Jugend

Fußball ist unser Leben

Ehrgeizige Eltern, skurrile Trainer und Autofahrten durch die ganze Stadt: Als Mutter eines fußballbegeisterten Sohnes macht man ganz schön was mit. Eine Betroffene berichtet

In Berlin spielen fast 33 000 Jungs unter 15 Jahren Fußball im Verein. Es gibt hier, laut Berliner Fußball-Verband, unglaubliche 1513 Junioren-Mannschaften. Lauter kleine Kerle, die hinter dem Ball herlaufen und davon träumen, eines Tages ein berühmter Fußballprofi zu sein. Einer davon ist unser Sohn, er ist acht Jahre alt, und ab Montag beginnt seine dritte Saison im Verein. Denn der Schulanfang markiert auch den Anfang der Saison 2013/14. Für uns als Eltern, besonders für mich als Mutter, heißt das: zwei Mal die Woche fahre ich den kleinen Fußballgott zum Training und hocke auf dem Gelände zwei Stunden herum, weil sich die Rückfahrt für mich nicht lohnt. Macht vier Stunden in der Woche, sechzehn Stunden im Monat, sechsundneunzig Stunden in einem halben…lassen wir das, ich breche hier ab.

Warum? Wieso tut man sich das an? Was ist die Faszination? Wie tickt überhaupt der Kinderfußball der Hauptstadt? Ein kleiner Einblick aus Erfahrung.

Das Drama der Sichtung

Die Sichtung ist das Alpha und Omega des Kinderfußballs, mal hoffnungsfroher Anfang, mal bitteres Ende. Mit einer Sichtung geht alles los – ein fester Termin, das Kind muss antanzen. Unser Sohn war damals sechs, hatte allerdings schon begeistert beim wöchentlichen Kindergarten-Fußball gespielt. Das war ein großer Vorteil, er wusste, worum es ging. Andere Jungs waren noch nicht so weit. Statt den Ball zu spielen, pflückten sie auf dem Platz Blümchen, beugten sich nach unten, um einen Regenwurm zu suchen, während der Pulk ehrgeiziger Fußballjungs links und rechts an ihnen vorbei rauschte.

Für manche Eltern, besonders für Väter, war der Anblick ihrer verträumten Söhne schwer zu ertragen. Verzweifelt schrien sie den Namen des Nachwuchses, wollten, dass er nun endlich an der Sichtung teilnimmt – und ernteten einen total entrückten Kinderblick. So eine Sichtung kann ein früher Moment der Wahrheit sein – also elterlicher Enttäuschung. Das muss man aushalten.

Denn das Sichten hört nie auf. Wer darf am Wochenende beim Turnier spielen? Wer schafft es in die 1. Mannschaft? Wer wechselt zu einem ehrgeizigen Verein? Beim Kinderfußball gibt es eine unsichtbare Trennlinie zwischen dem „Breitensport“ ohne allzu große Ansprüche und sehr frühen Ansätzen von Leistungssport. Absurd? Längst nicht mehr. Nuri Sahin hatte mit 16 Jahren sein Bundesligadebüt, das setzt Standards. Da bleiben einem Achtjährigen nur noch acht Jahre für den Weg zum Profi.

Spaßkick oder bitterer Ernst?

Das ist die Frage. Gespielt wird überall in Berlin, in jedem Bezirk. Aber es gibt große Unterschiede, was die Erwartung angeht und das Auftreten. Da sind die netten Wald-und-Wiesen-Mannschaften, bei denen einfach fröhlich vor sich hin gekickt wird. Die Eltern geben sich betont entspannt, so wie die, die frühmorgens aus dem Prenzlauer Berg nach Zehlendorf anreisten, nur um mitansehen zu müssen, wie ihre Kinder eine fette 16:0-Klatsche abkriegten. „Die Zehlendorfer können halt besser spielen. Hauptsache, es macht Spaß“, sagten die Prenzlberg-Eltern demonstrativ fröhlich – und man fragte sich, welches Psychopharmakum die vor dem Spiel einnehmen.

Ganz anders eine Mannschaft aus dem tiefen Berliner Süden, die auch eine ziemliche Abreibung kriegte, was aber dazu führte, dass erst der Trainer minutenlang seine Kinder auf dem Feld anbrüllte und wenig später die Eltern den Trainer anbrüllten – und danach Trainer und Eltern gemeinsam die Kinder. Da war was los.

