Dinge des Lebens

Ein Kasten für die feine Küche

Christine Peters, 34 Jahre, Lehrerin aus Pankow

Manche Dinge liebt man auch dann, wenn sie nicht mit den schönsten Erfahrungen verknüpft sind. Christine Peters besitzt so etwas. Es wandert seit ihrem Austauschjahr in Frankreich vor circa 20 Jahren bei jedem Umzug in der Kiste für die Küchenutensilien mit und findet immer einen Platz griffbereit am Kochplatz. Man sieht den kleinen Kasten sofort, wenn man die Küche betritt. „Recettes de la mer“ steht auf dem Holzrahmen – Rezepte aus dem Meer –, und anstatt eines Bildes stecken im Rahmen Rezeptkarten in typisch französischer Handschrift, auf der ersten Seite das für „Couronne de Lotte“, ein Gericht, das wie ein Gugelhupf aussieht, aber aus Seeteufel, Mayonnaise, Eiern und Tomaten besteht.

Als sie 17 Jahre alt war, ging Christine Peters für ein Schuljahr nach Saint Brieuc in Frankreichs Nordwesten. Die Stadt, ungefähr drei Kilometer vom Ärmelkanal entfernt, ist durch dem Fluss Gouet direkt mit ihrem Hafen Le Légué am Atlantik verbunden. Die Bucht von Saint Brieuc mit ihren Steilküsten, Stränden, Muscheln und dem Watt bot einen idealen und romantischen Ort für das Mädchen aus der Großstadt. Das Haus der Gastfamilie liegt direkt an der Steilküste mit Blick auf den Ärmelkanal. Bis hinüber nach England reicht der Blick. „Eigentlich ein Traum“, sagt Christine Peters. „Aber die Familie war krass.“ Zu fremd war dem Teenager die Alltagskultur eines Landes, in dem Kinder in der Schule mehr gedrillt werden als in Deutschland und Eltern um einiges strenger sind als hierzulande. „Ich habe viel geweint“, sagt sie. Aber als ihre Eltern sie vor Ablauf des Jahres zurück nach Deutschland holen wollten, lehnte sie ab: „Ich hatte das Gefühl, dass mich der Aufenthalt dort sehr formt.“

Die Kinder der Familie mussten im Haushalt mithelfen, auch das Gastkind wurde nicht geschont. Wer nicht mitzog, riskierte mitunter auch mal eine Ohrfeige. „Als ich da weg bin, konnte ich putzen, bügeln, kochen und hatte gelernt, mir nicht die Butter vom Brot nehmen zu lassen.“ Vor allem aber wurde wurde sie ans Essen und Kochen herangeführt. Und heute bringt sie, wo andere bei einer Einladung als Gastgeschenk Wein oder Blumen überreichen, eine Quiche oder Tarte mit. Die Zubereitung hat sie in der Bretagne gelernt, in ihrem Rezeptkästchen liegen auch Zettel mit Lieblingsgerichten aus ihrem französischen Jahr, aufgeschrieben von ihrer Gastmutter. Es wurden oft Quiches und Tartes gegessen, „ganz einfache Sachen, die super schnell gehen.“

Als Christine Peters nach Deutschland zurückkehrte, war sie aus der Küche kaum noch herauszubekommen: In Saint-Brieuc dagegen hat sie zwar geholfen und gelernt, aber „nicht gern“. Die Mutter war „so eine zackige Kleine, die hat immer alles ganz schnell gemacht“, sagt Peters. Das musste wohl auch so sein, wenn alle Aufgaben in einer fünfköpfigen Familie plus Gastkind erledigt werden sollten. Wie viele Französinnen war auch diese in Vollzeit berufstätig und nach Feierabend wurde die Familie bekocht. „In dieser Familie war das Essen zentral, die essen da stundenlang“, sagt Christine Peters, „die Mutter kochte jeden Tag. Der Vater half zwar, aber sie hat sich die Küche nicht aus der Hand nehmen lassen.“

Dienstags gab es Miesmuscheln mit Pommes frites. Wie das zubereitet wird, weiß die blonde Deutsch- und Biologielehrerin immer noch auswendig – und es klingt köstlich. Man benötigt eine gusseiserne Pfanne mit hohem Rand, denn „dort kocht man nicht in Töpfen. Die Muscheln werden in Weißweinsud eingekocht. Mit Sahne, Zwiebeln, Knoblauch und Kräutern der Provence.“ Oft gab es auch Langusten. „Die brachte meine Gastmutter frisch vom Markt in einer großen Schüssel nach Hause“, erinnert sich Christine Peters, „die gab es pur, denn das Meer würzt sie ja schon salzig.“

Nicht nur die Essgewohnheiten, auch der Tagesrhythmus war für das deutsche Schulkind völlig ungewohnt. Erst gegen 21.30 Uhr nahm die Familie am Esstisch Platz. Bis alle Gänge verzehrt waren, war es fast Mitternacht. Christine Peters war das späte Essen nicht gewohnt, ihr Magen rebellierte und sie konnte lange nicht einschlafen. Aber die Schule begann trotzdem früh um acht. „Für die Familie war es eine Beleidigung, wenn man ein Essen nicht probiert hat“, sagt die 34-Jährige und erinnert sich mit Grausen an eine Foie Gras – Gänse- oder Entenstopfleber –, eine französische Delikatesse. Christine Peters verzieht das Gesicht: „Und sie waren auch beleidigt, wenn man nicht gegessen hat.“ Also stellte sie das Essen weitgehend ein, um klar zu stellen, dass sie nicht mit den Erziehungsmethoden ihrer Gasteltern einverstanden war. „Ich wollte sie bestrafen, aber das war natürlich dumm.“

Christine Peters war noch nie dick, zurückgekehrt nach Deutschland hatte sie dazu noch dreizehn Kilogramm abgenommen. „Aber ich habe mich da schnell rausmanövriert, weil ich dann zu Hause so viel gekocht und so gern gegessen habe.“ Das ist auch so geblieben, ebenso ihre Liebe zu Käse und Rotwein. „Ich hatte zuvor noch nie Kaffee oder Rotwein getrunken. Aber in Frankreich gibt es mittags schon zum Essen Rotwein mit Wasser.“ Christine Peters verkneift sich das Lachen, damit sie eine ihrer Lieblingsanekdoten erzählen kann. Eigentlich aßen die Kinder in der Schulkantine. Einmal jedoch wurde in der Familie gegessen. Danach hieß es: Zurück in den Unterricht. „Da saß ich angetrunken im Matheunterricht und habe nur Plus und Minus verstanden.“

Eine Angewohnheit der Franzosen hat sie mit nach Hause genommen: „Ich würde mich nie hinsetzen und einfach nur trinken.“ Zum Rotwein gehört für Christine Peters auf jeden Fall etwas Gutes zu essen. Sie greift zur ihrer kleinen Holzkiste und blättert durch ihre abgegriffenen Rezeptkarten. Nach dem langen Gespräch über das Essen muss eigentlich auch recht bald wieder gekocht werden.

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