Sprechstunde

Ist der Wille meines Vaters noch bindend?

Dr. Max Braeuer über ein Testament mit Vorerbe und Nacherbe

Ich möchte von Ihnen gern den Rat einholen, ob der Wille meines Vaters heute noch bindend ist. Die Verhältnisse sind wie folgt: Mein Vater ist schon vor mehr als 30 Jahren gestorben. Er hatte ein Testament gemacht, in dem er mich zum Vorerben eingesetzt hat. Nacherbin ist meine Tochter, die inzwischen verheiratet ist und auch schon Kinder hat. Mein Vater hat das Testament wohl so gemacht, weil er sich mit meiner ersten Frau nicht verstanden hat. Von dieser Frau bin ich schon lange geschieden. Ich bin wieder verheiratet und wir haben noch eine Tochter, die auch schon erwachsen ist. Ich fände es ungerecht, wenn nur meine ältere Tochter nach meinem Tod etwas bekommen würde. Die beiden Schwestern haben ein sehr gutes Verhältnis und wollen auch keine Ungleichbehandlung. Sind wir an das Testament meines Vaters noch gebunden?

(Sascha S., Hermsdorf)

Ihr Vater hat Ihnen mit seinem Testament natürlich keine Bindungen auferlegen können. Er hat nur über seinen eigenen Nachlass verfügen können. Dabei hat er eine Enkelin bevorzugen wollen.

Was Sie mit Ihrem Vermögen tatsächlich machen, ist alleine Ihre Entscheidung. Sie können mit Ihrem Testament bestimmen, wer Sie beerben soll. Dabei können Sie Ihre beiden Töchter gleich behandeln oder auch eine der beiden bevorzugen. Allerdings besteht die Freiheit nur für Ihr eigenes Vermögen. Sie können durch Testament also nur über die Dinge verfügen, die Sie zu Ihren Lebzeiten selbst erworben haben. Für das Vermögen, das von Ihrem Vater stammt, haben Sie die Freiheit nicht. Dafür gilt das Testament des Vaters weiter.

Welche Freiheiten Sie mit dem Vermögen Ihres Vaters haben, hängt davon ab, wie das Testament auszulegen ist. Wenn in einem Testament ein Vorerbe und ein Nacherbe benannt ist, muss das nicht immer wörtlich genommen werden. Zwischen Eheleuten kommt es oft vor, dass der überlebende Ehepartner als Vorerbe bezeichnet wird und die gemeinsamen Kinder als Nacherben. Dabei ist dann in Wirklichkeit oft ein Berliner Testament gemeint, wonach zunächst der überlebende Ehepartner alles und danach die Kinder von diesem alles erben sollen.

Wenn Ihr Vater aber zunächst seinen Sohn und dann seine Enkelin eingesetzt hat, ist vermutlich eine echte Vor- und Nacherbschaft gemeint. Ihr Vater wollte wohl vermeiden, dass seine ungeliebte Schwiegertochter etwas von seinem Vermögen bekommen würde. Das Risiko hätte bestanden, wenn Sie vor Ihrer damaligen Frau verstorben wären.

Sie haben als Vorerbe das gesamte Vermögen Ihres Vaters bei dessen Tod übernommen. Es gehört Ihnen aber nicht uneingeschränkt. Sie dürfen das Vermögen Ihres Vaters benutzen, aber nicht verbrauchen. Sie dürfen die geerbten Dinge insbesondere nicht verkaufen, verschenken oder weiter vererben. Sie sind nur eine Art Treuhänder für Ihre Tochter, an die das Vermögen übergeht, wenn Sie sterben. Das treuhänderische Vermögen fällt bei Ihrem Tode an Ihre ältere Tochter, völlig unabhängig davon, was Sie in Ihr eigenes Testament geschrieben haben. Die jüngere Tochter bekommt davon nichts, auch keinen Pflichtteil.

Sie allein können diese Rechtsfolgen also nicht verhindern. Allerdings besteht die Möglichkeit zu einer Veränderung der Situation gemeinsam mit Ihrer älteren Tochter.

Ihre Tochter ist die einzige, die noch aus dem Testament Ihres Vaters begünstigt ist. Auf die Rechte, die sie daraus hat, kann sie auch verzichten. Wenn Sie sich innerhalb Ihrer Familie also heute einig sind, dass Ihre beiden Töchter völlig gleich behandelt werden sollen, dann ist es möglich, das Testament Ihres Vaters zu überwinden.

Dafür müsste Ihre ältere Tochter zu einem Notar gehen und die Nacherbschaft nach ihrem Großvater ausschlagen. Die Ausschlagung ist auch heute, 30 Jahre nach dem Tod des Großvaters, noch möglich, weil der zweite Erbfall, die Nacherbschaft, noch nicht eingetreten ist. Mit dieser Ausschlagung fallen die Beschränkungen weg, denen Sie als Vorerbe heute noch unterliegen. Sie werden uneingeschränkter Eigentümer auch des Vermögens, das Sie von Ihrem Vater bekommen haben. Sie können es dann Ihren Töchtern gleichmäßig zuwenden.

Haben auch Sie eine Frage zum Familien- oder Erbrecht? Dann schicken Sie diese doch an familie@ morgenpost.de. Dr. Max Braeuer ist Rechtsanwalt und Notar bei Raue LLP und Lehrbeauftragter für Familienrecht. Er beantwortet Leserfragen gern in seiner wöchentlichen Kolumne an dieser Stelle. Ein Anspruch auf Beantwortung besteht nicht