Mamas & Papas

Wenn Tierskepsis doch nur vererblich wäre

Wir sind eine tierliebende Familie. Die Chefin mag Fisch, am liebsten gegrillt, der Haushaltsvorsitzende ist stets mit einem Steak zu locken, gern schwarz gegrillt, und die Jungs verschmähen nicht mal Formpressanalogfleisch. Zur Feier jedes auftosenden Fleischskandals geloben wir tapfer vegane Lebensweise. Manchmal schwappt auch die Delfin-Diskussion aus der Schule bis an den Abendbrottisch, aber nur bis zur nächsten Thunfischpizza. Tiere kommen nur als Mahlzeit ins Haus, so lautet eine der wenigen Regeln, die der ansonsten rechtelose Ernährer gnadenlos durchsetzt. Meerschweinchen fiepen, Mäuse ködeln, Hamster stinken und alle sorgen beim werktätigen Menschen schon deswegen für anhaltend schlechte Laune, weil sie nichts tun außer fressen, schlafen, verdauen oder schnackseln. Wie soll man den Kindern ein tugendhaftes Leben beibiegen, wenn im Käfig nebenan Berghain nonstop herrscht?

„Vielleicht eine Schildkröte“, meinte die Chefin. Klar, damit das Winterhalbjahr der Kühlschrank von einem Winterschläfer belegt ist? Warum nicht gleich einen Therapie-Wellensittich, der die ganze Nacht das Beste aus der„Mundorgel“ zwitschert? Gelegentliche Läusebesuche und die dauernde Untermiete der Hausmilbe stillen meinen Tierbedarf völlig.

Leider ist Viecherskepsis nicht vererblich. „Ich will einen Hund“, jammert Hans einmal im Monat. Mein stummer Blick auf die allmorgendlich von Fahrradreifen bereits verbreiterten und vermutlich noch warmen Fladen unserer nachbarlichen Problem-Pudel schrecken den Kleinen nicht. „Das mache ich weg.“ Wahrscheinlich genauso akribisch wie all die anderen Leinenschwinger, die sich immer genau dann mit ihren durchfallfarbenen Plastikbeuteln zu Boden beugen wenn sie sich beobachtet fühlen.

Wir hätten nicht in Urlaub fahren sollen. Denn plötzlich hatte Hans einen Hund. Er hieß Mike, gehörte dem Pensionsleiter und war offenbar das Resultat einer wilden Hunde-Orgie in einem Vorort von Bukarest. „Wo ist Mike?“ fragte Hans jeden Morgen, als selbst die Vögel noch zu müde zum Zwitschern waren. Wie jedes vernünftige Wesen schlief Mike natürlich. Ich leider nicht mehr, weil ich die Stunden zwischen Sonnenaufgang und Frühstück damit verbrachte, Hans von einem Besuch bei Mike abzuhalten. Die Chefin schnarchte derweil hinter ihrem Lärmschutz aus sämtlichen Kopfkissen. Leider war Mikes Körbchen in der Scheune zu klein, um Hans für den Rest der Ferien dort unterzubringen. Psychologen behaupten, ein guter Urlaub bestünde darin, auch mal Zeit zu vertrödeln. Gilt wohl als Erfolg, wenn man 14 Tage ununterbrochen zuschaut, wie sich ein Achtjähriger und ein Hund gegenseitig an einer Leine durch die Gegend zerren. Vergeblich hoffte ich auf den Abnutzungseffekt: Irgendwann würde der Junge die Lust am Tier verlieren. Das hatte noch bei jedem Schulfach funktioniert. Aber nicht bei Mike.

Zum Glück übernahm die Chefin den undankbaren Job, dem Jungen zu erklären, dass wir das Tier nicht mit nach Hause nehmen und daheim auch keine vierbeinige Kotmaschine anschaffen würden. Wie pulverisiert man den Hauch von Erholung, den man sich mit alltäglichem Sekundenschlaf mühsam zusammengedöst hat? Richtig: mit einem heulenden Sohn auf der Rückbank. Ich drehte das Radio auf und pfiff das Beste aus der Mundorgel. Mein Entschluss stand fest: Im nächsten Sommer geben wir Hans sechs Wochen im Tierheim ab.