Mamas & Papas

Bei Kindern hört die Freundschaft dann doch auf

Neulich kam die Tochter aus der Kita und zeigte mir stolz eine bunte Karte. Ich war entsetzt. Zwar hatte ich das kommen sehen, aber das half jetzt auch nicht weiter. Wir hatten ein Problem. Die Tochter war bei Yann-Ove zum dritten Geburtstag eingeladen. Nichts gegen Yann-Ove, der kann ja auch nichts für seinen bescheuerten Namen. Das haben seine Eltern verbrochen. Mit denen würde ich mich übrigens noch nicht einmal dann freiwillig treffen, wenn sie und ich nach einem Kometeneinschlag die letzten Menschen auf der Erde wären. Aber was soll’s. Man sucht sich seine Freunde nicht aus. Nicht mehr jedenfalls, wenn man Kinder hat. Es müsste zwar eigentlich umgekehrt sein, aber tatsächlich bestimmen die Kinder, mit wem ihre Eltern noch Umgang haben dürfen.

Das Schöne am Kinderhaben ist, dass sich der Bekanntenkreis plötzlich vervielfacht. Und das ist gleichzeitig auch das Blöde. Denn es kommen auch jede Menge Bekannte neu hinzu, mit denen man vor allem eines gemeinsam hat: Beide haben ein Kind. Und dann verbringt man Zeit mit ihnen auf dem Spielplatz, hört sich an, dass die kleine Laurence schon „T-O-F-U“ buchstabieren kann, und dass das einzige Problem der Kleinen darin besteht, dass sie sich immer nicht entscheiden kann, ob sie das ABC nun auf deutsch, englisch oder chinesisch aufsagen soll. Man verbringt viel Zeit mit den neuen Bekannten. So viel Zeit, dass man sie eigentlich lieber mit guten Freunden verbringen würde.

Aber da wird es noch komplizierter. Elternfreunde. Es reicht nämlich nicht mehr, so wie in vorkindlichen Zeiten, wenn beide Parteien gerne Rotwein trinken oder Bergwandern und sich auch sonst noch ausgezeichnet verstehen. Also ähnliche Interessen, gleiche Wellenlänge. Die neuen gemeinsamen Nenner heißen Oscar oder Marie. Und wenn die sich nicht leiden können, kann man die Sache gleich wieder vergessen. Nichts ist der Freundschaft abträglicher als eine Marie, die, wenn grad keiner hinschaut, dem kleinen Oscar Kugelschreiber in den Unterarm rammt oder sich wie ein Pitbull mit ihren kleinen weißen Zähnchen in seine Schulter verbeißt. Wenn Maries Eltern dann noch gütig sagen: „Oooch, Marie, doch nicht den Oscar beißen. Das macht man nicht. Auch wenn der Oscar dir natürlich den Hubschrauber wegnehmen wollte.“ Klammer auf und diesen Biss natürlich mehr als verdient hat, Klammer zu. Dann hat die Freundschaft aller Voraussicht nach eine eher ungewisse Zukunft. Gute Freunde teilen nämlich auch noch ein Erziehungskonzept. Und sie beißen nicht.

Kürzlich waren wir an der Ostsee in einem ziemlich feinen Geschäft mit ziemlich feinen Verkäufern. Die müde Dreijährige hatte es sich auf einem Stuhl bequem gemacht. Plötzlich sagte sie deutlich: „SSSSSseiße“. Und dann noch mal „Ssssseiße. Sssssseiße“. Und hörte gar nicht mehr auf mit „SSSSSeiße“.

Alle Augen waren auf uns gerichtet. Eben noch sahen wir wie eine Bilderbuchfamilie aus, jetzt waren wir die Flodders. Eltern zogen ihre Kinder weit von uns weg. „Woher hast du denn das Wort?“, fragte ich. Eine ältere Verkäuferin mischte sich ein: „Von der besten Freundin. So was haben die immer von der besten Freundin. Da haben Sie keine Chance.“ Man kann sich nicht nur seine Freunde nicht aussuchen, sondern auch nicht die der Kinder.

Nächste Woche schreibt an dieser Stelle wieder Hajo Schumacher.