Partnerschaft

Alles fügt sich

Wenn Paare sich trennen, bedeutet das nicht das Ende des Familienlebens. Doch der Alltag und die Gefühle müssen sortiert werden

Konstantin* strahlt. Man kann es durch die Telefonleitung nicht sehen, aber hören. Glücklich klingt er, und das spricht er auch offen aus. „Endlich lebe ich“, sagt der 50-Jährige. „Ich lebe jetzt so, wie ich es immer wollte.“ Wenn er im Garten sitze, so wie jetzt gerade im Urlaub in Skandinavien, freue er sich des Lebens. Über seine neue Beziehung. Auf viele Enkel. „Dass meine Ex-Frau damals, vor sechs Jahren, einen neuen Mann kennengelernt hat, ist im Nachhinein wie ein Lottogewinn“, sagt er. „Ich hätte es vielleicht bis heute nicht geschafft, mich von ihr zu trennen. Obwohl schon lange nichts mehr gestimmt hatte.“

Fünf Jahre ist es her, dass Konstantin und seine damalige Ehefrau auseinander gegangen sind. Die gemeinsamen Töchter waren 14 und zehn Jahre alt. Vor der Trennung hatte es viel Streit gegeben, Verzweiflung, eine Paartherapie, Versuche, sich zu versöhnen. Nichts hatte geholfen. „Doch verlassen konnte ich sie auch nicht“, sagt Konstantin. „Ich hatte Angst, meine Töchter kaum mehr zu sehen. Ich wollte das Familienleben nicht zerstören.“ Heute hat Konstantin mehr Familienleben denn je. Gemeinsam mit seiner neuen Freundin, einer Mutter von zwei Kindern, hat er vier Kinder. Man sieht sich regelmäßig. Weihnachten wird in der Patchworkfamilie gefeiert, in dem alten Haus, in dem er mit seiner Ex-Frau gewohnt hatte. Mit den Ex-Schwiegereltern, den Geschwistern der Ex-Frau, der Ex-Frau, den Kindern. Und der neuen Freundin.

Konstantins Geschichte ist eine Geschichte, die Mut macht. Mut, eine Entscheidung zu treffen, die viele immer noch mit einem Scheitern gleichsetzen. Trennung, Scheidung: Diese Schritte gelten gemeinhin als Ende eines glücklichen Familienlebens, als Zerstörung eines Lebensentwurfs, der doch eigentlich halten sollte, bis dass der Tod die Liebenden scheidet. „Eine Trennung ist kein Scheitern“, sagt dagegen die Autorin Jutta Martha Beiner. „Sie ist auch nicht das Ende, auch wenn es sich für manche in der ersten Zeit so anfühlen mag.“

Ihr Ratgeberbuch trägt einen provokativen Titel: „Mut zur Trennung“ heißt er. Das meine sie nicht als Aufruf, Beziehungen vorschnell zu beenden, betont sie. Sondern dann, wenn es unabwendbar geworden sei. Trennungen und Abschiede, sagt Jutta Martha Beiner, seien ein natürlicher Teil des Lebens und Krisenzeiten sogar häufig notwendig, um die eigenen Potenziale zu erkennen und zu nutzen.

Konstantin kann das bestätigen – auch wenn sein Weg zunächst sehr schmerzvoll verlief. Der Künstler aus Berlin kam 1992 mit seiner Ex-Frau, einer Managerin, zusammen. „Sie ist ein nüchterner, gefühlspragmatischer Typ“, erzählt er. „Sie hatte ihr Leben im Griff, ich brauchte damals Halt, das passte gut“, sagt er. 1993 heirateten die beiden, weil das erste Kind unterwegs war. Doch schon damals hatte Konstantin Zweifel. „Ich bin sensibel und gefühlvoll“, beschreibt er sich selbst. „Ich hatte das Gefühl, dass sie über alles rübergeht, was mir wichtig ist, dass sie mich nicht respektiert. Doch sie war so stark, ich konnte mich nicht wehren. Sie mäkelte an mir herum, ich flüchtete.“

