Dinge des Lebens

Kreuzstich mit Geschichte

Irmgard Wobst, 91 Jahre, Rentnerin aus Lichterfelde

Es war ein warmer Tag im Juni, als Gisela Gerhardt für Freunde ein Spargelessen zubereitete. Sie weiß nicht mehr genau, warum sie an jenem Tag in der Küche zu einer Schürze griff. „Eigentlich trage ich beim Kochen nie eine Schürze“, sagt sie und lächelt. „Und das, obwohl ich dieses schöne Exemplar seit Jahren im Schrank liegen habe.“ Bewundernd streicht sie über die Blumenstickerei in hellen und dunklen Blautönen auf dem schlichten Baumwollstoff.

Geistesgegenwärtig hatte sich Gisela Gerhardt von ihrem Mann in der Schürze fotografieren lassen und die Aufnahme ihrer Mutter bei einem der nächsten Besuche gezeigt. Sie schaut zu ihrer Mutter, die neben ihr sitzt und vor vielen, vielen Jahrzehnten die Schürze gefertigt hat. Irmgard Wobst heißt sie, ist 91 Jahre alt, gerade mal 1,50 Meter groß und ein echtes Energiebündel. „Oh Mann“, hebt Irmgard Wobst an und reißt bedeutungsvoll ihre blauen Augen auf. „Was war ich erstaunt, als ich diese Schürze wiedersah! Und was hab’ ich mich gefreut!“

Gefühle und Erinnerungen

Eine gelungene Überraschung. Erstaunen, Begeisterung, Rührung: Viele Gefühle brachen aus Irmgard Wobst hervor. Und viele Erinnerungen. Irmgard Wobst erzählt gern Geschichten von früher. Man könnte sagen: Irmgard Wobst ist eine geborene Geschichtenerzählerin. Einige persönliche Erlebnisse hat sie sogar aufgeschrieben und veröffentlicht. Aber dass sich um eine einfache Schürze die Geschichte ihres Lebens weben lässt, war der weißhaarigen alten Dame bis zu diesem Sommer wohl selbst nicht bewusst.

Im Jahr 1922 wurde Irmgard Wobst in Wittenberge an der Elbe geboren. Elf, zwölf Jahre alt war sie, als sie mit dem Sticken anfing. „In meiner Jugendzeit waren die Tage ohne Fernsehen, da beschäftigte man sich mit Handarbeiten“, sagt die 91-Jährige. Zunächst habe man vor allem gestickt, „Kreuzstich, Stielstich, Knötchen, auf Tischdecken, Schürzen, Blusen“; später sei dann das Stricken und Nähen mehr in Mode gekommen. Seite an Seite arbeitete Irmgard Wobst mit ihrer Mutter, aber auch mit Freundinnen. Im Hintergrund lief das Radio. Am liebsten hörte sie Operettenmusik: „Oh, die mag ich bis heute“, sagt sie schwärmerisch.

Ein raffinierter Stoff, besondere Knöpfe an der Bluse, eine interessante Hutkreation: Das waren die Freuden der Mädchen und ihre Art, beim Spaziergang durchs Städtchen auf sich aufmerksam zu machen. Oder beim Fliegerball im Kaisersaal in Wittenberge, den Irmgard als junges Mädchen nur zu gern besuchte. Die feschen Männer in Uniform machten Eindruck auf sie, die aus einem Arbeiterhaushalt stammte. Und sie liebte den Tanz. Es muss bei einem Langsamen Walzer gewesen sein, bei dem sie sich in einen der Männer verguckte, der ihn besonders gut beherrschte. „Ach, was war ich eine Närrin, mich wegen eines Tanzes in einen Mann zu verlieben“, sagt sie in der für sie typischen Offenheit und verdreht ihre Augen dramatisch. Denn was nicht geplant war, war die Schwangerschaft, die aus der Zusammenkunft mit dem jungen Mann entsprang. 18 Jahre alt war Irmgard Wobst, als sie ihren Sohn bekam. Sie hatte weder eine Ausbildung noch eine Arbeit, und der Mann war schnell wieder Geschichte.

Noch zwei weitere Kinder empfing Irmgard Wobst in ihrem Leben: eine Tochter, deren Vater im Krieg verschollen ist und die heute in der Nähe von Nürnberg lebt, wo auch sie viele Jahrzehnte verbracht hat. Und Gisela, die sie vor drei Jahren zu sich nach Lichterfelde geholt hat und für deren Vater Irmgard Wobst freundliche Worte wählt. „Das war ein guter Mann, der hat mich nicht betrogen“, sagt sie. Über eine Heiratsannonce hatte sie 1947 seine Bekanntschaft gemacht. „Suche Witwe, Kind angenehm“, zitiert Irmgard Wobst mit einem Lachen den Text seiner Anzeige. Mit ihm und den beiden Töchtern flüchtete sie 1950 nach Berlin. „Wir durften nur einen Koffer mitnehmen, damit es an der Zonengrenze, wo die Vopos den Zug kontrolliert haben, nicht nach Flucht aussah“, erinnert sich Irmgard Wobst. Nach und nach habe dann ihre Mutter bei Besuchen weitere Wäsche nach Berlin gebracht. In einer der Taschen und Beutel muss die Schürze gesteckt haben, die heute in Gisela Gerhardts Besitz ist. Benutzt wurde sie so gut wie nie, „ich wollte ja alles schonen“, sagt die 91-Jährige. Denn auch in Neukölln lebte sie mit ihrem mittlerweile verstorbenen Mann, einem Ofensetzer, und den beiden Kindern alles andere als in Saus und Braus. „Die Bude unterm Dach war eiskalt, wenn es regnete, stand die ganze Küche voller Wasser.“

Den Mut nie verloren

Den Mut verloren hat Irmgard Wobst dennoch nie, genauso wenig wie ihren Sinn für skurrile Begebenheiten im Leben – und ihre Geschicklichkeit. Aus den häuslichen Handarbeiten, die sie von klein auf gepflegt und geliebt hatte, entwickelte sie einen Broterwerb. Sie ließ sich in Berlin als Schneiderin für Garderobe anlernen; später arbeitete sie über viele Jahre in einer Gardinennäherei. Ganz schön schwierig sei es gewesen, diese langen geraden Nähte zu fabrizieren, sagt Irmgard Wobst. Und da ist es wieder, dieses liebenswerte dramatische Augenrollen.

Es gibt wohl nichts, was die agile alte Dame, die mittlerweile drei Enkel, vier Urenkel und bald auch einen Ururenkel hat, nicht meistern könnte. Und so wundert es nicht, dass sie sich trotz einer Erkrankung und einer schweren Verletzung am Bein immer noch weitgehend allein in ihrer Wohnung versorgt, mit dem Rollator einkaufen geht, täglich frisch für sich kocht. Das allerdings ohne Schürze. Die Tochter würde sie der Mutter natürlich sofort zum Gebrauch überlassen. Doch Irmgard Wobst hat zu diesem Thema eine klare Meinung. „Mann, Gisela“, sagt sie, „wer trägt denn heute noch Schürzen?“

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