Sprechstunde

Wie viel erbe ich als vergessene Tochter?

Dr. Max Braeuer über den Pflichtanteil im Testament für ein uneheliches Kind

Ich bin 1941 ledig geboren. Die Vaterschaft wurde amtsgerichtlich 1942 festgestellt und von meinem Vater anerkannt. Viele Versuche der späteren Kontaktaufnahme durch mich (als Kind, Jugendliche, junge Erwachsene, sogar nach 1990) blieben ohne Antwort. In einem Telefonat mit der Ehefrau meines Vaters 1999/2000 gab diese an, es gehe ihm gut, aber ein Rückruf seinerseits unterblieb. In 2013 entschloss ich mich, meine Existenz dem zuständigen Amtsgericht mitzuteilen. Dieses teilte mir am 6. November 2013 mit, die Ehefrau sei im Mai d. J. und mein Vater zu einem früheren Zeitpunkt verstorben. Aus dem vom Amtsgericht übermittelten handschriftlichen Testament der Eheleute und dem ebenfalls übermittelten Erbschein (vier eheliche Kinder) geht hervor, dass man mich einfach „ausgeblendet“ hat. Nun meine Fragen: 1. Steht mir ein Erbe oder ein Pflichtteil zu? 2. Woran ist das Erbe oder der Pflichtteil zu bemessen? 3. Können die Erben mit der Verjährung argumentieren (der Vater dürfte länger als drei Jahre tot sein)? 4. Ist eine Testamentsanfechtung zu empfehlen? 5. Darf mir vom Grundbuchamt die Einsicht ins Grundbuch mit dem Argument der Verjährung verwehrt werden?

(Käthe H., Glienicke)

Als Sie geboren wurden, waren uneheliche Kinder noch stark diskriminiert. Der Vater eines Kindes, der mit der Mutter nicht verheiratet war, war mit dem Kind im Rechtssinne nicht einmal verwandt. Es gab deshalb natürlich auch kein Erbrecht. Das Bürgerliche Gesetzbuch, auf dem das beruhte, galt auch noch in der Nachkriegszeit, sowohl in Westdeutschland wie auch in der DDR. Die Benachteiligung der nichtehelichen Kinder beim Erbrecht wurde in beiden deutschen Staaten schrittweise abgebaut, aber noch nicht vollständig beseitigt. Auch in Ihrem Fall kann es noch eine Einschränkung geben. Das Ergebnis hängt davon ab, wann Ihr Vater gestorben ist. Die gesetzliche Regelung, die nach der Wiedervereinigung in ganz Deutschland galt, sah vor, dass nur die unehelichen Kinder gleichgestellt werden, die nach 1949 geboren sind. Für Kinder, die vor dem Inkrafttreten des Grundgesetzes geboren sind, galt weiterhin die alte Regelung. Sie waren also nicht erbberechtigt. Diese fortdauernde Diskriminierung hat nun der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte beanstandet. Deshalb sind zukünftig alle Kinder, eheliche oder nichteheliche, unabhängig vom Tag ihrer Geburt erbberechtigt. Diese Entscheidung stammt aus dem Jahre 2009 und gilt nur für die Zukunft. Wenn Ihr Vater vor 2009 gestorben sein sollte, gehen Sie leer aus. Ist er danach gestorben, haben Sie dieselben Rechte wie ein ehelich geborenes Kind.

Wenn Ihr Vater nach 2009 verstorben ist, gehören Sie zwar wie dessen andere Kinder auch zum Kreis der gesetzlichen Erben. Das Testament, das er hinterlassen hat, geht natürlich trotzdem vor. Ihrem Vater war offensichtlich bewusst, dass es ein voreheliches Kind gab. Wenn er dann in einem Testament nur seine ehelichen Kinder eingesetzt hat, ist das wirksam. Aufgrund der Testierfreiheit hatte er gerade die Möglichkeit, seine ehelichen Kinder zu bevorzugen. Eine Anfechtung des Testamentes wird deshalb nicht möglich sein.

Als übergangene Erbin steht Ihnen aber ein Pflichtteilsanspruch zu. Dieser Anspruch ist neben der Witwe und vier weiteren erbberechtigten Kindern nicht sehr hoch. Er entspricht aber der Hälfte dessen, was Sie ohne ein Testament geerbt hätten. Das wird ein Sechzehntel sein. Das Sechzehntel berechnet sich nach dem Wert des Vermögens, das Ihr Vater hinterlassen hat. Verjährt ist der Pflichtteilsanspruch auch nicht. Solange Sie von dem Tod Ihres Vaters nichts wussten, konnten Sie auch von dem Pflichtteilsanspruch nichts wissen. Ohne diese Kenntnis hat eine Verjährung nicht einmal zu laufen begonnen.

Bevor Sie den Pflichtteilsanspruch durchsetzen können, müssen Sie aber noch eine weitere Hürde überwinden. Sie können einen Anspruch erst dann durchsetzen, wenn Sie formell als Kind Ihres Vaters anerkannt sind. Im Jahre 1942 kann es nur einen Prozess um die Alimente gegeben haben. Damals gab es eine Anerkennung, wie sie heute für nicht verheiratete Väter vorgesehen ist, im Gesetz noch gar nicht. Da Sie aus damaliger Sicht mit Ihrem Vater gar nicht verwandt sein konnten, gab es auch ein Anerkenntnis nicht. Sie müssen das heute nachholen. Sie müssen in einem gerichtlichen Verfahren feststellen lassen, dass der Mann Ihr Vater war. Ein solches Verfahren ist nach dem Tode Ihres Vaters nicht ganz einfach, aber immer noch möglich.

Haben auch Sie eine Frage zum Erboder Familienrecht? Dann schicken Sie diese doch an familie@morgenpost.de. Dr. Max Braeuer ist Rechtsanwalt und Notar bei Raue LLP und Lehrbeauftragter für Familienrecht. Er beantwortet Leserfragen gern in seiner wöchentlichen Kolumne an dieser Stelle. Ein Anspruch auf Beantwortung besteht nicht.