Mamas & Papas

Blut, Chlor, Tränen und kalte Nudeln

Hajo Schumacher über einen denkwürdigen Schwimm-Wettkampf

Wir sind eine leistungsorientierte Familie. Was die Eltern nicht geschafft haben, müssen die Kinder erledigen, sportliche Triumphe zum Beispiel. Bei den Bundesjugendspielen haben sich Mutti und Vati nicht gerade für Olympia aufgedrängt. Die Unterschrift von Heinrich Lübke – oder war es Theodor Heuss? – auf der Urkunde bedeutete weniger Anerkennung als Mitleid. Ich habe es sogar fertiggebracht, die Sprunggrube zu verfehlen, weil ich mit übertriebenem Sicherheitsabstand zum Balken abgesprungen war.

Müssen die Kinder halt dafür sorgen, dass endlich Pokale in den Wohnzimmerschrank kommen. Hans schwimmt ja schon eine Weile, „bei einem leistungsorientierten Verein“, wie die Trainer uns versichern. Wir fahnden täglich nach Indizien für Hochbegabung. Schwimmhäute? Muskelbrust? Flipper-Laute? Nichts zu entdecken. Egal. Wahres Talent kommt ohne Muskeln aus.

Neulich gab es endlich die Chance, unser Wunderkind der Weltöffentlichkeit vorzuführen. Er war trotz Leistungsorientierung für einen Wettkampf auserkoren, so wie alle anderen auch. Wäre unser Kind nicht nominiert worden, hätte ich ihn in die Mannschaft geklagt. Unser Sohn würde sich mit den Besten Berlins messen, auch denen aus dem Osten, die bestimmt per Unterwassergeburt zur Welt kamen und seither auf Sieg gedrillt wurden. Wir haben natürlich keine Vorurteile, aber ein Dopingtest wäre doch mal interessant.

Das mehrseitige Informationsschreiben des Trainerstabs wies eher auf Kindergeburtstag hin als auf Blut, Chlor und Tränen. Die Athleten seien von mittags bis Einbruch der Dunkelheit beschäftigt, Eltern hätten die Bannmeile rund um die Halle zu respektieren, dafür aber einen Doppelzentner Nahrungsmittel einzupacken, kalte Nudeln zum Beispiel, wegen der schnell verfügbaren Kohlenhydrate. Wir dachten eher an Cola; Koffein wirkt ja bei den Kleinen noch richtig.

Während Hans die Nächte vor dem großen Rennen gewohnt tief ruhte, wälzten sich die Eltern und klügelten Rennstrategien aus. Die Mutter plädierte für behutsames Anschwimmen und einen fulminanten Schlussspurt, der Vater wiederum empfahl einen Start-Ziel-Sieg, also volle Pulle vom ersten Zug an. 50 Meter könnten ganz schön lang sein, meinte die Chefin. Ertrunken ist noch nie jemand, entgegnete ich.

Am Morgen des Wettkampftages rieb ich unseren Goldjungen mit Muskelöl ein. Während er durch ein halb leeres Heft für Tierklebebilder blätterte, rasierte ich ihm noch rasch den Flaum von den Oberarmen wegen der Aquadynamik und schärfte ihm die Renntaktik ein. Hans gähnte. Da klingelte das Telefon. Der Trainer. Der Wettkampf müsse leider ausfallen, wegen eines Wasserrohrbruchs in der Halle. Auch gut. Haben wir uns eben auf Eurosport Schwimmen angeguckt. Und kalte Nudeln dazu gegessen.

Kommende Woche schreibt an dieser Stelle wieder Sandra Garbers.