Neues Schuljahr

Der erste Gong

Zum Schulanfang beginnt das Leben neu. Das gilt nicht nur für Schüler: Wir haben sechs Lehrer gefragt, was den Start ins Schuljahr für sie so besonders macht

Nur die wenigsten Ereignisse sind so prägend, dass man sich ein Leben lang an sie erinnert. Und sie haben in der Regel damit zu tun, dass man etwas zum ersten Mal tut oder wahrnimmt: Der erste sportliche Sieg, der erste Song, der zu Herzen ging, der erste Kuss, der erste Rausch, die erste Trennung (die manchem glücklicherweise noch immer erspart bleibt), das sind Einschnitte, von denen man erzählen kann. Der erste Schultag trifft einen noch dazu nicht unvorbereitet – viel hat man vorher gehört, vom Ernst des Lebens (Eltern) oder nervenden Lehrern (Geschwister, Freunde). Dann steht man da, die Schultüte als rituelle Unterstützung im Arm: Was süß schmeckt, kann ja so schlimm nicht werden. Und etwas Neues beginnt, etwas, das man trotz allem, was vorher zu hören war, nicht einschätzen kann. Das macht alles, was man am Anfang erlebt, so bedeutend: Ob nun zur Einschulung ein Lied gesungen wird – beim Autor war es „Wo ist der Daumen“ mit Frau Springer – oder ob die älteren Schüler, sozusagen die Profis, ein Theaterstück aufführen. Und danach ist am Ernst des Lebens ja zumindest so viel dran, dass man außerhalb der Familie einer Institution ausgesetzt ist, in der man etwas leisten muss. Man ist trotz aller Unterstützung durch die Pädagogen auf sich allein gestellt, man muss die Dinge selbst durchdringen, das kann einem niemand mehr abnehmen.

Ältere Schüler sind im Umgang mit ersten Schultagen und -wochen wesentlich routinierter. Wer erinnert sich nicht, wie er nach sechs Wochen Ferien – eine Zeitspanne, die bei ihrem Beginn unendlich wirkte – wieder im Alltag vor der Tafel saß? An das langsam aufkommende bange Gefühl, dass die ersten Tests und Klassenarbeiten nicht mehr sonderlich lang hin waren? An den mulmigen Magen, weil es mit der großen Freiheit nun vorbei war?

Die wahren Routiniers für den Schulbeginn sind allerdings nicht die Schüler. Sondern diejenigen, die auf der anderen Seite der Schulbank stehen, die Lehrerinnen und Lehrer. Ob das bedeutet, dass sie sich weniger Gedanken machen, ist lange nicht gesagt: Wer seinen Beruf ernst nimmt, der weiß, dass es einige Dinge gibt, die immer gleich funktionieren, wenn man jungen Menschen etwas beibringen möchte, aber trotzdem jeder Schüler ein unverwechselbares Individuum bleibt. Statt also Schüler erzählen zu lassen, haben wir uns entschlossen, quer durch die verschiedenen Schulformen hindurch Lehrer zu fragen, was erste Schultage nach den großen Ferien so besonders macht: Was erwarten sie? Wie treten sie den Schülern gegenüber? Wie sehen ihre Erfolge aus? Woran scheitern sie? Was passt überhaupt in ein Schuljahr?

Das Wunderbare an denjenigen, die wir interviewten, ist: Alle machen sich diese Gedanken auch nach Jahren im Dienst noch sehr intensiv. Man könnte also auch sagen: In Berlin wimmelt es von guten Lehrern, von Lehrern, die im Wortsinne ihren Beruf gefunden haben. Ein beruhigender Gedanke für alle Schüler und Eltern in der gewöhnungsbedürftigen Zeit nach den großen Ferien. pec