Interview

„Die Frauen machen es sich nicht leicht mit der Entscheidung“

Psychologin Anke Fricke über Schwangerschaftsabbrüche

Anke Fricke ist Diplom-Psychologin. Sie bietet über den Sozialdienst katholischer Frauen eine allgemeine Schwangerschaftsberatung in der Selchower Straße 11 in Neukölln an (Tel.: 281 41 85). Sie berät unabhängig von der Konfession in Einzel-, Paar- oder Gruppengesprächen auf der Grundlage des christlichen Menschenbildes. Das Programm heißt Lydia. Mit ihr sprach Frédéric Schwilden.

Berliner Morgenpost:

Was bietet Lydia?

Anke Fricke:

Beratung im Schwangerschaftskonflikt. Wir wollen dazu beitragen, dass Frauen in Konfliktsituationen rückblickend eine Entscheidung getroffen haben, mit der sie gut leben können.

Sie beraten nach nach den „Bischöflichen Richtlinien für katholische Schwangerschaftsberatungsstellen“ vom 26.9.2000. Was heißt das genau?

Wir wollen Frauen nicht in eine Richtung drängen, beraten sie aber dennoch Pro-Leben.

Sie sind für alle Konfessionen offen. Ihre Beratungsstelle liegt aber in Neukölln. Wie gemischt ist ihr Publikum?

Wir sitzen zwar in Neukölln, beraten aber bezirksübergreifend. Es kommt nicht jeden Tag vor, dass Frauen durch eine medizinische Indikation in einen Schwangerschaftskonflikt kommen.

Im Jahr 2011 sind in ganz Deutschland 2890 Schwangerschaften nach der 14. Woche medizinisch indiziert abgebrochen worden, das klingt zunächst nach nicht sehr viel.

Seit 2010 gibt es ein neues Gesetz. Bei medizinischer Indikation muss auf psychosoziale Beratung hingewiesen werden. Es muss auch dokumentiert werden, dass darauf hingewiesen wurde. Insgesamt haben die Abbrüche aus medizinischen Gründen zugenommen.

Was sind denn die Gründe?

Schwere chromosomale Erkrankungen in den meisten Fällen. Komplexe Herzerkrankungen, Mehrfachbehinderungen. Spina bifida, auch offener Rücken genannt. Es gibt die verschiedensten prognostisch schwerwiegenden Erkrankungen, das heißt, vermutlich werden diese Kinder nicht lange leben, wenn überhaupt. Meist versterben sie im Lauf der Schwangerschaft.

Die wenigsten Schwangerschaften müssen aber abgebrochen werden, weil das Wohl der Mutter in Gefahr ist, oder?

Nein, darum geht es nicht. Früher gab es drei Indikationen. Die Medizinische: Der Frau ist es aus psychischen Gründen nicht zumutbar ein Kind auszutragen. Die Embryopathische: Das Kind hat eine hat eine Behinderung. Die Kriminologische: Die Schwangerschaft entstand durch Vergewaltigung. Es gibt die embryopathische Begründung nicht mehr. Heute wird ein Schwangerschaftsabbruch medizinisch-psychologisch begründet. Das Austragen des Kindes ist der Frau nicht zuzumuten.

In der Katholischen Kirche ist Abtreibung Sünde. Im Evangelium Vitae schrieb Papst Johannes Paul II. dazu, dass „vorsätzliche Tötung jedes unschuldigen Menschenlebens, besonders in seinem Anfangs- und Endstadium, ein absolutes und schweres sittliches Vergehen darstellt“. Wie beraten Sie?

Wir sind zielorientiert. Wir schauen, ob es Ressourcen gibt, das Kind auszutragen. Frauen, die mit medizinischer Indikation einen Schwangerschaftsabbruch durchführen lassen, sind Frauen, die grundsätzlich ja ihre Kinder behalten wollen. Sie erwarten Wunschkinder. Diese Frauen machen es sich nicht leicht mit der Entscheidung. Sie sind in einem Riesen-Konflikt.

Wie lange haben denn Frauen Zeit, sich zu entscheiden?

Die neue gesetzliche Regelung von 2010 besagt bis zur Geburt. Es gibt vom Gesetzgeber aus medizinischen Gründen keine Frist mehr.

Bei Schwangerschaftsabbrüchen liegt die Müttersterblichkeit bei 0,6 pro 100.000. Bei Geburten ist die Müttersterblichkeit 8,8 zu 100.000. Der Abbruch ist also ungefährlicher als die Geburt, jedenfalls für den Körper. Was sind denn mögliche psychische Folgen?

Nach Abbrüchen kann es zu posttraumatischen Reaktionen kommen. Die Symptome können der postpartalen Depression ähneln. Die Frauen sind antriebslos, sie sind arbeitsunfähig, sie können sich nicht konzentrieren, sie fühlen sich schutz- und hilflos. Der Körper ist relativ schnell wieder hergestellt, aber die Seele hinkt hinterher.

Wie häufig führt ein Schwangerschaftsabbruch auch bei den Partnern zu psychischen Problemen?

Das kann natürlich auch bei Vätern vorkommen. Der Konflikt der Paare ist aber meistens, dass die Väter ihre Trauer nicht zeigen. Sie übernehmen die Rolle des Starken, der die Struktur im Alltag aufrecht erhalten muss, der den Blick nach vorne hat. Das geht vielen Frauen zu schnell, sie haben dann das Gefühl, dass es ihren Partner gar nicht mehr betrifft.

Je älter die gebärenden Frauen sind, desto höher ist das Risiko möglicher genetischer Erkrankungen des Kindes. Ist ein Kinderwunsch im fortgeschrittenerem Alter unmoralisch?

Nein. Wenn Eltern sich später gefunden haben und aus dieser Liebesbeziehung ein Kind entstehen soll, gibt es daran nichts ethisch Verwerfliches. Schauen Sie in den Prenzlauer Berg, nach Friedrichshain. Natürlich steigt das Risiko, aber das heißt nicht, dass diese Eltern auch ein schwer beeinträchtigtes Kind bekommen. Die meisten Frauen, die wir betreuen, sind bis Mitte 40.