Dinge des Lebens

Das Spielzeug meiner Mutter

Gerlinde Voß, 63 Jahre, Rentnerin aus Zeuthen

Gerlinde Voß ist eine Frau, die die schönen Dinge des Lebens zu schätzen weiß. Kunst, Literatur, Musik, interessante Begegnungen mit anderen Menschen: Das sind Dinge, die ihr Herz berühren. Und nicht selten sind es die ganz kleinen Sachen, von denen sie sich besonders bereichert fühlt. Auch wenn sie nur so groß sind wie ein Daumennagel.

Mit glänzenden Augen holt Gerlinde Voß ihr altes Puppen-Zinnservice aus der Vitrine. Tässchen, Kännchen, kleine Schalen, ein Milch-und-Zucker-Ensemble en miniature: Zu Recht beschreibt die 63-Jährige das Service als „zauberhaft“. „Einige Jahre nach ihrer Geburt im Jahr 1921 bekam meine Mutter das Spielzeug von ihren Eltern geschenkt“, erzählt sie. „Wie viel es ihr bedeutete, kann ich sie schon lange nicht mehr fragen, und was sie früher darüber erzählte, weiß ich leider nicht mehr.“ Doch welchen Wert es für sie selbst hat, darüber berichtet sie gern.

Die Mutter, die vor 14 Jahren verstorben ist, überließ das Puppenservice ihrer Tochter Gerlinde bereits Anfang der 50-er Jahre für ihre Puppenstube. Dass es noch so gut erhalten ist, liegt wohl auch daran, dass die Puppenstube nebst Geschirr immer nur an den Weihnachtstagen hervorgeholt wurde. „Die Stube hatte ein Esszimmer mit einem großen, schwarzen Tisch, hochlehnigen Stühlen, einem Buffet und einer Standuhr“, schwärmt Gerlinde Voß. „Es war sehr stilvoll und vornehmer, als es bei uns zu Hause war.“ Auch an Details kann sie sich noch genau erinnern: „Über den Fenstern waren Messing-Gardinenstangen mit weißen Spitzenschals und auf dem Tisch eine feine Spitzendecke. Darauf habe ich dann das Service eingedeckt, wenn ich gespielt habe, dass Besuch kommt.“

Die Tochter akzeptierte, dass das Puppenhaus immer nur für wenige Tage im Jahr zur Verfügung stand. Im Rückblick kann sie es sogar noch besser verstehen. „Es steigerte die Vorfreude auf Weihnachten und strich die Besonderheit der Puppenstube heraus. Ich fühlte mich immer richtig geehrt, dass ich mit so etwas Einzigartigem spielen durfte.“ Und im Sommer, da habe man im Dorf sowieso andere Dinge zu tun gehabt. „Da haben meine jüngere Schwester und ich mit den anderen Kindern aus Maiberg draußen gespielt.“

Maiberg ist heute ein Stadtteil von Cottbus, in Maiberg verbrachte Gerlinde Voß ihre Kindheit. Der Vater unterrichtete in der Dorfschule alle Jahrgänge und Fächer, die Mutter war ebenfalls Lehrerin. Sehr streng sei die Erziehung gewesen: „Wir Lehrerkinder mussten das Vorbild sein für alle anderen Kinder im Dorf.“ Gleichzeitig sei es im Haus aber auch immer lebendig zugegangen. „Meine Eltern liebten Kunst und Kultur, wir machten häufig Hausmusik. Und die Tür stand immer offen, wir hatten viel Besuch.“ Das schöne Eindecken des Tisches für Gäste: Das hatte sich die kleine Puppenmutti Gerlinde von ihrer Mutter abgeschaut. „Ich finde das gut, denn es zeigt, dass man sich freut“, sagt sie. Auch, dass man anderen Menschen freundlich begegnet und sich um sie sorgt und kümmert, hat Gerlinde Voß von ihren Eltern gelernt. Bis heute ist sie ihnen dafür dankbar, denn aus dieser Lebenseinstellung schöpft sie selbst Kraft.

Vielleicht befremdete es die Familie auch deshalb so, dass man ihr Angebot, das Zinnservice einer größeren Öffentlichkeit zu präsentieren, rüde ausschlug. Es war Mitte der 60-er Jahre. Die Puppenstube und das andere Spielzeug von Gerlinde waren längst an die jüngeren Kinder anderer Familien aus dem Dorf weitergegeben worden. Nur das Zinnservice war nicht mitverschenkt worden. Die Eltern kannten die Ausstellung der Zinnsammlung des Dresdner Zwingers und hatten darin keine vergleichbaren Objekte gesehen. Deshalb wollten sie, dass auch andere Menschen das Puppengeschirr anschauen und sich daran freuen können. Gerlinde war zwar traurig, dass das einzig verbliebene Spielzeug der Kindheit auch aus dem Haus sollte. Doch sie verstand die Idee dahinter und war auch ein bisschen stolz. So schickten die Eltern das Puppenstubengeschirr sorgsam verpackt dem Zinn-Kabinett mit der Offerte, es für die Ausstellung zur Verfügung zu stellen.

Lange kam keine Antwort. „Darauf fragten meine Eltern in Dresden nach und baten um Rücksendung, falls es kein Interesse gäbe“, erzählt Gerlinde Voß. „Nach einigen Wochen kam das Päckchen zurück, noch immer so verpackt, wie es hingeschickt worden war. Niemand hatte sich die Mühe gemacht, auch nur nachzuschauen, welch kleine Kostbarkeit kostenfrei angeboten worden war.“ Dafür habe keiner aus der Familie Verständnis gehabt. „Aber ich war glücklich darüber, diese Lieblingsstücke wiederzuhaben.“

Die Werte, die Gerlinde Voß mit dem Spielzeug ihrer Kindheit verbindet, hält sie bis heute lebendig. Sorgen teilen, Glück teilen: Das ist ihr wichtig. Die gelernte Lehrerin, die in ihrer Berufszeit als Organisatorin von Schüleraustauschen, als Medienforscherin, als Mieterbetreuerin und als Mitarbeiterin eines Betriebsrats arbeitete, engagiert sich heute als Vorleserin in Seniorenwohnheimen. Auch die Serie „Dinge des Lebens“ will sie dort präsentieren und so die alten Menschen motivieren, über ihr eigenes Leben und die wichtigen Dinge darin zu reflektieren.

Wenn Gerlinde Voß ihr eigenes „Ding des Lebens“ betrachtet, packt sie immer auch etwas Wehmut. Denn Kinder, an die sie das Puppenservice hätte weitergeben können, haben sie und ihr Mann nicht. „Vielleicht finde ich noch einmal jemanden, der es genauso schätzen kann wie ich“, überlegt sie. Inzwischen braucht Gerlinde Voß das Kleinod nämlich eigentlich nicht mehr. Das, wofür die Puppenstube stand, hat sie sich längst in echt geschaffen. In ihrem Leben – und ganz real: In ihrem Wohnzimmer stehen hochlehnige, schwarze Stühle, ähnlich denen, die sie einst in ihrer Puppenstube so bewundert hatte. Auch die feine weiße Tischdecke fehlt nicht. Darauf eine Schale und ein Kerzenständer – natürlich aus Zinn.

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