Es gibt noch eine dritte, getarnte Sorte. Das sind Vereine, die sich ganz entspannt geben. Sie nennen sich „Internationale“ oder „Amateure“ oder „AK“ - die aber dann doch ehrgeizig spielen. Bei einigen Vereinen steht der Migrationshintergrund im Vordergrund, das hört man schon am Namen. Sie kommen aus Kreuzberg oder Neukölln, und die blonden Jungs sind bei ihnen in der Minderzahl. Gegen solche Mannschaften anzutreten, ist eine Herausforderung. Sie spielen oft schnell und sehr körperlich. Und sieh an – auch Salafisten mit ihren totalverschleierten Frauen sind manchmal begeisterte Fußballväter. Wer denkt schon einem so bodenständigen Namen wie „Reinickendorfer Füchse“ an Vollbart und Burka? Doch plötzlich steht man neben ihnen beim Turnier. Gläubig, ungläubig – alle fußballgläubig. Ist das versöhnend? Ich weiß es nicht.

Dann sind da noch Mannschaften, da sehen die Jungs bei der Aufstellung aus wie ein blond wogendes Weizenfeld. Tief im Osten spielen die, in Lichtenberg, Hohenschönhausen, Marzahn und Hellersdorf. Und schließlich die ganz traditionellen Vereine, wo dann eben doch alles zusammenkommt. Blond, braun, schwarz, rot – Stern 1900, LFC, Rot-Weiß, Grün-Weiß und wie sie alle heißen.

Natürlich hat Berlin auch sein Bayern München. Vereine, die als besonders ehrgeizig gelten und die man deshalb besonders gerne schlägt. Hertha 03 Zehlendorf (Wahlspruch: „Die Jugend ist unsere Zukunft“) ist so ein Verein von überregionalem Rennommé. Auch gegen Union zu gewinnen, macht was her. Und natürlich Hertha BSC. Wer gewinnt nicht mal gern gegen einen echten Erstligisten?

Chanel und Schweiß

Berliner Kinder-Mannschaften wirken oft, als seien sie für einen Toleranz-Werbefilm des DFB gecastet. Allein in der Mannschaft meines Sohnes kommen eine Menge Sprachen, Nationen und Kulturen zusammen. Türkisch, Russisch, Kroatisch, Schwedisch, Englisch, tief Afrikanisch, Südamerikanisch, Hessisch, Bayerisch – und irgendwie sind sie alle waschechte Berliner. Auch beruflich ist alles vertreten, vom Fliesenleger über die Bankerin bis zu eher unscharfen Erwerbsgruppen. („Was machst du beruflich?“ – „Import-Export.“)

Manchen bürgerlichen Eltern macht diese Mischung ein wenig Angst. Sie ziehen für ihre Kinder Feldhockey vor, betonen, dort werde weniger geflucht, geschwitzt, gepöbelt, die Jungs seien höflicher und außerdem trügen sie so hübsche Polo-Shirts. Im Übrigen koche der Koch im schönen Clubhaus ganz wunderbar. Eine andere Welt.

Allerdings ist die Dichte teurer Markenhandtaschen am Rand des Fußballfeldes vermutlich ähnlich hoch wie am Hockeyfeld. MCM, Dolce & Gabbana, Gucci, Louis Vuitton, alles bei Training und Spielen schon gesichtet. Doch vor kurzem stand ich in Brandenburg bei einem Turnier in schönstem Sonnenschein in der langen, langen Bratwurstschlange hinter einer jungen Frau, an deren Arm eine auffällige kleine Handtasche von Chanel baumelte. Dass es Chanel war, war nicht zu übersehen, denn der Name war kunterbunt und dutzendfach auf die Tasche gedruckt. Chanel! Chanel! Chanel! Chanel!

Die Tasche hatte eine sonderbare Form, auch der Druck war alles andere als stilsicher. „Chanel kann unmöglich eine so hässliche Tasche entworfen haben“, rätselte ich. Und dann wurde es mir klar, endlich, nach vielen Beobachtungen. Hier am Spielfeldrand landen die ganzen Fälschungen, die man günstig beim Türkei- oder Tunesien-Urlaub kaufen kann. Beim Feldhockey tragen die Mütter die echten Marken. Beim Fußball die Imitate.

Fußballmütter, Fußballväter

Meist ist ja der Bring-und-Abholdienst vom und zum Kindersport fest in Mütterhand. Beim Kinderturnen mit „Hexe Knickebein“-Beschallung wird man Väter vergeblich suchen. Nicht so beim Fußball. Hier ist das Geschlechterverhältnis ziemlich ausgeglichen. Erstaunlich, wie viele hart arbeitende Väter noch Zeit finden, den Sohn mehrmals in der Woche zum Training zu begleiten. Wobei man Unterschiede bei den Mannschaften machen muss. Grob lässt sich sagen: Je höher der Ehrgeiz der Mannschaft, je höher die Spielklasse, desto mehr nähert sich die Mütter-Väter-Quote den 50 zu 50.

