Sprechstunde

Kann auch ich erben?

Dr. Max Braeuer über die Anfechtung eines gemeinschaftlichen Testaments

Mein Mann hat aus erster Ehe drei erwachsene Kinder. Mit seiner ersten Ehefrau hatte er ein gemeinschaftliches Testament errichtet, in dem die beiden sich wechselseitig zu Alleinerben und die drei gemeinsamen Kinder als Erben des zuletzt versterbenden Ehegatten eingesetzt hatten. Nachdem die erste Ehefrau verstorben war, haben mein Mann und ich uns kennengelernt. Den Kindern hat es von Anfang an missfallen, dass ihr Vater nach dem Tod der Mutter mit mir eine neue Beziehung eingegangen ist. Seitdem machen sie mir das Leben schwer. Als mein Mann und ich vor einem halben Jahr heirateten, sind sie nicht einmal zur Hochzeit gekommen. Sie verhalten sich uns beiden gegenüber feindselig und warten offenbar nur noch darauf, dass mein Mann stirbt und sie erben können. Er ist sehr vermögend. Mein Mann und ich überlegen, ob wir an der Erbfolge, die im gemeinschaftlichen Testament mit der ersten Ehefrau vorgesehen ist, noch etwas ändern können. Ich mache mir Sorgen, dass ich, weil ich ja wegen des Testaments nicht erben kann, nach dem Tod meines Mannes gänzlich unversorgt bin. Ich würde später auch gerne weiter in dem Haus meines Mannes wohnen bleiben.

(Rachel W., Dahlem)

Was Sie beschreiben, ist leider eine typische Konstellation. Die Kinder aus erster Ehe akzeptieren den neuen Partner nicht und überwerfen sich schließlich deshalb auch mit dem Elternteil. Daraufhin möchte der nicht mehr, dass die Kinder als Belohnung für ihr Verhalten auch noch das ganze Vermögen erben.

Tatsächlich ist Ihr Mann aber grundsätzlich an das gemeinschaftliche Testament mit seiner ersten Ehefrau gebunden. Das ist wie ein Vertrag, von dem man sich nicht mehr einseitig lösen kann, nachdem der andere Vertragspartner bereits gestorben ist. Aufgrund dieses Testaments werden Sie nicht erben, wenn Ihr Mann vor Ihnen stirbt. Ihnen stünde lediglich ein Pflichtteilsanspruch zu. Dessen Höhe beliefe sich auf nur 1/8 des Wertes des Nachlasses. Zudem könnten die Kinder nach dem Tod Ihres Mannes von Ihnen alles herausverlangen, was Ihnen Ihr Mann zu Lebzeiten womöglich geschenkt hat. Sie könnten sogar gezwungen werden, aus dem Haus auszuziehen.

Wenn Sie rasch handeln, kann das aber noch anders ausgehen. Da Sie mit Ihrem Mann erst vor einem halben Jahr die Ehe geschlossen haben, steht ihm vorläufig noch ein besonderes Anfechtungsrecht zur Verfügung. Das Gesetz sieht vor, dass ein bindendes gemeinschaftliches Testament angefochten werden kann, wenn bei einer Testamentserrichtung ein Pflichtteilsberechtigter übersehen wurde. Die Anfechtung ist auch möglich, wenn erst nachträglich ein neues Pflichtteilsrecht entsteht. Das ist der Fall, wenn der eine Ehegatte erneut heiratet. Der neue Ehegatte wird pflichtteilsberechtigt, weil er durch das bindende Testament von Beginn der Ehe an enterbt ist. Das war bei der Errichtung des gemeinschaftlichen Testamentes natürlich noch nicht absehbar. Der spätere Ehegatte, den es damals als solchen noch nicht gab, ist deshalb seinerzeit übergangen worden. Daraus kann sich der Anfechtungsgrund ergeben.

Ganz so einfach, wie es hier klingt, ist die Sache allerdings auch nicht. Das Gesetz enthält nur eine Auslegungsregel. Das Anfechtungsrecht ist anzunehmen, wenn im gemeinschaftlichen Testament nicht anderes vorgesehen ist. Wenn zwei Eheleute ein gemeinschaftliches Testament errichten, dann wollen sie häufig aber gerade verhindern, dass ein weiterer Ehepartner, der nach dem Tode des ersten hinzukommt, von dem Familienvermögen etwas erbt. Wenn sich diese Absicht aus dem Testament ergibt, kann nicht angefochten werden. In Zweifelsfällen bleibt es aber aufgrund der Auslegungsregel beim Anfechtungsrecht.

Wenn Ihr Mann das gemeinschaftliche Testament aufgrund dieser Regelung anficht, kann er über sein Vermögen noch einmal ganz neu testamentarisch verfügen. Er ist in seinem neuen Testament dann gar nicht mehr an das alte gebunden. Allerdings sollten Sie mit diesen Überlegungen nicht mehr allzu lange warten. Die Anfechtungsfrist beträgt nur ein Jahr ab Eheschließung. Danach gibt es an dem gemeinschaftlichen Testament nichts mehr zu rütteln. Die Anfechtung muss notariell beurkundet werden. Der Notar wird alle notwendigen Förmlichkeiten für Sie erledigen und kann Sie auch bei dem neuen Testament beraten. Wichtig ist nur, dass Sie ihn rechtzeitig aufsuchen.

Haben auch Sie eine Frage zu Erbschaftsangelegenheiten, Scheidungsregelungen oder sonstige Fragen zum Familienrecht? Dann schreiben Sie an familie@morgenpost.de. Unser Rechtsexperte Dr. Max Braeuer ist Rechtsanwalt und Experte für Familienrecht. Er beantwortet Leserfragen in loser Folge in dieser Kolumne. Ein Anspruch auf Beantwortung besteht nicht.