Dinge des Lebens

Ein Stück Kindheitsglück

My-Linh Kunst, 50 Jahre, Fotografin aus Berlin

Zu ihrem 50. Geburtstag hat My-Linh Kunst jede Menge Geschenke bekommen, die auf den ersten Blick mehr hermachten als das Päckchen ihrer Cousine Suzy. Aber kaum etwas bedeutet ihr so viel wie der schlichte Holzrahmen, in dem Suzy ein schwarz-weißes Kinderkleid aufgehängt hat. Ein Kleid, das My-Linh als Vierjährige bekam und so sehr liebte, dass sie es noch sechs Jahre später als Oberteil trug. Aber zugleich viel mehr ist als nur ein Lieblingskleid: Es ist das Einzige, was My-Linh aus ihrer Kindheit geblieben ist. Die Cousine hatte das Kleid damals aufgetragen. Und weil auch sie es so mochte, hob sie es all die Jahre auf. Bis sie es im Juni My-Linh zurückschenkte.

My-Linh Nguyen wurde 1963 in Vietnam geboren. Ihr Vater war ein erfolgreicher Unternehmer, politisch aktiv, mit besten Kontakten zu den Amerikanern in Saigon. Ihre Mutter hatte ebenso wie der Vater in den USA studiert, bevor sie Lehrerin wurde und die internationale Schule in Saigon gründete. Eine weltoffene Familie, in deren Haus internationale Gäste ein- und ausgingen. Der Vater ahnte, dass ihm als Vertrautem der südvietnamesischen Regierung bei einer Kriegsniederlage Schlimmes bevorstehen würde. „Als die nordvietnamesische Armee in Südvietnam einmarschierte, war klar, dass wir das Land verlassen müssen“, sagt My-Linh Kunst. Der Vater, der gerade geschäftlich in den USA war, organisierte ein Boot, auf dem seine Frau und die Kinder fliehen konnten. Ausreisepapiere hätten sie nicht bekommen. Die Fluchtpläne mussten geheim bleiben, „wir konnten uns nicht einmal von den Großeltern verabschieden.“ Und nichts einpacken. „Außer dem Gettoblaster meines Bruders“, sagt My-Linh Kunst und lacht. Der Teenager setzte sich über die Anweisung, nichts mitzunehmen, hinweg – und entschied sich ausgerechnet für den großen Rekorder. „Wir anderen hatten nur die Kleidung, die wir am Leib trugen.“

Ein Hausangestellter schickte wenig später zwei Fotoalben in die USA – alles andere blieb im Haus zurück. „Meine Eltern waren 45, als sie Vietnam verließen“, sagt My-Linh Kunst. „Als ich selbst 45 wurde, musste ich oft daran denken. In dem Alter hat man so einiges an Dingen angehäuft, die einem wichtig sind. Meine Eltern hatten in Saigon ein Wirtschaftsimperium. Und dann, mit 45, hatten sie nichts mehr.“

Unter den Bodenplanken des Fischerbootes versteckt, verließ My-Linh mit ihrer Familie Vietnam. Die 1000 Kilometer über das Meer bis nach Singapur, die zwei Wochen im dortigen Hafen, in denen sie das Boot nicht verlassen durften, all das erschien seltsam unwirklich. „Meine Mutter war unglaublich tapfer“, mehr erzählt My-Linh nicht über die Zeit, in der sie darauf warteten, US-Einreisepapiere zu bekommen. Jetzt erwies es sich als glückliche Fügung, dass My-Linhs ältere Schwester, die in Washington studierte, in New York City geboren war. Sie hatte einen amerikanischen Pass und konnte für ihre Familie bürgen. „Meine 18 Jahre alte Schwester rannte von Behörde zu Behörde, um die Papiere für uns zu organisieren.“

Nach zwei Wochen hatte sie es geschafft, die Familie durfte in die USA ausreisen. My-Linh weiß, wie viel Glück sie hatten: „Wir mussten nicht in einem Flüchtlingscamp leben, sondern konnten direkt in ein eigenes Haus ziehen.“ Außerdem hatten die Eltern rechtzeitig Geld in die USA gebracht, mit dem sie in der neuen Heimat ein Restaurant kauften, später betrieben sie „Food Courts“, Restaurant-Angebote in Einkaufszentren. „Sie haben sich neu erfunden“, beschreibt My-Linh das Leben ihrer Eltern in Washington. Der Vergangenheit nachzutrauern, lag den Nguyens fern. Die Kinder studierten an renommierten Universitäten, My-Linh wurde Unternehmensberaterin, später Fotografin. 1996 heiratete sie ihren Mann Matthias, mit dem sie seit 2008 in Berlin lebt.

Mindestens einmal im Jahr besucht sie ihre Eltern in den USA. „Dann reden wir auch über unser Leben in Vietnam“, erzählt sie. Bis auf den Vater haben sie alle das Land besucht, das bis 1975 ihre Heimat war. Aber mehr als ein paar flüchtige Erinnerungen fanden sie nicht. Nur von außen konnten sie das Haus ansehen, in dem My-Linh ihre Kindheit verbracht hatte und das heute der Regierung gehört. Ob es dort noch irgendetwas gibt, was früher in ihrem Besitz war, wissen die Geschwister nicht.

Aber jetzt gibt es das Kleid. „Du warst schon immer mein modisches Vorbild“, hat Suzy ringsherum geschrieben. Fröhlich-leichte Worte, die die Geschichte dahinter nicht erahnen lassen. Suzys Vater war Diplomat, die Familie lebte in Taiwan, als die Nordvietnamesen Saigon einnahmen: „Deshalb haben sie noch alle ihre Sachen“, sagt My-Linh. Vor einigen Jahren erinnerte sie sich an das Kleid, als sie im Fotoalbum blätterte. Um so größer die Enttäuschung, als Suzy es ihr damals nicht geben wollte. „Sie hatte längst vor, es mir zu meinem runden Geburtstag zu schenken.“ Jetzt hängt es in der Charlottenburger Wohnung, in der My-Linh Kunst mit ihrem Mann und den acht und elf Jahre alten Söhnen lebt. In ihrem Badezimmer – nicht, weil sie keinen anderen Platz gefunden hätte, sondern weil „dieser Ort nur mir gehört“. So wie das Kleid aus ihrer Kindheit.

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