Sprechstunde

Hat unser Vater eine Erbschleicherin geheiratet?

Mein Vater ist 85 Jahre alt. Er hat vor zwei Jahren eine Frau aus Rumänien geheiratet, die 40 Jahre jünger ist als er. Sie hatte ihm in seinem Haushalt geholfen. Ich habe noch eine Schwester. Wir beide sind uns sicher, dass die Frau unseren Vater ausnehmen will. Der Vater lebt in einem großen Haus in Zehlendorf, das er gemeinsam mit unserer Mutter aufgebaut hat. Unsere Mutter ist vor fünf Jahren gestorben. Außer dem Haus gibt es wohl nicht viel Vermögen. Kann uns die neue Frau das Haus wegnehmen, oder können wir etwas dagegen tun?

Renate F., Charlottenburg

Es ist nachvollziehbar, dass Sie sich Sorgen machen, wenn Ihr Vater eine wesentlich jüngere, für Sie völlig fremde Frau geheiratet hat. Wenn Sie keine konkreten Hinweise haben, können Sie aber nicht automatisch davon ausgehen, dass die Frau nur auf das Vermögen Ihres Vaters aus ist. Eine solche Ehe, wie Sie sie beschreiben, kann durchaus auf gegenseitiger Zuneigung beruhen. Vermutlich verspricht sich Ihr Vater auch davon, im Alter gut versorgt zu sein.

Wenn Ihr Vater noch nicht an Altersdemenz leidet, sondern Herr seiner Sinne ist, dann wird man hoffen dürfen, dass er sich nicht übervorteilen lässt. Ihre Sorge muss aber nicht unbedingt bei der Frau ansetzen, die Ihr Vater geheiratet hat, sondern möglicherweise bei Ihrem Vater selbst. Es kann sein, dass Ihr Vater seinen beiden Kindern das Erbe entziehen möchte, das Sie erwarten. Eine Verringerung Ihrer Erbansprüche hat die Hochzeit sogar ganz automatisch zur Folge.

Es kann sein, dass Ihrem Vater das Haus in Zehlendorf immer ganz alleine gehört hat. Dann kann er darüber auch alleine verfügen. Möglicherweise hat das Haus aber auch Ihren Eltern gemeinsam gehört, und Ihr Vater hat aufgrund eines Berliner Testaments von seiner Frau deren Anteil geerbt. Dann sind vermutlich in dem Testament Sie und Ihre Schwester bereits als Erben nach dem Tod Ihres Vaters eingesetzt, und das kann nicht mehr geändert werden. In beiden Fällen steht jedoch der neuen Frau beim Tod des Vaters etwas zu. Das hat Ihr Vater durch die Eheschließung möglicherweise beabsichtigt.

Wenn es kein gemeinschaftliches Testament Ihrer Eltern gibt, dann erbt die neue Frau beim Tode Ihres Vaters die Hälfte seines Vermögens und die beiden Kinder jeweils ein Viertel. Ihr Vater könnte sogar ein Testament machen und seine Frau zur alleinigen Erbin einsetzen. In diesem Fall stünde Ihnen nur ein Pflichtteil zu in Höhe von jeweils einem Achtel des Nachlasswertes. Wenn es allerdings das gemeinsame Berliner Testament mit Ihrer Mutter gibt, dann wird sich durch die Eheschließung und das Testament an der Erbfolge nichts mehr ändern. Dann werden Sie und Ihre Schwester alleine den Vater beerben.

In allen Fällen wird die Frau Ihres Vaters aber zumindest einen Pflichtteilsanspruch haben. Das ist der Anteil am Erbe Ihres Vaters, der ihr nicht genommen werden kann. Pflichtteil ist ein Geldzahlungsanspruch, den Sie als Erbinnen erfüllen müssten. Möglicherweise wird Ihr Vater außer dem Haus nicht genügend Vermögen hinterlassen, um damit den Pflichtteilsanspruch zu erfüllen. Dann würde Ihnen wohl nichts anderes übrig bleiben, als das Haus zu verkaufen.

Der Pflichtteilsanspruch ist ein gesetzlicher Anspruch der Witwe, der allein auf der Eheschließung beruht. Vor diesem Anspruch schützt nicht einmal das Berliner Testament der Eltern. Die neue Frau ist durch die Heirat Teil Ihrer Familie geworden, und sie hat dadurch diesen nicht entziehbaren Anspruch beim Tod ihres Mannes. Es gibt nichts, was Sie dagegen unternehmen könnten.

Selbst wenn Sie Sorge haben, ob Ihr Vater wirklich in freier Selbstbe-stimmung die Ehe geschlossen hat, ergeben sich für Sie daraus keine Möglichkeiten. Die Ehe ist wirksam, solange sie nicht von einem Gericht aufgehoben worden ist, und Sie als Kinder haben nicht das Recht, die Aufhebung zu beantragen.

Haben auch Sie eine Frage zum Familien- oder Erbrecht? Dann schreiben Sie an familie@morgenpost.de . Unser Rechtsexperte Dr. Max Braeuer beantwortet Leserfragen in loser Folge in seiner Kolumne an dieser Stelle. Ein Anspruch auf Beantwortung besteht nicht.

Dr. Max Braeuer ist Rechtsanwalt und Notar bei Raue LLP und Lehrbeauftragter für Familienrecht