Allerdings verhalten sich Männer und Frauen am Spielfeldrand unterschiedlich. Während die Männer bei Wind und Wetter hinter dem Tor ausharren und „ihren Mann stehen“, konzentriert, sich heiser schreiend und manchmal auch finster jede Bewegung des Sohnes beobachtend, gehen die Frauen meist Kaffee trinken. Manchmal mit Blick aufs Spielfeld, manchmal ohne. Sie zeigen eine große Gelassenheit, was das Training des Sohnes angeht. Wird er gefoult und liegt am Boden, schaut man interessiert rüber, um auszuloten, ob es was Ernstes ist. Ist es eigentlich nie. Man weiß als Mutter, da bin ich nicht zuständig. Sollte es doch mal schlimmer kommen, trägt der Trainer das weinende Kind vom Spielfeld und übergibt es einem der herumstehenden Väter. Der tritt dann, das weinende Kind auf dem Arm, den Weg zur jeweiligen kaffeetrinkende Mutter an. Meist hat sich aber schon alles erledigt, bevor er ankommt. Das Kind schielt schon auf dem Arm wieder nach dem rollenden Ball, verlangt, runtergelassen zu werden, und ist eine Minute später schon wieder im Spiel. Kein Wunder, dass wir Fußballmütter so gelassen sind. Wir haben mal frei.

Die 90-Minuten-Lüge

„Der Ball ist rund, und das Spiel dauert 90 Minuten“, hat der legendäre Sepp Herberger gesagt. Wer den Kinderfußball kennt, weiß, das stimmt absolut nicht. Es sind eigentlich nie 90 Minuten. Zwar ist so ein Punktspiel der F-Jugend deutlich kürzer, nur zwei mal zwanzig Minuten plus Elfmeterschießen am Schluss, also eigentlich eine flotte Sache – wäre es nur nicht fast immer Samstagfrüh um 8.30 Uhr („Wir treffen uns um 7.30 Uhr vor den Kabinen“) am anderen Ende der Stadt angesetzt. Nichts Schöneres, als samstags kurz nach Sonnenaufgang die Landsberger Allee stadtauswärts zu fahren, durch Plattenbauspaliere, oder im Frühtau das Auto zwischen einem Heizkraftwerk und dem BSR-Entsorgungshof tief im Berliner Süden zu parken. Aber, um es mal positiv auszudrücken: Man hat dann noch was vom Wochenende – später, am Nachmittag.

Das ist bei Turnieren natürlich anders. Ein Turnier macht sich über den ganzen Sams- oder Sonntag breit. Man trifft sich früh und geht spät. Ein Turnier kann sich wie Kaugummi ziehen, gerade bei Hallenturnieren ist man am Ende ganz dösig im Kopf. Einzige Rettung: der Verpflegungsstand, betrieben von engagierten Eltern des gastgebenden Vereins. Aber Obacht, die Unterschiede sind riesig. Es gibt Stände, die treiben einem das Wasser in die Augen, so trostlos sind sie. Labbriger Toast, belegt mit plastikhaftem Formschinken oder gummiartigem Käse. Kein Mensch isst die, sie liegen am Ende des Turniers noch da, inzwischen angegraut. Oder Kaffee, so dünn, dass er freie Sicht auf den Plastikbecherboden gewährt.

Besser dran ist, wer einen Turnier-Gastgeber mit viel Migrationshintergrund erwischt. Bei türkischen und arabischen Eltern ist der Kaffee besser, es gibt frische Salate und Köfte vom Grill. Allerdings sollte man dann keinen beruflichen Termin am Montag haben.

Stille Helden – die Trainer

Mein Sohn bringt es, rechnet man seinen Kindergartenfußball mit, inzwischen auf stattliche sechs Trainer in seiner noch jungen Fußballkariere. Alles ganz unterschiedliche Typen. Einer kam als Jurist immer im Anzug zum Training und zog sich dort um. Ein anderer beeindruckte unseren Sohn vom ersten Moment an aufgrund seiner vielen Tattoos, besonders einem großen Skorpion. Sie alle sind sich aber ähnlich in ihrer Leidenschaft für den Fußball. Wie viel Zeit und Mühe sie sich mit Training, Planung und Spielen geben – die Fahrten, die Organisation, Sponsoren besorgen, die Trikots, die Plätze ergattern, die Website füllen. Alles Männer mit fordernden Berufen. Und alles ehrenamtlich. Die haben einen Orden verdient. Oder den goldenen Fußballschuh.

