Interview

„Egal was geschieht: Kein Kind soll aufgegeben werden“

Bildungsforscher Jörg Ramseger über Lerngemeinschaften

Das gemeinsame Lernen von Kindern mit einem sehr unterschiedlichen Förderbedarf ist längst in aller Munde. Die Umsetzung dieses Konzepts ist eine der größten Herausforderungen, vor denen deutsche Schulen in den kommenden Jahren stehen werden. Redakteurin Regina Köhler sprach darüber mit Professor Jörg Ramseger. Er ist Bildungsforscher an der Freien Universität Berlin (FU) und seit Jahren mit dem Thema Inklusion befasst.

Berliner Morgenpost:

Herr Ramseger, können Sie uns noch einmal erklären, was Inklusion bedeutet?

Jörg Ramseger:

Oft wird gesagt, Inklusion sei das gemeinsame Lernen von behinderten und nicht behinderten Kindern. Diese Erklärung ist nicht weitreichend genug. Inklusion ist eine Form von Pädagogik, die versucht, alle Kinder unabhängig von ihren individuellen Voraussetzungen in einer Lerngemeinschaft optimal zu fördern. Damit sind alle Kinder gemeint, normal lernende, hochbegabte und Kinder mit Behinderung.

Was heißt das für die Praxis ganz konkret?

Es geht darum, dass jedes Kind besondere Ansprüche hat, die berücksichtigt werden müssen. Egal was geschieht, kein Kind soll aufgegeben und ausgesondert werden. Das bedeutet ein radikales Umdenken. Der gesamte Unterricht muss verändert werden, die Schule muss so umgebaut werden, dass alle Kinder gut lernen können. Das ist ein extrem anspruchsvolles Reformprojekt.

Sind die Lehrer denn entsprechend ausgebildet?

Es gibt seit Jahren Fortbildungsangebote für alle, die sich mit dieser Thematik befassen wollen. Im Masterstudiengang Grundschulpädagogik an der Freien Universität werden schon seit langem regelmäßig Lehrveranstaltungen zur Inklusion angeboten. An der FU gibt es auch einen Weiterbildungslehrgang, in dem sich 25 Pädagogen auf die neuen Formen des Lehrens und Lernens vorbereiten.

Was beinhaltet dieser Lehrgang für Pädagogen?

Dieser Pilot-Lehrgang ist sehr praxisorientiert. Die Teilnehmer hospitieren an Schulen, die bereits Erfahrungen mit dem gemeinsamen Lernen haben. Sie unterrichten dort auch selbst. Der Lehrgang findet einmal pro Woche statt und dauert vier Stunden. Die Lehrer werden dafür im Umfang von drei Unterrichtsstunden freigestellt. Auch die Humboldt-Universität hat bereits zahlreiche Veranstaltungen zur Inklusion durchgeführt und umfangreiche weitere Maßnahmen in der Vorbereitung.

Für die Umsetzung eines Inklusionskonzeptes hat Berlin gegenwärtig kein Geld. Im Doppelhaushalt 2014/15 sollen lediglich 5 Millionen Euro für die Inklusion bereitgestellt werden. Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) will dieses Geld in die Fortbildung der Lehrer investieren. Ist das der richtige Weg?

Ja, das ist vernünftig. Und 1,4 Millionen Euro allein für Fortbildung, das ist schon einiges Geld. Mit diesem Geld können die Schulleiter, aber auch ganze Kollegien fortgebildet werden.

Viele Lehrer, aber auch Eltern haben Angst in Bezug auf die inklusive Schule. Lehrer fühlen sich überfordert, Eltern sind in Sorge, dass die ihre Kinder nicht genug lernen, wenn alle Schulen alle Kinder gleichermaßen fördern sollen. Was ist dran an dieser Angst, ist sie gerechtfertigt? Und wie kann man ihr begegnen?

Das große Dilemma besteht darin, dass es eine massive Vertrauenskrise zwischen den Schulen und den politisch Verantwortlichen gibt. Die Lehrer glauben nicht daran, dass die Schulen langfristig mit ausreichenden Ressourcen ausgestattet werden. Inklusion kann aber nicht einfach verordnet werden. Wenn die Lehrer nicht überzeugt sind, geraten die Eltern doppelt so schnell in Panik. Am besten ist es deshalb, wenn schrittweise mit Pilotschulen begonnen wird und gleichzeitig dafür gesorgt wird, dass diese Schulen hinreichend ausgestattet sind.

Wie müssen die Schulen ausgestattet sein, damit Inklusion klappt?

Die Lerngruppen sollten aus maximal 20 Schülern bestehen und jeweils nur zwei oder drei Kinder mit Behinderung aufnehmen. Ganztägig sollten zwei Pädagogen eine solche Lerngruppe betreuen. Das heißt, dass Inklusionsschulen weit mehr als eine nur 100-prozentige Personalausstattung haben müssen.

Sie sagten, dass jedes Kind einen speziellen Förderbedarf hat. Worin besteht die größte Herausforderung für die Schulen?

Besonders schwierig ist es, angemessen auf Kinder mit besonderen Lebensproblemen einzugehen. Im Amtsdeutsch wird von Kindern mit emotional-sozialem Förderbedarf gesprochen. Ich finde diese Bezeichnung allerdings stigmatisierend. Diese Kinder haben viele Probleme und deshalb oft ein sehr herausforderndes und manchmal auch aggressives Verhalten. Um ihnen gerecht zu werden, brauchen die Schulen viel Personal und strukturelle Veränderungen. Sonst scheitern sie.

Was müsste sich noch verbessern, damit Inklusion gelingen kann?

Schule und Jugendamt müssen viel enger zusammenarbeiten. Beide Verwaltungen haben Ressourcen, um diesen Kindern zu helfen, die müssen zusammengeführt werden. Nur dann ist eine gute Förderung möglich. Gegenwärtig gibt es jedoch viel zu wenig Absprachen zwischen den Verwaltungen, ein funktionierendes Netzwerk fehlt vielerorts noch. Die Ämter müssen an einem Strang ziehen, schließlich geht es in jedem einzelnen Fall darum, dem betreffenden Kind zu helfen.

Geplant ist auch, den Schulen Mittel für den gemeinsamen Unterricht von behinderten und nicht behinderten Kindern künftig pauschal zuzuweisen. Was halten Sie davon?

Wenn die Schulen frei über dieses Geld verfügen können, dann finde ich das in Ordnung.