Mamas & Papas

Oberschlaue Kinder von noch schlaueren Eltern

Wir sind eine kommunikative Familie. Unsere Freundschaften pflegen wir mit handgeschriebenen Notizen, solange Weihnachtskarten aus dem Spiel bleiben. Gästebücher, Bildbände, CD-Hüllen – nichts bleibt bei uns ungewidmet.

Ist doch schön, wenn man in 30 Jahren den überschwemmten Keller ausräumt, das durchweichte Poesiealbum aus der Grundschule findet und gerade noch erkennen kann, dass mit dem Füller über der Linealkante geschrieben worden war. Die Texte sind nicht zu entziffern und doch altbekannt. Waren ja nur drei zur Auswahl.

Modell eins: „Mach’ es wie die Sonnenuhr, zähl’ die heiteren Stunden nur.“ Modell zwei: „Rosen, Tulpen, Nelken, alle drei verwelken. Aber wie das Immergrün soll stets unsere Freundschaft blüh’n.“ Modell drei: „Wenn der Kindheit frohe Tage hinter uns einst liegen weit, dieses Blättchen soll dir sagen: Schön war unsere Jugendzeit.“

Kunst war das nicht, aber es reimte sich immerhin.

Außerdem war auf den weißen Seiten eiserner Gestaltungswille gefragt. Ich habe früher immer oben links eine Sonne in die Ecke gemalt, als optimistische Kernbotschaft. Dass sich Sprüche und Ecksonnen wiederholten, gehörte zum Prinzip Poesiealbum.

Die neue Generation dieser Bücher ist weitaus weniger poetisch, dafür mit verschärftem Originalitätsdruck versehen. Statt besinnlicher Sprüche ist heutzutage eine Liste mit 20 Fragen abzuarbeiten. Und weil wir alle so furchtbar individuell sind, sollte sich natürlich keine Antwort wiederholen. Wenn also schon jemand vor uns „Sloterdijk“ als Lieblingsautoren angegeben hat, müssen wir uns was Neues ausdenken. Gar nicht so leicht. Hegel, Kant und Safranski sind auch schon weg. „Lothar Matthäus“ sei doch lustig, schlage ich der Chefin vor. Verhaltene Begeisterung.

Beim Stöbern durch die bisherigen Einträge ist mir schwummerig geworden. Bei „Lieblingsfilm“ hat Hannes „Fahrenheit 451 von Truffaut“ notiert, fehlerfrei. Ein Wunderkind offenbar, cineastisch hochbegabt, und mit Geduld für 90 Minuten am Stück gesegnet. Warum haben alle anderen Eltern solche Kinder, nur wir nicht?

Oder ist da was faul? Ich halte die Seite gegen das Licht. Man muss nicht bei der NSA sein, um zu entdecken, dass da eine Mutter offenbar versucht hat, Kinderschrift zu imitieren. Womit sich „Krieg und Frieden“ bei „Lieblingsbuch“ erklärt hätte und Mark Twains Klassiker „Trenne dich nicht von deinen Illusionen. Wenn sie verschwunden sind, wirst du weiter existieren, aber aufgehört haben zu leben.“ Hektisches Blättern. Aha. Fast überall waren Erwachsene am Werk gewesen und hatten ihr Bild vom idealen Kind niedergeschrieben. Und was sollen wir machen? Die Chefin tendiert zu Marie Curie, Hans Fallada und Mstislaw Rostropowitsch. Ich gehe unauffällig googlen.

Beim Abendbrot dann das finale Strategiegespräch. Während die Chefin was von „Effi Briest“ und „Platon“ murmelt, besteht Hans auf einen Spruch von Darth Vader.

Spitzenidee: Wir lassen einfach unser Kind den Fragebogen ausfüllen. Aber erst mal nur mit Bleistift bitte. Und nicht so fest aufdrücken. Vielleicht müssen die Eltern ja doch noch mal korrigierend eingreifen.

Nächste Woche schreibt an dieser Stelle wieder Sandra Garbers.