Mamas & Papas

Unser Sohn ist der zuverlässigste Demoskop

Wir sind eine demokratische Familie. Jeder darf was sagen, und am Ende entscheidet die Chefin. Wer vorwitzig ist, dem wird das vollste Vertrauen ausgesprochen. Das ist die Höchststrafe. Wie im Kanzleramt. Obgleich also bestens auf demokratische Spielregeln vorbereitet, ist unser Hans überraschend scheu, seit der Wahlkampf ausgebrochen ist. Er traut sich kaum vor die Tür. Die vielen großen Gesichter an den Laternenpfählen machen selbst einem Star-Wars-erprobten Kind Angst.

Darauf kann ich leider keine Rücksicht nehmen. Bereits in den letzten Wahlen hat sich der Kleine als zuverlässiger Demoskop erwiesen: Je mehr sich Hans gruselte, desto besser schnitt die betreffende Partei ab. Insofern müsste die SPD diesmal unseren Wahlkreis gewinnen. Aber auch Rainer Brüderle hat gute Chancen. Offenbar hat die FDP die Möglichkeiten der elektronischen Bildbearbeitung entdeckt, aber dem Grafiker keinen Mindestlohn bezahlt.

Manchmal fahren wir einfach nur so durch die Stadt, um Wahlplakate zu gucken. Das Monsterposter am Hauptbahnhof mit den machtvollen Händen der Kanzlerin hat viel Lernpotenzial. „So sieht es in Pjöngjang aus“, erkläre ich, während Hans mit seinen Fingern die Merkel-Raute nachzubilden versucht. Vergeblich. Er wechselt zum Steinbrück-Finger. Den hat er schon in der Kita gelernt.

„Welchen Politiker findest du besonders nett?“, frage ich unseren kleinen Wahlforscher. Sonnenblumen sind ihm zu niedlich, weshalb sich der Abwärtstrend der Grünen fortsetzen wird. Die Mindestrente in Höhe von 1050 Euro findet er spannend. Ob er das denn auch bekäme, wenn Gregor Gysi Kanzler wird? Tja, antworte ich, das ist wahrscheinlich wie früher mit den Apfelsinen: Theoretisch kriegt die jeder, aber praktisch sind gerade keine da. Da kann man dann locker ein Renteneintrittsalter zum Ende der Schulpflicht versprechen.

„Papa, was sind Steuern?“, fragt mein kleiner Musterdemokrat unvermittelt. „Wie Taschengeld“, erkläre ich, „nur weniger, weil du dich an den Gemeinschaftskosten beteiligst“. Ich erstelle eine Musterrechnung, die auf einen Bierdeckel passt. „Wenn du zwei Euro die Woche bekommst, dann ziehen wir erst mal die Hälfte ab, einfach so.“ Das reicht nicht mal für die Menge an Klopapier, das Jungs gern kilometerweise benutzen, oder Nussnugatcreme, die immer dann alle ist, wenn den Vater danach gelüstet. „Der dritte verbummelte Anspitzer wäre vielleicht als Sonderaufwendung absetzbar“, erkläre ich dem Jungen, „aber unterm Strich blieben dir höchstens zwölf Cent von deinen zwei Euro – das sind Steuern.“ Hans überlegt. Vielleicht sollte er doch die Grünen wählen. Da käme er mit einem Gemüsetag davon. Oder FDP, weil die ja für Steuern senken ist, nur leider in den vergangenen vier Jahren nicht dazu kam. „Was ist FDP eigentlich?“, fragt Hans. „Da muss man Golf spielen und Zahnmedizin studieren“, erkläre ich.

Am Ende wird sich der Kleine ja doch wieder für die Piraten entscheiden, auch wenn das Schiffchen kaum auf den Wahlplakaten zu sehen ist. Aber die Perspektive ist verlockend: Twittern statt Aufsatz, Computerspiele bis tief in die Nacht und Pizza auf Krankenschein. Mein Demoskop hat entschieden: Die sind okay. Es wird also nichts mit den fünf Prozent.

Nächste Woche schreibt an dieser Stelle wieder Sandra Garbers.