Dinge des Lebens

Mehr als nur heiße Luft

Peter Skibinski, 77 Jahre, Schneidermeister aus Gropiusstadt

Hinter den halbrunden Öffnungen lodert die Glut. Der Zehnjährige blickt gebannt auf das Feuer. Messer, Schere, Licht sind für kleine Kinder nicht. Er weiß das. Tief atmet er ein, dann pustet er, bis es knistert. Die Kohle leuchtet auf. Kleinste rote Funken fliegen aus dem Eisenblock, landen auf dem Stoff, der ihn umgibt.

„Mein Vater hat mich verflucht, wenn ich das gemacht habe“, erinnert sich Peter Skibinski mit dem Blick auf das Holzkohlebügeleisen auf dem Schneidertisch. Nicht weil die Funken den Stoff beschädigt hätten. „Nein“, er schüttelt den Kopf. „Damals waren die Stoffe noch nicht derart mit Kunstfasern durchsetzt, als dass sofort alles Feuer gefangen hätte.“ Er lacht trocken. „Nein, er hat mich verflucht, weil die Kohle, die wir dringend brauchten, durch das Pusten schneller verglühte.“

Als Peter Skibinskis Vater 1945 aus dem Krieg nach Berlin zurückkehrte, kehrte er auch zu seiner alten Berufung zurück. Der Schneidermeister nähte Militärjacken zu Trachtenjacken um, fertigte Kleider aus Bettlaken und tauschte auf Bauernhöfen aus Lumpen gefertigte Unterwäsche gegen einen Sack Erdäpfel. Sein heute 77-jähriger Sohn bewahrt in seinem Haus in Gropiusstadt noch heute seine Werkzeuge und Schnitte von damals auf.

„In der Zeit kurz nach dem Krieg war der Schneider etwas Lebenswichtiges“, sagt Peter Skibinski. Die ganze Familie wohnte in Vaters Werkstatt. Skibinskis Spielzeuge waren die Lumpenkiste, die Nähmaschine und das Holzkohlebügeleisen. Mit 16 Jahren entschied er sich, in die Fußstapfen des Vaters und auch in die des Großvaters zu treten. Er begab sich in die Ausbildung zum Herrenschneider. „Da steckte keine Philosophie oder Traditionspflege dahinter“, sagt der Renter heute: „Es war einfach das, was ich kannte.“

In seiner Lehre traf er auf seine Frau Rosemarie. „Sie war in Berlin damals die einzige Frau, die eine Ausbildung zu Herrenschneiderin machte“, erinnert sich Skibinski. Er lacht. „Bei der männlichen Prüfungskommission stand sie im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit.“

In der Kreuzburger Wartburgstraße machte sich das junge Ehepaar nach der Lehre gemeinsam selbstständig. Obwohl sie Herrenschneider waren, fertigten sie in erster Linie Damenkostüme für die Berliner Haute Couture. „Ein Herrenscheider ist darauf spezialisiert, vor allem festere Stoffe zu verarbeiten“, erklärt Peter Skibinski: „Damenschneider waren damals eher für weiche, fließende Stoffe ausgebildet.“ Skibinski deutet auf ein Foto an der Wand. Es zeigt seine Frau in einem schwarzen Kostüm mit Chinchilla-Besatz.

Bei einem Schneiderwettbewerb belegten sie mit diesem Ensemble den zweiten Platz. „Wir hätten auch den ersten belegen können“, meint Skibinski selbstbewusst. „Das Kostüm war hervorragend gefertigt. Meine Frau und ich waren eigentlich unschlagbar. Aber der Kürschner hat es verpatzt.“ Er habe den Breitschwanz zu eng aufgenäht. Unter dem Besatz habe der Stoff Falten geworfen. 1200 Mark hat das Kostüm damals gekostet. Ein Berliner Küchenchef ließ es für seine Frau maßanfertigen.

Claussen, Oestergaard, Gans: Bis zu 16 Stunden am Tag arbeitete das Ehepaar damals für die Berliner Modedesigner. „Es wundert mich, wenn junge Leute heute sagen, sie seien nach einem Sieben-Stunden-Arbeitstag völlig gestresst.“ Er schmunzelt. In den 50er-Jahren florierte das Geschäft der Berliner Modehäuser, Ende der Sechziger veränderte die zunehmende Industrie das Geschäft. 1972 musste Skibinski seine Selbstständigkeit aufgeben.

Während seine Frau noch fünf Jahre weiter mit Nadel und Faden Geld verdiente, ließ sich Skibinski zum Betriebswirt ausbilden und wurde schließlich Ausbildungsberater bei der Industrie- und Handelskammer.

„Das war ein herber Einschnitt“, sagt er. „Auf meinem Betriebswirt war ich nie so stolz wie auf meinen Schneidermeister.“ Seine Gesellenprüfung hatte er als Berliner Landessieger im praktischen Leistungswettbewerb abgeschlossen. Die Urkunde mit dem roten Siegel hängt gerahmt an der Wand. „Schneiderei ist ein Beruf, der Kopf und Geist zusammenhält“, sagt Skibinski und macht eine Pause. Sicher gäbe es auch heute noch Kundschaft für Maßanfertigungen. „Aber wir hatten damals ein behindertes Kind, das unsere Pflege brauchte. Und als Ausbildungsberater bin ich gut über die Runden gekommen.“

Die Werkstatt, die er sich im Keller seines Hauses in Gropiusstadt eingerichtet hat, versammelt seine alten Arbeitsgegenstände, die seines Vaters, seiner Frau. Meisterbriefe und Wettbewerbsurkunden säumen die Wände. Schneiderkreide und Stoffe liegen bereit. Jederzeit könnte er loslegen, Maß nehmen, einen Schnitt auf einen Filz aufmalen, aus Stoffbahnen eine Anzugjacke nähen.

Und manchmal macht er das auch noch. Näht seiner Frau ein Kostüm oder schneidert sich selbst einen Anzug auf dem Leib. Nur das Holzkohlebügeleisen, das verwendet er heute nicht mehr. Denn handlich ist es nicht gerade. Rund 17 Pfund wiegt es. Damals habe es auch noch schwerere Bügeleisen gegeben, etwa um einige Zentimeter dicke Veloursstoffe ordentlich zu glätten. „Diese Eisen durfte man aber nicht einmal aufsetzen. Man schwebte mit dem Pfund schweren Eisen über den Stoff. Das war nichts für Schwächlinge.“

„Aber ich bewahre das Holzkohlebügeleisen und all die anderen Werkzeuge auf, weil ich mir sage: Was auch immer kommt, ich bin gewappnet“, sagt Peter Skibinski. „Ich gehe zwar nicht davon aus, aber sollte noch einmal so etwas kommen wie ein Krieg, dann sind eine Nähnadel, eine Schere und ein Bügeleisen alles, was ich brauche, um Kleidung herzustellen.“

Dann würde Peter Skibinski seine Schneiderei wieder aufleben lassen, wie sein Vater damals, nach dem Krieg.

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