Dinge des Lebens

Ein Bild vom Frieden

Gerd Zimmermann, 74 Jahre, Rentner aus Heiligensee

Der Krieg da draußen kümmerte sie nicht. Sie blieben einfach am Tisch sitzen. Dabei schlugen die Bomben ziemlich nahe ein. Fensterscheiben gingen zu Bruch. Eine Luftmine traf ein Eckhaus, übrig blieb eine Pyramide voll Schutt. Die Herren aber schmauchten ihre Pfeifen, ungerührt. Was Gerd Zimmermann an diesem Bild so anzieht, ist der Frieden, den es ausstrahlt.

Als Sechsjähriger flüchtete er mit seiner Mutter in den Luftschutzkeller, wenn die Sirenen heulten. Dort harrten sie mit Bangen aus. Die dumpfen Geräusche einschlagender Bomben kamen näher. Sie fragten sich, wen sie wohl dieses Mal treffen würden. Einmal hob sich das Mauerwerk nach einer gewaltigen Explosion, erinnert sich Zimmermann. Die Luft füllte sich mit Staub, sie griffen nach Tüchern, tauchten sie in einen Wasserbottich und hielten sie vor den Mund. Später, als die Explosionen verhallten, die Luftschutzsirene heulend Entwarnung meldete, gingen sie wieder nach oben.

Sie hatten überlebt, wieder einmal. Dann schauten sie auf ihr Haus. Es stand noch. Als sie die Tür aufschlossen, sahen sie, dass das Bild im Wohnzimmer auch noch an der Wand hing. Vielleicht hatte es ein wenig gewackelt, als die Bomben detonierten. Das Bild ist auch ein Zeichen für das Überleben im Zweiten Weltkrieg. So wie die vier Männer dort unbeschadet blieben, so blieben es auch Gerd Zimmermann und seine Familie. Die Mutter, die beiden jüngeren Schwestern – und auch der Vater kehrte im Juli 1945 aus der Gefangenschaft zurück. „Wir waren glücklich, den ,Ernährer’, wie meine Mutter immer sagte, bei uns zu haben.“ Er sei ein Mann mit großem Geschick und immer guten Ideen gewesen. „Was haben sich unsere Eltern und Großeltern gemüht, das Leben wieder in normale Bahnen zu lenken. Wir aber, wie die meisten anderen Kinder auch, hatten nur das Abenteuer Spielen in einer zerstörten Stadt im Kopf und unseren Eltern und Großeltern nicht die Hochachtung und Dankbarkeit gezeigt, die sie mit Sicherheit verdient hatten. Jetzt werde ich bei diesen Gedanken sehr nachdenklich.“ Zimmermann ist mittlerweile 74 Jahre alt. Er hat bei der Post und der Telekom gearbeitet. Seine Haltung wirkt aufrecht, die Wortwahl betont korrekt, man merkt schon, dass man hier einem Mann gegenüber sitzt, der lange als Beamter gearbeitet hat. Vor 15 Jahren ist in den Ruhestand gegangen. Er malt selbst ein wenig. Blumenbilder im Emil-Nolde-Stil. Mit seiner Frau lebt er in einem kleinen schönen Haus in einer ruhigen Straße in Heiligensee. Als sein Vater 1970 starb und die Mutter in eine kleinere Wohnung zog, hat er sie gefragt, ob er das Bild haben dürfe.

Vielleicht waren es die Erinnerungen, die einen in den späteren Lebensjahren manchmal wieder einholen. Zimmermann sagt es so: „Je älter man wird, umso mehr fasst man gedanklich auch die Dinge auf, die man sein vorheriges Leben nur nebenher bemerkt hat.“ Die Symbolkraft des Bildes – in seiner Kindheit hat er sie wohl schemenhaft registriert, in den Jugend- und Berufsjahren wurde sie überlagert, und dann schwappte sie doch nach oben. „Ich habe einfach intensiver über bestimmte Dinge nachgedacht: Mit welcher Liebe meine Eltern das Bild ausgesucht haben, als sie ihre kleine Wohnung in der Freienwalder Straße eingerichtet haben. Und was dieses Bild alles miterlebt hat, ohne darüber sprechen zu können.“

Es ist kein Rembrandt. Der goldene Rahmen ist wahrscheinlich mehr wert als das Werk. Es ist nur ein einfacher Kunstdruck. Auf der Rückseite kann man lesen, wo es erworben wurde. In der Bilderhandlung „Schmücke dein Heim“ in Berlin N 31, Ramlerstraße. Wie die damalige Wohnung der Eltern liegt sie im heutigen Ortsteil Gesundbrunnen, auch die Großeltern mütterlicherseits wohnten um die Ecke, in der Grüntaler Straße. Ihr Haus wurde im Krieg allerdings durch einen Volltreffer vollkommen zerstört. Die Eltern Hilda und Heinz Zimmermann hatten 1936 geheiratet. Der Vater arbeitete als Elektromeister. Er verdiente genug Geld, dass sie sich die Miete einer Zwei-Zimmer-Wohnung leisten konnten. Im Wohnzimmer standen ein Tisch, ein Sofa, eine Stehlampe und eben jenes Bild hing an der Wand. Gerd Zimmermann glaubt, dass es der Vater gekauft hat, er habe mehr mehr Sinn für Kunst als die Mutter gehabt. Der Sohn kam im Dezember 1938 zur Welt, die beiden Zwillingstöchter drei Jahre später. Da war der Vater schon Soldat.

Mit den Kindern wurde es enger. Gerd Zimmermann schlief im Wohnzimmer, in mancher Nacht fiel sein Blick da schon auf das Bild. Später, als der Krieg näher rückte, verließ die Familie Berlin, ein Jahr lebten sie in Ostpreußen, was Zimmermann noch heute als sehr idyllisch und heil in Erinnerung hat. Doch auch dort war man irgendwann nicht mehr sicher. Im Januar 1945 flüchtete die Mutter mit den Kleinen über das vereiste Haff. Als sie im Februar in Berlin ankamen, dachten sie wahrscheinlich, das Schlimmste hinter sich zu haben. Doch sie schauten auf einen glutroten Nachthimmel, alles brannte. Die Wohnung war aber heil – und das Bild noch an der Wand. Die letzten Kriegsmonate verlebten sie häufig im Luftschutzkeller.

Das Bild hängt heute im Flur neben der Schlafzimmertür. „Ein würdiger Platz“, sagt Zimmermann, „wir sehen uns jeden Abend und begrüßen gemeinsam den neuen Tag“.

Aber wer ist nun der Künstler, der es gemalt hat? An der Seite findet sich eine Unterschrift: A. Schröder. Eine Recherche im Internet ergibt, dass es sich um Albert Friedrich Schröder handeln muss. Einmal wird es als „A game of Backgammon“ bezeichnet, was nicht sein kann, weil auf dem Tisch eine Karte liegt. Zutreffender dürfte der Titel „Die Geographen“ sein. Es scheint in keinem Museum zu hängen. Der Künstler wurde 1854 in Dresden geboren und starb 1939 in München. Drei Jahre nachdem Zimmermanns Eltern ihren Schröder als Kunstdruck erworben hatten. Vor dem Original würde der Sohn gern einmal stehen.

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