Auch über das Familienleben gab es unterschiedliche Vorstellungen, wie sich schnell herausstellte. Doch vor allem die Beziehung selbst war es, an der Konstantin litt. „Eines Tages brachte ich die Kinder zur Schule, es war noch dunkel draußen“, beschreibt er eine einschneidende Szene. „Ich sah auf dem Weg ein altes Ehepaar im Licht an ihrem Küchentisch sitzen und empfand tiefe Verzweiflung. Denn schlagartig wurde mir klar: Das kann ich mir mit meiner eigenen Frau im Alter nicht vorstellen.“ Konstantin bekam Migräne, später sogar Depressionen. Trennen konnte er sich trotzdem nicht. Und als seine Ex-Frau später den Schritt wagte, ging es ihm zunächst kaum besser. „Ich war fix und alle, wütend, verletzt in meinem Stolz, weil da ein anderer Mann war, den meine damalige Frau bevorzugte.“

Er fühlte sich befreit

Doch ab einem bestimmten Punkt, sagt Konstantin, habe er plötzlich Befreiung empfunden. Er schaffte es, zu dem zu stehen, was er fühlt, egal was andere denken. Und es auch umzusetzen. „Ich bin an der Krise sehr gewachsen“, sagt er. „Ich nehme mich selbst und meine Bedürfnisse heute wichtiger, ich bin viel mehr bei mir.“ Wahrscheinlich, sagt er, habe er sogar durch diese Phase gehen müssen, um eine solch erfüllende Beziehung führen zu können, wie er es jetzt tue. „Durch die Trennung habe ich gelernt, was ich wirklich brauche.“

Rund 180.000 Scheidungen gibt es pro Jahr in Deutschland. Die Zahl der gescheiterten Beziehungen ohne vorherige Eheschließung ist um ein Vielfaches höher. Ob alle Menschen danach glücklicher sind als vorher, lässt sich kaum statistisch erfassen. Doch die Gefühle, die mit einer Trennung verbunden ist, sind zunächst selten angenehm.

Kerzengerade, die Hände auf dem Tisch gefaltet, sitzt Johanna* in ihrer Spandauer Wohnung. Ihre braunen Augen schauen wachsam. Über das Thema Trennung soll sie reden, das ist ein schwieriges Thema, obwohl die 49-Jährige mittlerweile so etwas wie eine Expertin dafür ist. Vier wichtige Männern in ihrem Leben zählt sie auf. Manchmal hat Johanna die Initiative zur Trennung ergriffen, manchmal wurde ihr die Partnerschaft aufgekündigt. Doch eines, hat Johanna gelernt, ist bei jeder Trennung gleich: das große Leid, das mit einem solchen Einschnitt verbunden ist. „Entweder man verletzt einen anderen Menschen oder man ist selbst voller Schmerzen“, sagt sie. Und auch wenn man es schon häufiger erlebt habe: „An Trennungen“, sagt Johanna, „kann man sich nicht gewöhnen.“

Mit keiner Trennung hat sich die Informatikerin leicht getan. Vor allem nicht mit der ersten, als ihre heute erwachsene Tochter acht Jahre alt war. „Ihren Vater habe ich während des Studiums in der DDR kennengelernt“, erzählt sie. „Er kam aus Polen, ich aus der ehemaligen Sowjetunion. Wir waren beide auf der Suche nach dem besseren Leben. Aber ich, ich hatte wohl mehr Energie und Ehrgeiz“, sagt sie. Daran scheiterte letztlich die Beziehung. Das Paar heiratete 1985, als Johanna schwanger geworden war. Heimlich, denn Eheschließungen und Familiengründungen mit Ausländern waren der damaligen Sowjetbürgerin unter Strafe verboten. Sie musste dennoch zurück nach Kiew. 1987 traf sich das Paar in Polen wieder. Man lebte bei den Eltern des Mannes in ärmlichen Verhältnissen, und seine erzkatholische Familie machte keinen Hehl daraus, dass die atheistisch erzogene Johanna nicht wohlgelitten war.

