Interview

„Viele bemerken ihre Begabung erst mit 30“

Wie lebt man damit? Fragen an die stellvertretende Mensa-Vorsitzende Isabella Holz

Isabella Holz, 30, studierte Kommunikationswissenschaftlerin und 1,0-Abiturientin, ist stellvertretende Vorsitzende des Hochbegabtenvereins Mensa. Vom 19. bis zum 22. September vertritt Holz Deutschland auf dem internationalen Mensa-Treffen in Calgary, Kanada. Politisch engagiert sie sich in der FDP. Mensa verfügt über 10.000 Mitglieder in Deutschland und wurde am 21. September 1981 gegründet. Einziges Aufnahmekriterium ist ein IQ von und 130 und mehr. Für 49 Euro können Interessierte bei Mensa einen IQ-Test durchführen lassen.

Berliner Morgenpost:

Die Kinder, mit denen wir gesprochen haben, sprachen von Unverständnis, von mangelnder Förderung. Wie war das bei Ihnen?

Isabella Holz:

Es waren gemischte Erfahrungen. Lehrer müssen ausgebildet werden, um solche Thematiken zu erkennen. Bei mir persönlich ist es aber nicht erkannt worden. IQ-Tests, Hochbegabten-Züge von Klassen, das gab es bei mir nicht.

Sollen Hochbegabte mit normalen Schülern unterrichtet werden?

Hochbegabte können sich mitunter wohler fühlen, wenn sie in einer reinen Hochbegabten-Klasse schneller lernen können. Aber abschirmen sollte man sie nicht. Im Nachhinein hätte ich mir natürlich an meiner Schule mehr Förderung gewünscht, aber ein getrenntes Gymnasium, das weiß ich nicht.

Welche Förderung hätten Sich denn gewünscht? Sie haben doch ein Abitur von 1,0.

Ich hab mich manchmal einfach nicht wohlgefühlt mit den Klassenkameraden, weil wir nicht so zusammengepasst haben, weil wir vom Lerntempo unterschiedlich waren. Es gab auch keine Sonderkurse für Hochbegabte und daran, eine Klasse zu überspringen, hat auch niemand gedacht, meine Eltern auch nicht. Ich habe in 13 Jahren das Abitur gemacht.

Sie haben ihre Hochbegabung erst nach der Schulzeit herausgefunden, warum?

Das war eigentlich nur aus Neugier, ich wollte mit Mitte zwanzig meinen IQ testen lassen. Dann hab ich erst mal gegoogelt, wo man IQ-Test machen kann, und kam so zu Mensa.

Wenn man einigen Eltern von hochbegabten Kindern glaubt, fühlen sich Hochbegabung und die damit verbundenen Umstände auch so an, als sei man krank.

Die Probleme projiziert man auf das Phänomen. Bei Mensa war Ritalin aber noch kein großes Thema. Viele Hochbegabte wissen aber gar nichts von ihrer Begabung, die gehen ganz normal durchs Leben und stellen das erst mit dreißig fest.

Sollte man sich denn outen, wie es manche Psychologen fordern?

Gerade in Deutschland sind die Reaktionen sehr unterschiedlich. Manche haben das Klischee vom Nerd im Kopf, der Astrophysik studiert und soziale Defizite hat. Der anglo-amerikanische Kulturraum reagiert da viel positiver, wenn man so etwas erzählt. Das erzählt man dort proaktiv, ‚hey übrigens, ich bin hochbegabt’. Auch schreiben es dort Erwachsene mit in den Lebenslauf rein. Aber hier stellen wir uns Fragen, ob das Vor- oder Nachtteile mit sich bringt.

Was sind erste Anzeichen für Hochbegabung?

Pauschal lässt sich das nicht sagen. Aber der Klassenclown, der sich langweilt, ist ein klassisches Bild. Warum verweigern Kinder die Mitarbeit? Da sollten Lehrer genauer hinschauen. Aber eine klassische Checkliste gibt es nicht. Es gibt zwar IQ-Tests, die ab einem Alter von zweieinhalb bzw. drei Jahren eingesetzt werden können. Aber je jünger das Kind, desto fehleranfälliger das Ergebnis. Einigermaßen aussagekräftig sind IQ-Tests etwa ab dem Grundschulalter. Ab da kann man das feststellen. Zwei oder dreijährige Kinder müssen nicht getestet werden.

Wie hoch ist denn die Quote der überengagierten Eltern, die normale Kinder zu ihnen schickt?

Wir testen erst ab vierzehn Jahren. Es gibt natürlich solche Eltern. Aber es ist nicht die Mehrzahl. Durch die ADHS-Thematik in den letzten Jahren haben sich aber Menschen für unsere Intelligenz-Tests entschieden, weil sie wissen wollten, ob sie vielleicht hochbegabt sind.

Was sagen Sie denn zum Englisch-Frühkurs für 2-Jährige?

Würde ich nicht machen. Wenn das Kind kein Interesse zeigt, sollte es so was nicht machen. Die heutigen Stundenpläne mit Yoga-Englisch für drei- bis vierjährige, das ist eine komische Entwicklung. Kinder müssen Kinder bleiben.Das Gespräch führte Frédéric Schwilden