Mamas & Papas

In Prenzlauer Berg meinen es Eltern wirklich ernst

Ich weiß überhaupt nicht, was die Leute immer haben. So von wegen durchgeknallte Prenzlauer-Berg-Eltern und so. Ich verrate Ihnen mal was: Wir sind nicht durchgeknallter als Eltern anderswo. Oder lecken Sie Ihrem Kind auf dem Spielplatz etwa nicht den Sand aus den Augen, wenn ein Schäufelchen daneben gegangen ist? Eben. Also wir sind wie alle. Außer vielleicht, dass einige von uns sich ihre schwangeren Bäuche in Gips gießen lassen und diese Abdrücke an die Wand im Gästezimmer hängen. Ich kenne zwar direkt niemanden, der das gemacht hat, aber die Dienstleistung wird um die Ecke angeboten, es muss also Menschen geben, die das tun. Ich frage mich, was Archäologen in 1000 Jahren denken, wenn sie diese gigantischen Bauchhöhlen ausgraben. Versteinerte Rückenpanzer von Riesenkäfern?

Und wir füttern natürlich keine Gläschen, sondern kochen aufopfernd selbst, füllen den Brei portionsgerecht in Eiswürfelbehälter, frieren ihn aromageschützt ein und sind persönlich beleidigt, wenn das Zeug nicht im Kind, sondern an der Wand landet. Unsere Kinder sind Hip. Aber bitte nicht mit zwei „P“. Und das Schlimmste, was passieren kann, ist, dass man, wie kürzlich einer Freundin geschehen, seine Bio-Breizutaten bei dem immer gleichen Gemüsehändler kauft und dann nach einigen Monaten feststellen muss, dass das ja gar nicht bio war. Dann muss das Kind erst mal dekontaminiert werden. Man besucht hier auch mehrstündige Wickeltuchseminare, um die Kinder fachgerecht am Bauch befestigen zu können. Die Naturvölker machen das auch so. Gut, die leben auch in der Natur, diese Naturvölker, und nicht an vierspurigen Straßen. Aber man kann die Kinder ja nicht früh genug an den Stadtverkehr gewöhnen.

Und wir lieben Tiere und die Natur. Die Schöpfung. Wie sehr, durfte ich kürzlich auf einem Spielplatz um die Ecke erleben. Meine Tochter nennt ihn den Hüpfspielplatz, weil es dort drei kleine in den Boden eingelassene Trampoline gibt. An jenem Tag hüpfte niemand. Stattdessen stand um eines der Trampoline ein Pulk Eltern und starrte bekümmert durch die Gummimaschen auf den Boden. Mehrere Väter knieten daneben und stocherten mit Zweigen durch die Maschen. Ein muskulöser Glatzkopf versuchte, das Gummi zu lösen. Ein, zwei Mütter standen mit ehrlich erschütterter Miene am Rande. Die Kinder fanden das ziemlich spannend. Dann kam die Feuerwehr. Zwei Männer, einer trug einen kleinen Holzkäfig. Jetzt wurde ich langsam doch neugierig darauf, welches Drama sich unter dem Trampolin abspielen musste. Und da sah ich es! Ein Spatz hüpfte aufgeregt unter der Sprungmatte herum! Der wäre zwar vermutlich allein wieder dort rausgekommen, wo er reingekommen war, sobald der Pulk ihm die Gelegenheit dazu gegeben hätte. Nein! 112! Wir haben hier einen Notfall. Spatz unter Trampolin. Kommen Sie schnell, ehe unsere Kinder ein Trauma davon tragen, weil ihre Eltern nicht helfen konnten.

Die beiden sehr netten Feuerwehrmänner schienen solche Einsätze gewöhnt zu sein. Sie schüttelten nur ein bisschen den Kopf und irgendwann gingen sie wieder, mitsamt leerem Fangkäfig. Der Spatz war am nächsten Tag übrigens nicht mehr unter dem Trampolin. Er war rausgeflogen.

Nächste Woche schreibt an dieser Stelle wieder Hajo Schumacher.