Mit aller Kraft organisierte die junge Frau in den nächsten beiden Jahren für die kleine Familie ein neues Leben und eine Arbeit in West-Berlin. Doch dabei blieb die Partnerschaft auf der Strecke. „Mein Mann stand zwischen mir und seinen Eltern“, erzählt sie. „Ich musste alles allein machen, nie hatte ich eine Stütze.“ Auch später, als sie eine gemeinsame neue Existenz in Polen plante, weil die Aufenthaltserlaubnis in Deutschland ablief, zog er nicht mit. Ein Träumer sei der Vater ihrer Tochter. Bequem, interessiert am Vermeiden von Schwierigkeiten und Konflikten. Daher habe er auch nie gehandelt, obwohl sie mehrfach betont habe, dass sie ihn verlassen werde, wenn sich nichts ändern würde. Johanna sagt es ohne Vorwurf. Mit einem leisen Lächeln. Doch, lieb und nett sei er, ihr Ex-Mann, das auf jeden Fall. Auch nach der Scheidung 1995 habe man Kontakt gehalten und sogar häufig gemeinsam mit der Tochter etwas unternommen.

Eine Bilderbuch-Trennung? Nicht wirklich. Zunächst war es für Johanna nicht leicht: Sie hatte Gewissensbisse, weil sie ihren Mann verlassen hatte und mit einem neuen Partner glücklich war. Gleichzeitig war sie wütend, dass sie finanziell allein für die Tochter aufkommen und ihren Alltag organisieren musste, während der Vater die schönen Dinge wie Radtouren und Besuche in der Eisdiele übernahm. Von Freunden fühlte sie sich allein gelassen. Und der neue Mann verabschiedete sich nach zwei Jahren von ihr. Eine Trennung, die sie fast noch mehr schmerzte als der Abschied vom Vater ihrer Tochter: „Er war die große Liebe meines Lebens.“

Enttäuschung, Trauer, Wut, Existenzängste: Sigrid Lutter kennt all diese Gefühle, die mit einer Trennung verbunden sind. Sie leitet in Tempelhof eine der Berliner Selbsthilfegruppen für Menschen in Trennungs- und Scheidungssituationen. Seit zehn Jahren bietet die Sozialpädagogin die Treffen an; derzeit hat ihre Gruppe rund zehn Teilnehmer. „Es geht bei uns in erster Linie darum, belastende Themen loszuwerden. Die anderen hören zu, ohne zu unterbrechen. Manchmal geben sie auch Ratschläge“, sagt Sigrid Lutter, deren Engagement aus eigener Betroffenheit entstanden ist. Aber vor allem das Zuhören sei wichtig. „Selbst die besten Freunde und die Familie halten die Gespräche über die Trennung nur begrenzt durch. Die sagen nach drei bis vier Wochen: ‚Nun reicht es, reiß‘ dich zusammen.’“

Reden hilft

Anders die Reaktion der anderen Betroffenen. Weil sie sich selbst gerade in einer ähnlichen Situation befinden, bringen sie Verständnis und Geduld auf. Allein durch ihr Zuhören vermitteln sie ein Gefühl des Angenommen-werdens. „Und durch die Schilderungen der anderen Teilnehmer erfahren die Betroffenen, dass sie nicht allein sind und nicht ‚unnormal‘ reagieren, sondern nur Zeit für die Verarbeitung der Situation brauchen“, sagt Sigrid Lutter. Das baue nicht zuletzt das Selbstwertgefühl wieder auf. „Viele Teilnehmer sind am Boden, wenn sie zu uns stoßen. Sie sehen das Leben und sich selbst nur noch negativ.“ Nach zwei, drei Jahren verließen die meisten Teilnehmer die Gruppe wieder. Dann fühlten sie sich gefestigt.

