Sprechstunde

Bin ich bei meinem Onkel auch erbberechtigt?

Dr. Max Braeuer über die gesetzliche Erbfolge und die Auswirkungen eines Testaments

Im Jahr 2011 ist meine Tante (die Schwester meiner Mutter) verstorben. Mein Onkel (der Ehemann meiner Tante) lebte da schon zwei Jahre in einer Wohngemeinschaft für Demenzkranke. Der einzige Sohn ist vor Jahren verstorben. Er hat drei Söhne, die sich um die Großeltern allerdings nicht kümmerten. Meine Tante hat mich als ihre alleinige Erbin eingesetzt. Ein Erbschein liegt vor. Nun ist Anfang des Jahres 2013 auch mein Onkel verstorben. Er hat kein Testament hinterlassen. Von den Enkelsöhnen wurde jetzt ein gemeinsamer Erbschein beantragt. Meine Frage: Bin ich als Erbin meiner Tante auch erbberechtigt?

(K. W. per E-Mail)

Die Erbfolge beim Tode eines Menschen richtet sich immer in erster Linie nach dem Testament. Deshalb haben Sie Ihre Tante beerbt, obwohl Sie mit ihr nur entfernt verwandt sind.

Das Testament führt aber nicht dazu, dass Sie auch den Mann Ihrer Tante beerben, denn das Testament stammt nicht von ihm. Allerdings machen Eheleute häufig gemeinsam ein Testament, in dem sie auch beide denselben Erben einsetzen. Bei Ihrer Tante und deren Mann war das aber offenbar nicht mehr möglich, weil der Mann schon demenzkrank war. Er war vermutlich nicht mehr geschäftsfähig und konnte deshalb kein Testament errichten. Das wird der Grund gewesen sein, weshalb Ihre Tante alleine das Testament aufgesetzt hat.

Sie haben beim Tode Ihrer Tante als deren Erbin alles übernommen, was ihr gehörte. Sie sind alleinige Rechtsnachfolgerin Ihrer Tante in allen rechtlichen und wirtschaftlichen Dingen geworden, die der Tante zugestanden haben. Als Ehefrau ihres Mannes, also Ihres Onkels, hätte sie ihn bei seinem Tod auch beerbt. Nun haben Sie anscheinend die Überlegung, dass Sie von Ihrer Tante auch dieses Erbrecht geerbt haben. Nach dieser Überlegung hätten Sie als Erbin Ihrer Tante auch deren Witwenstellung übernommen.

Das ist jedoch nicht der Fall. Ihre Tante konnte das zukünftige Erbrecht beim Tode Ihres Mannes nicht vererben. Ihre Tante hätten ihren Mann nur beerben können, wenn sie länger als er gelebt hätte. Da sie jedoch vor ihm verstorben ist, war es nicht mehr möglich, dass sie ihn beerbt. Dieses Erbrecht konnte sie also auch nicht an Sie weitergeben.

Zwei Eheleute werden bei der Erbfolge immer getrennt betrachtet. Das zeigt sich schon daran, dass es beim Tode Ihrer Tante ein Testament gegeben hat, beim Tod von deren Mann aber nicht. Seine Erben bestimmen sich nach dem Gesetz. Mit Ihrer Tante waren Sie über Ihre Mutter verwandt. Mit deren Mann sind Sie überhaupt nicht verwandt. Deshalb zählen Sie nicht zu den gesetzlichen Erben Ihres Onkels. Es ist daher richtig, dass allein seine Enkelkinder den Erbschein beantragt haben.

Aufgrund des Testamentes ist also das Vermögen der Eheleute geteilt worden. Den Anteil der Tante haben Sie aufgrund des Testamentes geerbt. Den Anteil des Onkels erben die Enkelkinder. Es besteht aber für Sie durchaus die Gefahr, dass Sie auch von Ihrem Anteil noch etwas abgeben müssen.

Den Enkeln Ihrer Tante steht nämlich ein Pflichtteilsanspruch zu. Der Sohn Ihrer Tante war schon früher verstorben. Dadurch sind erbrechtlich dessen Söhne, also die Enkelkinder Ihrer Tante, an die Stelle des Sohnes gerückt. Sie haben die gleichen Rechte, die der Sohn gehabt hätte, wenn er den Tod seiner Eltern erlebt hätte. Sie sind genauso pflichtteilsberechtigte Abkömmlinge, wie der Sohn das gewesen wäre. D ie Enkelkinder sind durch das Testament enterbt worden. Sie können also von Ihnen, der Erbin, die Hälfte dessen verlangen, was sie ohne das Testament geerbt hätten. Zusammen können die Enkelkinder deshalb von Ihnen die Hälfte des Erbes als Pflichtteil verlangen. Anscheinend haben sie das bisher noch nicht getan.

Das Recht ist aber noch nicht verjährt, so dass Sie damit noch rechnen müssen.

Haben auch Sie eine Frage zum Familien- oder Erbrecht? Dann schicken Sie diese doch an familie@morgenpost.de. Unser Rechtsexperte Dr. Max Braeuer ist Rechtsanwalt und Notar bei Raue LLP und Lehrbeauftragter für Familienrecht. Er beantwortet Leserfragen gern in seiner wöchentlichen Kolumne an dieser Stelle. Ein Anspruch auf Beantwortung besteht nicht.