Oft sind es Männer, die selbst als Junge im Verein gespielt haben, die etwas zurückgeben wollen. Manchmal spielen ihre Söhne in der Mannschaft mit, aber nicht immer. Es ist etwas tief Konservatives zwischen Männern und Jungs, wenn es um Fußball geht. Selbst harte Männer werden ganz weich, wenn sie einen fußballbegeisterten Knirps erleben, der alle Bundesligastars mit Verein und Rückennummer aufsagen kann. Frauen spielen in dieser Welt eine Nebenrolle, Trainerinnen – ja, die gibt es – mal ausgenommen. Da helfen weder der EM-Titel der Frauen-Nationalmannschaft noch Gender-Theorien.

Justin

Manchmal wird einem schlagartig klar, dass man in einer neuen, ganz anderen Welt gelandet ist. Es war im Spätherbst 2011. Das erste Fußballhallenturnier unseres Sohnes vor zwei Jahren, damals spielte er noch in der G-Jugend, scherzhaft die Pampers-Klasse genannt. Er war sieben Jahre alt. Das Turnier lief, die Halle tobte, lauter Knirpse in Trikots rannten aufgeregt hinter dem Ball her. Viel Knäuel, wenig Strategie. Wir standen als Familie gemeinsam am Spielfeldrand, schauten dem wilden Treiben zu, da brüllte die Mutter neben mir plötzlich: „Justin, hau ihn weg!“

Justin war ihr Sohn, ein kompakter, vierschrötiger kleiner Kerl, der gerade mit seiner Mannschaft auf dem Spielfeld stand. Ob die Mutter – sie trug ein T-Shirt, das vom Stolz auf ihre Heimat Neukölln kündete – mit dem „Weghauen“ den Ball oder den Gegner meinte, blieb unklar. Vorsichtshalber haute Justin beide weg. Oha, dachte ich damals, wo bin ich denn hier gelandet?

Warum ich das erzähle? Neulich saß ich mit meinem Sohn und der Tochter im Auto, wir unterhielten uns über Vornamen. Ob ihnen eigentlich die Vornamen gefielen, die wir ihnen ausgesucht hätten, fragte ich die Kinder. „Nein“, sagte mein Sohn, seinen fände er nicht so toll. „Wieso? Wie hätten wir dich denn nennen sollen?“ – „Justin“, antwortete er. Das meinte er völlig ernst.

Und warum das alles?

Unsere Freunde haben uns längst für verrückt erklärt. Wir geben ihnen Recht. Ja, ein leichter Irrsinn lässt sich nicht leugnen. Inzwischen sind wir mit unserem Sohn nicht nur in Groß-Berlin unterwegs, sondern deutschlandweit. „Und ich begrüße die Jungs der F-Jugend aus Berlin, und viel Erfolg beim Turnier in Stuttgart“, sprach der Pilot während des Fluges, zum Glück schlief unser Sohn gerade, sonst hätte er einen Höhenrausch gekriegt. „Mein Sohn spielt auch Fußball“, sagte der Manager aus Stuttgart, der neben mir saß und lächelte. „Allerdings in der Region.“ Und schon hatten wir ein gemeinsames Thema. Der Manager plauderte genauso gern über den Kinderkick wie der Handwerker aus Montenegro, der letzte Woche bei uns war.

Nein, nicht alle Fußballeltern sind bis unter die Schädeldecke fußballverrückt. Mein Mann hat als Kind nie gespielt, von da kommt kein Druck. Niemand in der Familie erwartet den kommenden Messi oder Thomas Müller am Küchentisch sitzen zu haben. Warum also der Aufwand, die Zeit, das Geld? Man kann es natürlich ganz vernünftig sehen, wie eine befreundete Mutter: „Wenn er spielt, daddelt er wenigstens nicht auf seiner Spielkonsole herum.“ Und überhaupt – Fußball ist ja viel mehr als Fußball. Ein Kind, das eine starke Leidenschaft hat und mit sieben, acht Jahren lernt, dafür etwas zu tun, vom Binden der Fußballschuhe bis zum Durchstehen eines schwierigen Turniers und dem Umgang mit seinem Trainer – ein solches Kind lernt etwas fürs Leben.

Aber ehrlich gesagt, unser Sohn ließ uns keine Wahl. Wenn wir ein bisschen verrückt sind, dann ist er es ganz und gar: fußballverrückt eben. Bislang kann er einfach nicht genug kriegen. Feldhockey? Damit wären wir bei ihm niemals durchgekommen. Es ist, wie es ist. Und es ist gut so.