Teilweise ergeben sich in Trennungsgruppen Freundschaften, die Unterstützung und Halt auch abseits der Gruppentreffen bieten. Alle Getrennten sind willkommen: Egal, ob sie 30 Jahre verheiratet waren, sogar gemeinsame Kinder haben, oder mit dem Ex-Partner noch nicht einmal eine Wohnung geteilt haben. Lutter selbst nimmt bei den Treffen auch immer wieder neue Erkenntnisse mit. „Man kann viel über seine eigenen Fehler und Muster lernen, denn man bekommt immer wieder den Spiegel vorgehalten.“

Beide bleiben Eltern

Wohl am schwierigsten ist eine Trennung, wenn das Zerbrechen der Paarbeziehung gleichzeitig das Ende der klassischen Vater-Mutter-Kind-Familie bedeutet. Im Jahr 2012 waren allein bei den 179.147 registrierten Scheidungen 143.022 minderjährige Kinder betroffen. Bis in die 1980-er Jahre wurde eine Scheidung juristisch noch als Auflösung der Familie bewertet. Heute spricht man von einer „Umstrukturierung des familiären Systems“. Seit 1997 gilt die gemeinsame elterliche Sorge als Regelfall. „Zum Glück, denn die Kinder brauchen Nähe zu beiden Elternteilen“, sagt Trennungsexpertin Jutta Martha Beiner. „Daher ist es auch wichtig, dass sich Mutter und Vater weiter austauschen und einen freundlichen Kontakt pflegen.“ Das und die Organisation des neuen Zusammenlebens ist eine individuelle Herausforderung für jede Familie. Auch, weil nicht nur bei den Eltern, sondern auch bei den Kindern viele Gefühle mitspielen.

Johannas Tochter war bei der Trennung ihrer Eltern noch in der Grundschule. „Für sie war es sehr schlimm“, sagt Johanna. „Sie lebte bei mir, war sehr bockig. Meine Beweggründe hat sie damals nicht verstanden. Sie war noch so klein, ihr Papa der Beste.“ Da habe es auch nicht geholfen, dass sie ihren Vater jederzeit sehen konnte und sich ihr neuer Partner sehr engagiert habe. Er fuhr das Mädchen zum Ballett, zu Freundinnen, unterstützte die Mutter.

Auch Konstantin und seine Ex-Frau hatten entschieden, dass der Lebensmittelpunkt der Töchter bei der Mutter sein sollte. Dennoch durfte die Ältere, die heute 19 Jahre alt ist, teilweise monatelang beim Vater leben. Den neuen Partner der Mutter könne sie nicht leiden und die Liebe der Mutter nicht spüren, sagte sie zum Vater und erklärte eines Tages: „Eure Trennung war der schlimmste Tag in meinem Leben.“ Das tat weh. Dennoch zweifelte Konstantin nicht an seiner Entscheidung. Er wollte seinen Kindern nicht die Last auferlegen, an der er selbst lange zu tragen hatte. Als er 19 oder 20 Jahre alt gewesen sei, erzählt Konstantin, habe seine eigene Mutter zu ihm gesagt: „Wenn ihr Kinder nicht gewesen wärt, hätte ich mich längst getrennt.“

Im Nachhinein haben sich die Kinder mit der Trennung ihrer Eltern versöhnt. Johannas Tochter ist heute 27 Jahre alt und selbst verheiratet. Sie sagt, dass sie ihre Mutter mittlerweile verstehe und an ihrer Stelle wohl genauso gehandelt habe. Johanna schaut erleichtert. Auch Konstantins ältere Tochter sieht die Situation mittlerweile positiver. „Dennoch packt mich Wehmut, wenn ich eine glückliche klassische Familie sehe“, sagt der Vater. Zugleich ist er jedoch dankbar für das, was ist. Genauso wie Johanna. „Liebe kann man nicht erkämpfen, das musste ich lernen“, sagt sie. Doch sie erfuhr: Wie tief die Wunden nach einer Trennung auch erscheinen – sie können heilen und etwas Neues kann beginnen.

Als Johannas Ex-Mann nach der Trennung mit seiner neuen Freundin in den Urlaub nach Ägypten fuhr, brachte er ihr einen goldenen Anhänger mit, darin eingraviert ihr Name in Hieroglyphen. Ein Zeichen des Loslassens – und der Versöhnung. Johanna lächelt. Sie trägt den Anhänger noch heute.

* Namen geändert