Sprechstunde

Erbt seine Tochter aus erster Ehe das Vermögen, wenn mein Mann stirbt?

Sprechstunde bei Dr. Max Braeuer, Rechtsanwalt und Notar bei Raue LLP und Lehrbeauftragter für Familienrecht

Sie haben mit Ihrem Mann ein Berliner Testament errichtet. Damit meinen Sie vermutlich, dass derjenige von Ihnen, der den anderen überlebt, zunächst einmal sein Alleinerbe wird. Wenn Sie beide gestorben sind, dann soll alleine Ihr gemeinsamer Sohn erben, die Tochter Ihres Mannes aber gar nichts. Ein solches Testament ist möglich und wirksam. Das bedeutet, dass die Tochter Ihres Mannes völlig enterbt ist. Nach Ihrem Tode bekommt sie ohnehin nichts, da Sie mit ihr nicht verwandt sind. Auch beim Tod ihres Vaters erhält sie nichts, da alleine der Sohn, ihr Halbbruder, zum Erben eingesetzt ist. Sie müssen also damit rechnen, dass sie nach dem Tod ihres Vaters ihren Pflichtteilsanspruch geltend machen wird. Das ist ein Geldzahlungsanspruch, den die Erben erfüllen müssen. Stirbt Ihr Mann zuerst, sind Sie das allein.

Die Höhe des Anspruches richtet sich nach dem Wert des Vermögens, das Ihr Mann hinterlässt. Das wird also voraussichtlich die Hälfte Ihres Hauses sein und die Hälfte des gemeinsamen Bankkontos. Von dem so zusammengerechneten Wert bekommt der Sohn als Pflichtteil ein Achtel. So sehr hoch wird der Pflichtteil also nicht sein. Bemessen am Wert des ganzen Hauses müssten Sie ein Sechzehntel zahlen und von dem ganzen Bankkonto auch ein Sechzehntel. Trotzdem können Sie dadurch in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten, wenn Sie nicht genügend Geld haben, um den Pflichtteil zu bezahlen, der auf dem Hauswert beruht. Als Ausweg könnte man an Folgendes denken: Sie ändern gemeinsam mit Ihrem Mann das Testament. Darin wird die Tochter nicht mehr enterbt, sondern sie wird gleichberechtigt mit ihrem Halbbruder zur Erbin eingesetzt, wenn der letzte von Ihnen beiden gestorben ist. Gleichzeitig wird bestimmt, dass sie nicht Erbin wird, sofern sie schon beim Tode ihres Vaters den Pflichtteil geltend machen sollte. Wenn Sie das Testament so ändern, hat die Tochter beim Tode ihres Vaters folgende Wahl: Sie kann entweder warten und beim Tode ihrer Stiefmutter die Hälfte von deren Vermögen, damit also auch die Hälfte des ganzen Hauses erben. Oder sie verlangt ihren Pflichtteil und bekommt dann nur ein Sechzehntel vom Wert des Hauses, beim Tod der Stiefmutter aber nichts mehr.

Der Anreiz wird sie vermutlich darauf verzichten lassen, ihren Pflichtteil zu verlangen. Eine solche Regelung würde letztlich zu Lasten Ihres Sohnes gehen. Für Sie selbst bietet sie aber die beste Möglichkeit, dass Sie nach dem Tode Ihres Mannes noch genug zum Leben haben und das gemeinsam erwirtschaftete Vermögen ungeschmälert genießen können.