Dinge des Lebens

Ein Stück vom Sommer

Nina Fischer-Keese, 41 Jahre, Autorin aus Dahlem

Sonnenhüte sind eigentlich nie richtig aus der Mode geraten. Gerade habe ich mir einen großen Strohhut gekauft, und ich bin sicher, wenn dieser Sommer zu Ende geht, dann werde ich mich auch noch in den kommenden Jahren über das schöne Stück freuen. Für meine dreijährige Tochter Camilla mit ihrem Lockenkopf ist jede Kopfbedeckung eigentlich nur ein notwendiges Übel, aber den schwarzen Stoffhut mit der roten Krempe und dem orange-gelben Blumenmuster, den hat sie in ihr Herz geschlossen.

Vielleicht weiß Camilla ja, wie viel mir dieses kleine Stück Stoff bedeutet. Besonders schön ist der Schlapphut nicht, ein wenig abgewetzt, der Stoff ganz weich. Vielleicht war er nie wirklich hübsch, aber lässig war er schon immer. Dass er mehr als 30 Jahre alt ist, sieht man ihm nicht an. Meine Mutter hat ihn in Saint Tropez am Strand für mich gekauft, an einem Tag, an den ich mich immer noch gerne erinnere.

Ich war Ende der 70er-Jahre sechs Jahre alt und fuhr mit meinen Eltern in den letzten Sommerferien vor dem Schulanfang nach Südfrankreich. Mein Vater erklärte mir wortreich, dies sei etwas ganz Besonderes, die azurblaue Küste, da käme nicht jeder hin. Wir wohnten im Hinterland in einem kleinen Hotel mit einem noch kleineren Pool, morgens zirpten die Grillen und mittags war es unerträglich heiß. Meine Mutter hatte meinen weißen Sonnenhut zu Hause vergessen, und so saß ich gerne unter dem Sonnenschirm oder in der Hollywoodschaukel. Ich hatte gerade Schwimmen gelernt und tauchte im Pool, streichelte die herumstreunenden Katzen oder lief mit dem Bernhardiner, der anderen Gästen gehörte, durch die Berge. Wir machten Ausflüge in die Dörfer der Umgebung, liefen durch enge Gassen, kauften auf dem Markt ein und kletterten auf Hügel, um bis zum Meer schauen zu können. Am Strand fanden wir schöne Buchten und breiteten unsere Decken neben französischen Familien aus. Auf dem Rückweg klang Charles Aznavour aus dem Radio unseres goldbraunen Citroens. Und wahrscheinlich fühlte meine Mutter sich wie Brigitte Bardot, wenn mein Vater das Auto durch die Kieseinfahrt zum Hoteleingang steuerte.

Der Sommer war heiß und trocken. Immer wieder sahen wir Löschflugzeuge, die Wasser aus dem Meer pumpten und die Feuer im Hinterland zu löschen versuchten. Eines Morgens wurden wir durch lautes Klopfen geweckt: Das Hotel wurde evakuiert, wir konnten nur das Nötigste mitnehmen und mussten den Tag in der Ferne verbringen. Mein Vater nahm seine Kamera unter den Arm, meine Mutter schnappte mich, ich griff meine heiß geliebte Plastikpuppe und dann saßen wir im Stau bergab Richtung Saint Tropez, hinter uns die Rauchwolken und die kreisenden Löschflugzeuge. Ich war aufgeregt, meine Mutter panisch, mein Vater meinte, wir sollten das Beste daraus machen, und steuerte auf die Küste zu.

Schon von weitem konnten wir das fast regungslose Meer sehen. Die Strandstraße endete an einem staubigen Parkplatz, dahinter Bambusstauden und ein große Strandhütte mit eingedeckten Tischen überdacht von Sonnenschirmen. Der „Club 55“ war unsere Zuflucht für diesen Tag: Wir mieteten Strandmatten, lagen am feinsandigen Strand von Pamplonne und aßen Fisch im Restaurant. Es wurde ein wunderbarer Tag und meine Mutter kaufte für sich und mich bunte Batik-Tücher, die wir uns um die Hüften knoteten, und jenen schwarzen Hut mit den orange-gelben Blumen, den ich den Rest des Sommers trug. Am Abend rief mein Vater vom Restaurant aus im Hotel an. Das Feuer im Hinterland war keine Gefahr mehr, wir konnten zurückkehren. Zwei Tage später fuhren wir nach Hause.

Erst als ich viele Jahre später wieder nach Südfrankreich reiste und meine Mutter mir von dem Ort erzählte, wurde mir klar, wo genau wir damals gelandet waren: Der „Club 55“ ist nach seinem Gründungsjahr, 1955, benannt. Patrice de Colmont, der heutige Besitzer, war damals noch ein Kind. Sein Vater war Anfang der 50er-Jahre als Ethnologe in einem Segelboot für eine Dokumentation über den Transport von Orangen im Mittelmeer unterwegs gewesen und hatte bei einem Unwetter Schutz an diesem idyllischen Küstenstreifen gesucht. Einige Jahre später kaufte er das Strandstück, das damals wie das Ende der Welt anmutete. In einer Holzhütte ohne fließendes Wasser und elektrisches Licht bewirtete die Familie gelegentlich Freunde – bis 1955 das Filmteam von „Und ewig lockt das Weib“ in Saint Tropez eintraf. Madame de Colmont, eine hervorragende Köchin, stimmte zu, das 80-köpfige Filmteam zu versorgen. Mit dabei: Die 20-jährige Brigitte Bardot, Ehefrau des Regisseurs Roger Vadim, Curd Jürgens und Jean-Louis Trintignant. Die Familie bereitete der Filmcrew einen unvergesslichen Sommer. Die Schilderungen der Schauspieler lockten viele Schriftsteller, Künstler, Musiker und die, die es sein wollten, an das Stück Strand im Süden. Heute ist „Le Club 55“ eine Pilgerstätte für Prominente aus der ganzen Welt wie Elton John, Penelope Cruz, Kate Moss, Paris Hilton oder George Clooney.

Als wir vor zwei Jahren Freunde in Saint Tropez besuchten, fuhren wir alle gemeinsam in den „Club 55“. Wir saßen an den langen Tischen, die Kinder spielten im Sand, es gab Muscheln mit Fritten, einen großen Gemüseteller, Salat, Steak und Rosé. Wir saßen dort, bis die Gäste, die teure Liegestühle gemietet hatten, gegangen waren, und hatten den Strand zum Baden am frühen Abend fast für uns alleine.

Gleich neben dem Restaurant verkauft eine nette Dame Stühle, Dekoration und Strandbedarf: Handtücher mit dem Logo „Club 55“, Strandtücher – und natürlich Hüte in vielen Formen und Farben. Die Sonne ging schon fast unter, ich stopfte den Blümchenhut in die Tasche, spazierte mit Camilla am Strand entlang und dachte an meine ersten Ferien an diesem Strand. Es war der letzte gemeinsame und glückliche Sommer, bevor meine Eltern sich trennten und nie wieder ein nettes Wort übereinander verloren.

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