmt, weil ihn E.T. A. Hoffmann in seiner Erzählung „Der goldene Topf“ eingebaut hat. Heute wird dieser Türknauf als Backform zum Küchle backen verkauft. „Die Sonne war aber nur Zierde und keine Backform“, meint Schmidt jetzt. Er hat diese feinen, weichen Gesichtszüge eines Anfang Fünfzigjährigen, der in Wahrheit immer Kind geblieben ist. So ein waches Lächeln eines Bubens, der noch mit offenen Augen durch die Welt geht.

Kraftvoll und weltumspannend

Schmidts Eltern traten in den Sechzigern schon aus der Kirche aus. Für damalige Verhältnisse eine revolutionäre Tat. „Das war eine Befreiung.“ Die Sonne hängte die Familie damals dorthin, wo in anderen Familien das Kruzifix war, über den Esstisch. „Ich bin ein Weltreisender“, kommt es aus Schmidt heraus, „deswegen auch die Sonne. Die Sonne hat für mich etwas sehr Weltumspannendes. Aber auch etwas Offenes. Das fand ich großartig an meiner Familie, dass wir nicht so engstirnig und beschränkt waren, uns auf ein Kruzifix zu beziehen. Die Sonne strahlt Wärme und Kraft für mich aus.“

Zuhause in Lichterfelde schaut er gerne auf die Sonne aus Kupfer, die seit über vierzig Jahren im Familienbesitz ist. Wenn er verreist, dann nimmt er nicht viel mit. In seinen Koffer und in seinen Kopf packt er also seine Sprache, wie er sagt, seine Kultur, seine Sonne und seine Musik.

Schmidt spielt wie sein Vater zweite Geige. Für die Philharmonie hat es leider nicht gereicht. Stephan Schmidt besteht die Aufnahmeprüfung an der Universität der Künste nicht. Dafür gründet er mit Freunden im Jahr 1999 das homophilharmonische Kammerorchester Berlin, es nennt sich concentus alius. Und die haben keinen Dirigenten, sondern eine Dirigentin. Die Sonne ist für Stephan Schmidt das Symbol für die Überwindung der kleinbürgerlichen Zwänge. „Das Orchester war damals eine reine Männerdomäne, aber heute besteht eine ganz andere Form der Gleichberechtigung.“

Eine Gleichberechtigung, die es zu Zeiten seiner Eltern noch nicht gab. In Deutschland war der Paragraf 175 noch in Kraft, der sexuelle Handlungen zwischen Personen männlichen Geschlechts unter Strafe stellte. Er wurde erst 1994 ganz aus dem Gesetz gestrichen. In der Schweiz wurde am 16. März 1971 formell das Frauenstimmrecht eingeführt, also im Zeitfenster, in dem Stephan Schmidts Vater die Sonne erwarb. Was viele aber nicht wissen, ist, dass erst am 29. April 1990 das Kanton Appenzell Innerrhoden als letztes Kanton der Schweiz schließlich das Stimmrecht für Frauen einführte. 1990!

Die Sonne ist die Ikone der Familie Schmidt. Ein für den außenstehenden Betrachter fast wertloses Ding aus Kupfer, jeder Einbrecher würde es liegen lassen und viel lieber die Tiffany-Lampe über dem Tisch mitnehmen. Jedenfalls wenn ein Einbrecher überhaupt wüsste, was Tiffany-Lampen sind.

Begleitung auf allen Wegen

Aber für Stephan Schmidt, für die Familie Schmidt ist diese Sonne, von einem Handwerker in St. Moritz handgefertigt, eine Reliquie, die gerade eben die Religion überwunden hat. Die in ihrer naturellen Erscheinung, als ewig gültiges Symbol lebt und Kraft spendet. Weil die Sonne als naturalistischer Schöpfer, als Energiequelle, als Ursprung und Sinn des Lebens funktioniert. Außerhalb von Gottesbildern, von Dogmen, von willkürlichen Geboten.

Am 30. März spielt Stephan Schmidts Kammerorchester concentus alius in der Emmauskirche in Kreuzberg. Die Akustik von Kirchen liebt er nach wie vor. Kreuzberg ist nicht St. Moritz und das Konzert ist ein Frühlingskonzert und kein Sommerfestspiel. Aber die Sonne wird Stephan Schmidt auch dort begleiten.

Haben auch Sie einen besonderen Gegenstand? Dann schreiben Sie an familie@morgenpost.de