Mamas & Papas

Darth Vader auf der linken Hinterbacke

Hajo Schumacher über die gefährliche Entscheidung für ein Tattoo

Wir sind eine freizügige Familie. Nacktheit ist für uns kein Problem, solange ein Handtuch in Griffweite hängt, das man sich eilig vor die Körpermitte hängen kann. Neulich entstieg ich just der Dusche, als mein Sonnenschein von Sohn ins Bad platzte. Wahrscheinlich wollte er über Computer-Spielzeit verhandeln oder einen Eintrag ins Klassenbuch beichten. Doch Hans schwieg. Und betrachtete meinen Körper. Warum starrt mich dieses Kind an? Stimmt was nicht? Ich blicke an mir herab. Alles wie immer, also ganz knapp vor tipptop. Ich wickele mich in zwei Handtücher und versuche, das starrende Kind zu verscheuchen. „Papaaaa...“. Aha. Jetzt kommt’s. Aber was?

Variante A: „Sehe ich auch irgendwann so aus?“

Variante B: „Warum hast du gar keine Muskeln?“

Variante C: „Mama ist schöner.“

Egal, was der Bengel fragt, es wird mich in der Seele treffen. „Papaaa...“. Ja, um Himmels willen, was ist denn? „Warum hast du eigentlich kein Tattoo?“ Auf diese Frage war ich nicht vorbereitet. Keine Ahnung. Ich habe ja auch kein Rennpferd. Oder auberginefarbene Strähnchen. Warum sollte ich ein Tattoo tragen? Wo überhaupt? Und welches Motiv? Die Gattin auf dem Oberarm? Marathon-Bestzeit auf der Wade? Die Adresse vom Finanzamt auf der linken Hinterbacke?

„Alle Eltern in der Klasse haben ein Tattoo“, erklärt Hans, „nur du nicht.“ Interessant. Woher hat mein Sohn diese Information? Gab es eine Projektwoche „Arschgeweih“? Kaum vorzustellen, dass die Mutter von Howard eine Körperbemalung trägt. Ist sie nicht Ärztin? Mediziner haben Angst vor chronischer Hepatitis durch diese Farbpistolen. Oder der Vater von Carl-Merlin. Der arbeitet im Ministerium. Da trägt man an Karneval eine verwegene Comic-Socke. Aber keinen König der Löwen auf dem Rücken.

„Welches Motiv wünscht du dir denn?“, frage ich meinen Stilberater. „Crash natürlich“, erwidert Hans. Das ist doch dieser chaotische Wuschel aus dem Kinderfernsehen, der aussieht wie aus der Muppetshow entlaufen. Kann ich mir ja gleich Rainer Langhans aufmalen lassen. Vor allem: Wie länge hält so eine Figur? Vor drei Jahren hätte ich Bob den Baumeister sticheln lassen müssen, 2012 Justin Bieber, bis vor kurzem das Pandagesicht von Cro und derzeit wohl Darth Vader. Was kommt noch alles auf mich zu: Mesut Özil? Die Klassenlehrerin? Ursula von der Leyen in Uniform? Goldene Regel für Tattoo-Kandidaten: keine Bildchen, die Bundesligasaison, Legislaturperiode oder durchschnittliche Partnerschaftsdauer nicht überstehen. „Wir wär’s mit ‚Mutti‘ in einem Herzen“, frage ich. Das liebevolle Bekenntnis zur Erzeugerin ist immer richtig, sorgt im Strandbad für überwiegende Zustimmung und verhindert Irritationen im Falle neuer Beziehungen. „Ich nehme ‚Vati‘, wenn ich groß bin“, sagt Hans, „mit ganz vielen Muskeln.“ Der kleine Schlawiner weiß genau, wie er mir eine Extra-Viertelstunde Online-Spiel abringt.