Dinge des Lebens

Das Utensil für gute Haltung

Philip Cassier, 39 Jahre, Reporter aus Mitte

Es gibt diese Szene in „Pulp Fiction“, die für immer dokumentiert, welchen Stellenwert die Armbanduhr im Leben des Mannes spielt: Als Junge bekommt der spätere Boxer Butch Coolidge von einem Captain der US-Army das goldene Zeiteisen seines Vaters überreicht, das sich seit dem Ersten Weltkrieg in Familienbesitz befindet; ein Stück, das Coolidges Vater und nach dessen Tod der Captain persönlich im Vietnamkrieg in ihren Hinterteilen aufbewahrt hatten – also, der Captain sagt nicht etwa Hinterteil, sondern was anderes – damit sie unter keinen Umständen dem Vietcong in die Hände falle. Das klingt bizarr, drückt aber wohl für einen Mann, der jedes Gesicht des Krieges kennt, höchste Wertschätzung aus.

Den Krieg kenne ich nicht. Mein Vater kennt ihn auch nicht, aber beide Großväter. Der eine vermachte mir in den 80er-Jahren seine Uhr. Er hatte sie als Leutnant im zweiten Weltkrieg am Arm getragen. Ich muss zugeben, dass ich anfangs als Teenager keinen Begriff davon hatte, was sich da in meinem Besitz befand: Meine Schweizer Minerva muss im Urzustand verchromt gewesen sein und Leuchtziffern gehabt haben. Als mein Großvater sie mir im Keller seines Hauses in Hannover überreichte, kam am Gehäuse bereits das Messing hinter dem Chrom hervor, und die Ziffern leuchteten nicht mehr. Ich legte sie weg.

Meinem Großvater, Jahrgang 1909, war ein langes Leben vergönnt. Er starb erst kurz vor seinem 100. Geburtstag. Mir fiel sein Erbstück kurz nach der Jahrtausendwende in die Hände, es war in der Magister-Prüfungsphase als Historiker. Ich war sehr angespannt – die Klausuren und Prüfungsgespräche, die zweifelhaften Aussichten auf dem Arbeitsmarkt – und mir war, als ginge von der Uhr tatsächlich eine unerklärliche Kraft aus. Nicht dass mein Großvater durchweg ein Vorbild für mich gewesen wäre; das hätte er selbst, skeptisch und altersmilde wie er war, nie gewollt. Aber er mochte mich und hatte einige Dinge getan, die mir höchsten Respekt abnötigten.

Beispielsweise stand Anfang der 40er-Jahre die Gestapo bei seiner Familie vor der Tür, weil er den Krieg für verloren erklärt hatte. Sie bekamen ihn nicht, er war schon wieder an der Front. Vermutlich glaubten sie, da sterbe er ohnehin. Er lehnte auch bei seiner Pensionierung als Präsident des Landes-Arbeitsamtes das Bundesverdienstkreuz ab. Es hätte ihm zugestanden, aber er beschied, dass ein Orden etwas für Menschen sei, die etwas Besonderes geleistet hätten. Er aber habe nur seinen Dienst für den Staat geleistet.

Genau diese Geschichten verband ich nun in der Prüfungsphase mit der Uhr. Ich dachte so etwas wie: Jetzt hab dich nicht so. Was ist das schon gegen das, was der Mann hinter sich hat, dem das Stück vor dir gehört hat? Sei dankbar für die Probleme, die du hast – und wenn du deinem Großvater einen Gefallen tun willst, dann bewahre jetzt wenigstens halb so viel Haltung, wie er sie gehabt haben muss.

Es blieb naturgemäß nicht aus, dass nach meinem Abschluss an der Uni weitere Prüfungen auf mich warteten. Die wenigsten habe ich im Vorbeigehen gemeistert. Aber stets hatte ich durch meine Uhr am Arm. Sie kann mir nicht helfen, aber lässt mich doch Fassung bewahren. Ich spiele oft mit dem Gedanken, sie zu ersetzen. Doch eine neue Minerva kann ich mir nicht leisten, die Marke ist zu teuer. Alles andere wäre ein unzureichender Ersatz. Mein Uhrmacher sagt außerdem, es sei gut, sie in Betrieb zu haben.

Am Ende von „Pulp Fiction“ riskiert Butch Coolidge, inzwischen erwachsen, für seine Uhr sein Leben. Seine Freundin hat sie in einem Appartement vergessen, in dem ein Killer lauert. Dorthin kehrt Butch zurück, holt die Uhr und erschießt den Mörder. Ich bin nicht sicher, ob ich für meine Minerva so weit gehen würde. Aber ich bin ja auch keine Filmfigur, die nach Drehbuch funktioniert. Ich weiß nicht, was noch alles im Skript meines Lebens steht. Doch mein Wunsch wäre es, dass die Uhr meines Großvaters mich weiter immer Haltung bewahren lässt, wenn es sein muss.

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