Dinge des Lebens

Mein Freund Hase

Lothar Arndt, 70 Jahre, Druckformhersteller aus Wedding

Es war in den 90er-Jahren des vorigen Jahrhunderts, als Lothar Arndt endlich einen Reisegefährten bekam. Er war klein, weiß und hatte abstehende Ohren. Arndt gab ihm den Namen, der am besten zu seinem Aussehen passte: Hase.

Klingt ein bisschen durchgeknallt, oder? Als Arndt vor kurzem seinen Gefährten für ein Foto zwischen die Wischblätter eines Reisebusses klemmen wollte, fragte ihn der leicht irritierte Fahrer: „Sprechen Sie denn auch mit ihm?“ Arndt meinte daraufhin: „Manchmal ja. Aber er widerspricht nicht.“

Das ganze klingt nach Mr. Bean, der von Rowan Atkinson dargestellten Comedy-Figur. Mr. Bean hat einen kleinen Teddybär als Begleiter, er nennt ihn Teddy und spricht auch mit ihm. Eine andere Vorlage findet sich vielleicht in dem Film „Mein Freund Harvey“ von 1950 mit James Stewart, in dem ein Mann glaubt, einen zwei Meter großen Hasen an seiner Seite zu haben. Doch die Geschichte von Lothar Arndt und seinem treuen Begleiter geht doch anders.

Zuerst einmal hat er den Hasen von seiner Frau, der Rosi, bekommen. Sie legte ihn Ostern ins Nest, ein Geschenk, damit er nicht mehr alleine verreisen müsse. Die Rosi hat nämlich nicht viel übrig für die Abenteuerreisen ihres Mannes. Einmal hat sie sich schon für einen Kuraufenthalt entschieden, als er wegfuhr, ein anderes Mal hat sie ihre Zwillingsschwester an der Ostsee besucht.

In den vergangenen beiden Jahren sind sie aber auch ein paarmal gemeinsam unterwegs gewesen. Gemeinsam, das heißt dann zu dritt, denn Hase muss immer mit. Diese Reisen hatten mit einem Hüftleiden von Lothar Arndt zu tun. Er musste operiert werden, saß sogar ein paar Monate im Rollstuhl. Sein geliebtes Herrenfahrrad, mit dem er und Hase so viele gemeinsame Reisen gemacht hatten, musste er verkaufen. „Ich kam mit dem Bein nicht mehr über die Stange.“

Der Verlust betrübt ihn noch heute: „Das ist, wie wenn ein Cowboy sein Pferd weggeben oder erschießen muss.“ Jetzt hat Arndt ein Damenrad. Und vor ein paar Tagen hat ihm sein Kardiologe grünes Licht gegeben, er kann mal wieder eine Radtour machen. Der 70-Jährige, der in seinem Berufsleben als Druckformhersteller arbeitete, hat auch schon ein Ziel: die Weser runterfahren.

Das mit dem Reisen ist Arndt wichtig, war es ihm schon immer. Bereits in den Jugendjahren hatte er diesen Drang auszubrechen. Mit seinem Kumpel Wilfried sah er damals den Freddy-Quinn-Film „Freddy unter fremden Sternen“. Die beiden beschlossen daraufhin, nach Kanada auszuwandern, sobald sie 18 Jahre alt seien. „Uns hat es rausgezogen aus der Stadt, weg von der Mutter.“ Zwei Jahre später, als sie dann volljährig geworden waren, war es allerdings zu spät. Wilfried und Arndt lebten in Lichtenberg, und die DDR hatte gerade die Mauer gebaut.

So blieb Arndt in der DDR und reiste, wenn er es schon nicht im Großen tun konnte, im Kleinen. Mitte der 60er-Jahre wanderte er beispielsweise in der Sächsischen Schweiz umher. Eines Tages sah er auf einem Felsen eine Frau stehen, die ihm sehr gefiel. Sie wurde gerade von einem älteren Mann fotografiert, der sich später als ihr Vater herausstellte. Arndt, der selbst auch gern mal eine Kamera in die Hand nahm, erklärte den beiden, dass das Bild nichts würde, es sei zu dunkel. Man sprach noch ein paar Worte, ging dann wieder auseinander. Arndt aber „war wie vom Blitz getroffen, diese Frau musste ich unbedingt wiedersehen“. Er wartete an der nächsten Biegung. Nur die Frau tauchte nicht mehr auf.

Erst Tage später begegnete er ihr wieder. Beim Mittagessen in seinem Ferienheim saß sie auf einmal am selben Tisch. Man kam wieder ins Gespräch, tauschte Adressen aus und, ja, ging schon zart flirtend durch den Ort. So fand Lothar Arndt seine Rosi. Dass sie in einem kleinen Ort an der Ostsee lebte, kam seinem Fernweh sehr entgegen. Freitags packte er in Berlin seine Sachen, trampte in die Heimat seiner Freundin und blieb übers Wochenende. Schließlich zogen beide in Berlin zusammen. Zwei Jahre vor dem Mauerfall stellten sie einen Ausreiseantrag, kurz vor der Öffnung 1989 wurde er bewilligt. Heute leben beide in Wedding.

Lothar Arndt ist ein eigenwilliger Typ. Von seinen Freunden, erzählt er, haben viele einen Garten. Deshalb blieben sie auch lieber zu Hause als sich Arndt anzuschließen, wenn er seine langen Strecken mit dem Rad fährt, immer den Hasen dabei. Ist ja auch nicht jedermanns Sache, in der Jugendherberge, in einem Zelt oder im Wald zu schlafen. Sich morgens den Kaffee auf dem Spirituskocher warm zu machen, eine Stulle hinunterzuschlingen und dann den ganzen Tag in die Pedale zu treten. Einmal hat Arndt in einem Park in Koblenz geschlafen. In der Nacht wachte er von Stimmen auf, die aus den Büschen zu ihm drangen. Russisch wurde da gesprochen, das konnte er verstehen. Arndt packte seine Luftpumpe, denn was anderes fand er nicht als Waffe. Nach einer halben Stunde wurde es still, die vermeintlichen Russen hatten ihren Aufenthaltsort verlassen. Bis heute weiß Arndt allerdings nicht, was sie dort wollten.

Er war in Paris, in Santiago de Compostela, er ist die Elbe und Deutschland vom Tegernsee bis nach Flensburg hochgefahren. Und nur einer war immer dabei: sein Hase. Aus einem Netz seines Rucksacks lugte er tagsüber hervor. Abends bettete ihn Arndt neben sich. Und wenn er Fotos unterwegs machte, stellte er das Stofftier immer ins Bild. Es gilt als Beweis, dass Arndt wirklich die Orte befahren hat und nicht einfach nur angibt.

Wenn sie dann wieder zu Hause sind, wäscht Ehefrau Rosi den Hasen. „Mit der Hand, in lauwarmem Wasser.“ Und zum Trocknen wird er dann an den Ohren an die Wäscheleine gehängt. Als Lothar Arndt das erzählt, scheint sich in seine Stimme ein leichter Schmerz zu schleichen. So als ob er selbst an den Ohren aufgehängt wird. Schon durchgeknallt, aber auch ganz sympathisch.

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