Partnerschaft

„Man muss raus aus der Opferrolle“

Buchautorin Jutta Martha Beiner plädiert für Aufrichtigkeit – auch wenn diese zur Trennung führt

Rund 180.000 Ehen werden jährlich geschieden. Besonders viele Beziehungen gehen nach den Ferien in die Brüche. Warum das so ist und weshalb eine Trennung die bessere Lösung sein kann, beantwortet Jutta Martha Beiner, Autorin des Ratgebers „Mut zur Trennung“, im Gespräch mit Beatrix Fricke. Beiner ist Expertin für Gesundheitsthemen. Drei Wochen nach ihrer eigenen Scheidung wanderte sie mit ihrem damals 13-jährigen Sohn nach Norwegen aus, wo sie bis heute lebt.

Berliner Morgenpost:

Stress statt Erholung, Trennung statt Auftanken für den Alltag: Warum ziehen so viele Paare nach dem Urlaub einen Schlussstrich?

Jutta Martha Beiner:

Ich kann das nur vermuten. Wahrscheinlich liegt es daran, dass man im Alltag prima nebeneinander herleben kann. Da gibt es den Beruf, Freunde, Hobbys. Wenn man nicht will, muss man sich nicht sehen, und es fällt nicht einmal auf. Im Urlaub geht das nicht. Plötzlich wird die Krise offensichtlich.

„Mut zur Trennung“ – das ist ein provokativer Buchtitel. Wie meinen Sie diesen Aufruf genau?

Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich meine das nicht als Aufforderung, sich zu trennen. Doch wenn eine Beziehung am Ende ist, sich überlebt hat, dann sollte man Mut entwickeln – den Mut, einen womöglich längst überfälligen Schritt zu tun. Mutig sein bedeutet, seinen eigenen Wünschen und Überzeugungen treu zu bleiben und ihnen zu folgen. Nicht umsonst ist „mutig“ ein Synonym für „beherzt“. Wer mutig ist, folgt seinem Herzen, egal, was andere denken. Und das kann auch in einer Trennung münden.

Woran merkt man, dass es Zeit ist loszulassen?

Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass man sich sehr schwer mit einer Trennung tut, gerade, wenn Kinder mit im Spiel sind. Und das ist auch gut so, denn es braucht diese Phase des Abwägens. Natürlich ist auch jeder mal vom anderen genervt und frustriert, das ist ja ganz normal. Aber wenn der Verdruss dominant geworden ist, dann ist es Zeit zu gehen.

Was heißt das konkret?

Es ist hilfreich, sich folgende Fragen zu stellen: Bin ich in der Beziehung produktiv? Fühle ich mich belebt? Erfreut? Oder gibt es nur noch Vorwürfe? Ganz davon abgesehen, dass das destruktiv ist – es ist auch ungesund. Feindseligkeit macht Stress, Verdrängung macht krank. Und wer seine dunklen Gefühle dann auch noch am anderen auslässt, zettelt einen Krieg an, bei dem es keinen Sieger geben kann. Das Einzige, was dann noch hilft, ist, das in die Welt zu bringen, was ich mir wünsche.

Muss das zwingend in einer Trennung enden? Kann nicht auch einer allein die Beziehung retten?

Nein. Eine solche Annahme halte ich sogar für gefährlich. Sie stimmt genauso wenig wie die Behauptung, dass einer allein die Schuld am Scheitern einer Beziehung haben könnte. Ich habe nur Macht über mich selbst, nicht über den anderen.

Eine Trennung bedeutet nicht nur den Abschied von einer Person, sondern auch von einem Lebensentwurf, gerade, wenn man in einer Familie lebt. Was kann in dieser Zeit helfen, sich zu sortieren und neue Perspektiven zu entwickeln?

Da stelle ich mal eine Gegenfrage. Warum haben wir überhaupt diese Bilder im Kopf, wie eine schöne, heile Familie auszusehen hat? Fakt ist: Täglich nehmen wir 50.000 Bilder unbewusst wahr. Wir werden also permanent manipuliert. Das führt dazu, dass wir uns schlecht und mangelhaft fühlen, wenn wir nicht den herrschenden Bildern entsprechen. Dabei hört doch die Familienebene nach einer Trennung nicht auf. Ich bin dankbar, dass es inzwischen den Begriff der „Nachscheidungsfamilie“ gibt. Und ich bin überzeugt: Wenn die Bedürfnisse der Kinder erfüllt sind, gewöhnen sie sich schnell an die neuen Umstände.

Sie plädieren dafür, die Vorteile einer Trennung zu sehen. Das ist in der Krise aber schwierig…

Ich werbe nicht dafür, die Trauer beiseite zu drängen oder sich abzulenken, im Gegenteil. Es ist sinnvoll, sich den typischen vier Phasen einer Trennung zu stellen, die unterschiedlich lang dauern können: Das Nicht-wahrhaben-wollen mündet in Trauer, diese in Wut, zuletzt folgt die Akzeptanz. Das ist die Aufgabe aller Beteiligten. Reden kann helfen: etwa mit Freunden, die Verständnis und Mitgefühl haben.

Und dann? „Krisenzeiten schaffen Raum für persönliches Wachstum“, heißt es in ihrem Buch. Wächst jeder Mensch an einer Trennung?

Ja – wenn er es schafft, diese zu akzeptieren. Dafür muss man sein Ego hinter sich lassen und raus aus der Opferrolle kommen. Menschliches Leben bedeutet auch Leiden, die Zukunft ist ungewiss. Die Chance von Krisenzeiten liegt darin, dass man mit sich selbst in Kontakt kommt, mit Wünschen, Sehnsüchten und Bedürfnissen. Und dass man die Möglichkeit erhält, die Dinge zu verwirklichen, die einem am Herzen liegen. Im Chinesischen ist das Schriftzeichen für „Krise“ gleichzeitig das für „Chance“. Das ist ein schönes Bild.

Und wie schafft man, dass Kinder nicht zu Leidtragenden des persönlichen Wachstums werden?

Kinder wünschen sich doch nichts sehnlicher, als dass es ihren Eltern gut geht. Wer für sich selbst sorgt, sorgt somit auch für seine Kinder. Kinder wollen kein So-tun-als-ob. Sie spüren auch sofort, wenn jemand nicht authentisch ist. Daher tut man ihnen den größten Gefallen, wenn man aufrichtig ist und sich nicht in einer Beziehung aufopfert, die nicht mehr lebendig ist. Das halte ich sogar für unverantwortlich, denn damit macht man die Kinder verantwortlich für das eigene Unglück. Das ist eine große Bürde.

Was ist denn das Wichtigste für die Kinder nach einer Trennung?

Immer noch die Aufrichtigkeit. Wenn ich meinem Kind etwas vorspiele, entsteht eine emotionale Verwirrung. Aber wenn ich zu mir stehe, ehrlich bin und zuversichtlich, bekommt es eine Einstellung mit, die es für sein ganzes Leben braucht. Zudem haben die Eltern die Aufgabe, zu verzeihen und sich mit dem zu versöhnen, was gewesen ist. Das schafft die Basis für ein Familienleben auch nach der Trennung.

Zum Weiterlesen: „Mut zur Trennung. Plädoyer für eine mutige und produktive Entscheidung“, Systemed Verlag, 15,99 Euro.